Darum gehts
- Anthropic und OpenAI kämpfen um KI-Vorherrschaft und planen Börsengang
- Anthropic ist besser auf einen baldigen Börsengang vorbereitet
- Stimmungslage an den Börsen ist brüchig – Experte spricht von einem Tanz auf dem Vulkan
OpenAI und Anthropic schenken sich nichts in ihrem erbitterten Kampf um die Vorherrschaft im Bereich der künstlichen Intelligenz. Wer die bessere Technologie hat, entscheidet das Rennen für sich – ganz nach dem Motto: «The winner takes it all.» Einen Vorteil kann sich dabei jenes Unternehmen erhoffen, das es zuerst an die Börse schafft.
Anthropic ist vor allem für sein Sprachmodell Claude bekannt. Das Unternehmen bietet auch zahlreiche spezialisierte Werkzeuge an, mit denen unter anderem Computercodes entwickelt werden können. Um das leistungsfähige Modell Mythos entstand eine heftige Kontroverse, da befürchtet wird, dass es von Hackern für Angriffe auf Banken oder Regierungsnetzwerke eingesetzt werden könnte.
OpenAI gilt als Pionierin, die sogenannten Large Language Models zum Durchbruch verholfen hat. Das Unternehmen wurde 2015 gegründet und steht hinter dem bekannten KI-Chatbot ChatGPT. Ursprünglich wurde OpenAI als Non-Profit-Organisation gegründet, um die Risiken unkontrollierter KI in Schach zu halten. Heute läuft der operative Betrieb vor allem über eine gewinnorientierte Tochtergesellschaft, an der Grossinvestoren wie Microsoft beteiligt sind. Die komplexe Unternehmensstruktur gilt als eines der grössten Hemmnisse für einen raschen Börsengang.
Vorteil Dario Amodei
Letzten Montag hat Anthropic vertrauliche Unterlagen bei der amerikanischen Börsenaufsicht SEC für seinen Börsengang eingereicht. Dieser könnte bereits im kommenden Herbst stattfinden, wie spekuliert wird. OpenAI scheint noch nicht so weit zu sein, arbeitet aber ebenfalls bereits mit Investmentbanken an den Vorbereitungen für einen Börsengang. Momentan, so scheint es, hat Anthropic-Chef Dario Amodei (42) die Nase vor Sam Altman (41), dem Lenker von OpenAI.
Auch bei der Bewertung durch die Investoren schneidet die Firma von Amodei derzeit besser ab. Anthropic führte zuletzt eine Finanzierungsrunde durch, die das Unternehmen auf eine Bewertung von nahezu einer Billion Dollar hochgeschraubt hat. OpenAI wurde zuletzt im März mit 852 Milliarden US-Dollar bewertet.
Der aufgegleiste Börsengang von SpaceX sowie die Pläne von Anthropic und OpenAI – der amerikanische Kapitalmarkt scheint keine Grenzen zu kennen. Oder vielleicht doch? «Es gibt nur eine begrenzte Menge an Sauerstoff im Raum», sagt Patrick Healy, Experte für Börsengänge in den USA, dem «Wall Street Journal». SpaceX werde eine enorme Menge an Kapital absorbieren können. Darum sei es entscheidend, wer als Nächster in der Reihe stehe.
Tanz auf dem Vulkan
Wie brüchig die Stimmungslage an den Märkten ist, zeigte sich letzten Freitag. Aus dem Nichts rasselten die Aktien vieler Computerchipfirmen in den Keller. Der Nasdaq Composite Index verlor 4,2 Prozent – ein Kurssturz, der so gross war wie vor einem Jahr, als US-Präsident Donald Trump mit seinen Zollplänen die Börsen zum Einstürzen brachte.
«Die Märkte tanzen auf dem Vulkan», sagt ein erfahrener Schweizer Portfoliomanager. Er könne sich gut vorstellen, dass nach den spekulativen Börsengängen von SpaceX, Anthropic und OpenAI die Gefahr immer grösser werde, dass die Techblase platzen könnte. Die Stimmung erinnere ihn an die Zeit des Dotcom-Booms Ende der 1990er-Jahre. Damals kamen Unternehmen in den Markt, die kaum Umsätze generierten. Gehypte Firmen mit Namen wie The Fantastic Corporation oder Think Tools, die grandios an der Schweizer Börse debütierten, aber umso spektakulärer scheiterten.