Darum gehts
Es war ein historischer Exodus. Im März zogen Investoren 11,8 Milliarden Dollar aus Gold-ETFs ab – so viel wie noch nie. Weil sich die Zinssenkungsfantasien mit der Blockade der Strasse von Hormus auflösten, büsste der Goldpreis nach und nach ein Viertel seines Werts ein. Am 17. Juli gab es die gut 31 Gramm des Edelmetalls für weniger als 4000 Dollar. Doch das könnte der Tiefpunkt gewesen sein.
Allmählich kehrt bei den Investoren die Hoffnung zurück. In den ersten Augustwochen gelang ein Ausbruch nach oben. Vieles spricht dafür, dass die seit Jahren laufende Goldhausse weitergeht. Der grösste Treiber bleibt die Entdollarisierung des globalen Finanzsystems. Dass Russland im Zuge des Angriffs auf die Ukraine den direkten Zugriff auf Dollarreserven und US-Treasuries verlor, hat nicht nur beim Aggressor eine Vertrauenskrise ausgelöst. Seit Jahren werden vor allem in Schwellenländern US-Staatsanleihen im grossen Stil durch physisches Gold ersetzt. Wie die Europäische Zentralbank am 2. Juni erstmals bestätigte, hat Gold die US-Treasuries als grösstes Reserve-Asset der Notenbanken abgelöst. Ein Ende in der Entwicklung ist nicht in Sicht.
«Wir sehen nach wie vor eine solide Unterstützung von Gold durch die Zentralbanken. Sie sind weiterhin kaufbereit», sagt Krishan Gopaul, Analyst beim World Gold Council. Besonders kauffreudig ist China. Die People’s Bank of China hat ihre Goldreserven im Juli im 21. Monat in Folge ausgebaut. 20 Tonnen Gold wurden in die Tresore gelegt, so viel wie seit 2023 nicht mehr. «Die Rolle Chinas in diesem Bullenmarkt für Gold wird immer noch massiv unterschätzt», sagt Jim Luke, Goldexperte bei Schroders. Die 2002 gegründete Shanghai Gold Exchange ist inzwischen die grösste Börse für physisches Gold. Der Osten hat den Westen als Zentrum des Goldmarkts abgelöst.
China spielt Go, die USA pokern
China verfolgt auch beim Gold eine langfristige Strategie. Im 15. Fünfjahresplan wurde die Währungsunabhängigkeit als Priorität der nationalen Sicherheit festgeschrieben – mit Gold als Fundament. Künftig könnte das Edelmetall etwa im Ölhandel zwischen China und dem Nahen Osten als unabhängige Verrechnungseinheit eingesetzt werden. «China will den US-Dollar nicht über Nacht stürzen, sondern schrittweise durch ein zweites, asiatisch dominiertes Finanzsystem ergänzen. Der Einfluss des Dollars wird so nach und nach zurückgedrängt», sagt Ronald-Peter Stöferle, Managing Partner bei Incrementum, dem Herausgeber des «In Gold We Trust»-Reports. Laut Stöferle spielt China Go – während die USA pokern und Europa das Regelwerk in 24 Sprachen übersetzt.
Bei Go geht es darum, mit Geduld, vielen kleinen Schritten und unbemerkt das Spielfeld zu besetzen, um den Gegner am Ende einzukreisen. Dominieren im Westen Papierforderungen, wandert das physische Metall kontinuierlich in den Osten. Dort hat es laut Stöferle eine strategische Bedeutung. Falls das Papiergeldsystem ins Wanken gerate und eine neue Währungsarchitektur verhandelt werden müsse, sitze die Nation am längsten Hebel und besitze das meiste reale Gold. «Wer physisches Gold hält und nicht nur Papierforderungen, wird die Bedingungen der künftigen Weltfinanzordnung mitbestimmen.»
Kurzfristiger und für die breite Bevölkerung greifbarer sind die Schuldenberge. Die werfen immer längere Schatten auf das Fiat-System. In den USA läuft die National Debt Clock auf Hochtouren. Erst kürzlich hat das Land einen Schuldenstand von 40’000 Milliarden Dollar erreicht – das sind 360’000 Dollar pro Steuerzahler. Weil die Verbindlichkeiten schneller wachsen als die Wirtschaft, liegt die US-Staatsschuldenquote bei 123 Prozent des BIP, im Jahr 2000 waren es noch 56 Prozent. 3,7 Prozent des BIP wenden die USA inzwischen für Zinszahlungen auf. Besserung ist nicht in Sicht. Weil Republikaner wie auch Demokraten mit Geld um sich werfen, sollen es 2030 bereits 4,2 Prozent sein. In Europa sieht die Lage nicht besser aus. Von Russland bedrängt, wird kräftig in Rüstung investiert. Selbst Deutschland hat seine Rolle als Sparmeister aufgegeben.
«Schulden, wohin man schaut. Die Welt lechzt nach billigem Geld», sagt Simon Jäger von der Vermögensverwaltung Flossbach von Storch. Die Kölner Firma hat die Depots seit Jahren mit einer ordentlichen Portion Gold ausgestattet und so widerstandsfähiger gemacht. «Wir bei Flossbach haben je nach Strategie fünf bis zehn Prozent Gold in unseren Multi-Asset-Portfolios. Wir raten Kunden, einfach ein bisschen mehr Gold im Depot zu halten», so Jäger. Die Sinnhaftigkeit von Gold erklärt der Experte den Kunden gerne anhand eines Balkendiagramms: Darauf ist zu sehen, dass der Gesamtwert des weltweit geförderten Golds trotz des Preisanstiegs nur etwa ein Viertel der globalen US-Dollar-Staatsschuldenbasis ausmacht. 1980 lag das Verhältnis noch bei fast eins zu eins (siehe Grafik rechts).
Bond-Renditen explodieren
Grundsätzlich gilt: Solange die Regierungen für ihre Staatsanleihen Käufer finden, sind hohe Schulden kein Problem. Japan lebt seit Jahrzehnten mit Staatsschuldenquoten jenseits von 200 Prozent des BIP – jedoch werden die Wertpapiere von inländischen Investoren absorbiert. Ein Anzeichen für eine Schieflage wäre es, wenn die Renditen steigen, obwohl es dafür keine offensichtlichen Gründe gibt. Dann könnte es sein, dass die Schuldverschreibungen nur noch schwer Abnehmer finden. Am 13. August versteigerten die USA neu aufgelegte 30-jährige Treasuries mit einem Yield von 5,216 Prozent – dem Höchstwert seit 2001. Am 19. August musste das US-Finanzministerium die Rückkäufe lang laufender Staatsanleihen verdoppeln, um die Rendite unter Kontrolle zu bringen.
Theoretisch wäre auch ein Abbau der Schulden möglich. Dafür gibt es unterschiedliche Wege. Das «Herauswachsen» wäre die eleganteste Option. Dem wirkt jedoch die ungünstige Demografie entgegen. Sparmassnahmen und Steuererhöhungen sind bei den Wählern unpopulär und stehen daher bei Politikern nicht hoch im Kurs. «Der einfachste Weg, die Schulden loszuwerden, führt über eine schleichende Inflation. Die Teuerung ist gewollt, auch wenn Politiker das nicht an die grosse Glocke hängen», sagt Ulrich Urbahn, Head of Multi Asset Strategy bei Berenberg.
Zum Gold verlieren Fiat-Währungen auf längere Sicht an Wert, ihre Kaufkraft sinkt. Je geringer das Vertrauen in die Fiat-Währung ist, desto stärker der Verfall. Seit der Jahrtausendwende hat sich die Kaufkraft eines US-Dollars laut Thomas Stucki von der St. Galler Kantonalbank halbiert. Beim Euro errechnet er einen Kaufkraftverlust von 44 Prozent. Selbst der Franken von 2000 ist heute nur noch 85 Rappen wert.
Der Inflationsschutz funktioniert wegen der begrenzten Verfügbarkeit. Im Unterschied zu Papiergeld wird Gold nur langsam vermehrt. Soweit bekannt, wurden bisher 218’000 Tonnen Gold, ein Würfel mit einer Kantenlänge von 22,5 Metern, aus dem Boden geholt. «Da Gold unzerstörbar ist, ist der grösste Teil davon noch vorhanden», sagt Christian Brenner, Geschäftsführer des Edelmetallhändlers Philoro. Weil zwischen der Entdeckung eines Vorkommens und der Förderung der ersten Unze im Schnitt 15 Jahre liegen, springt die Produktion selbst bei sehr hohen Preisen nicht unmittelbar an.
Recht verlässlich werden jährlich rund 3600 Tonnen Gold geschürft. Die würden in einen Würfel mit 5,7 Metern Kantenlänge passen. 50’000 bis 60’000 Tonnen sollen sich noch erreichbar im Boden befinden. Auf die Details kommt es nicht an – entscheidend ist, dass sich Gold im Unterschied zu Papiergeld nicht vermehren lässt.
Das Zünglein an der Waage
Angebot und Nachfrage im Goldmarkt sind recht gut ausbalanciert. Zieht der Preis an, nimmt die Schmucknachfrage ab, während gleichzeitig mehr Recycling-Gold auf den Markt strömt. Bei einer Korrektur ist es umgekehrt. Das Zünglein an der Waage sind spekulative Zuflüsse durch Finanzinvestoren, grösstenteils via ETFs. «Finanzinvestoren sind der entscheidende Impulsgeber und für die starken Bewegungen verantwortlich», so Ulrich Urbahn.
Wie geht es den Schweizer Firmen? Was läuft an der Wall Street? Und wie entwickelt sich der Goldpreis? Wir halten dich über die neusten Entwicklungen an den Märkten auf dem Laufenden – hier im Liveticker.
Wie geht es den Schweizer Firmen? Was läuft an der Wall Street? Und wie entwickelt sich der Goldpreis? Wir halten dich über die neusten Entwicklungen an den Märkten auf dem Laufenden – hier im Liveticker.
Die Anleger haben sich nach den Höchstständen zurückgezogen. Es bahnt sich aber eine Rückkehr an: «Wir verzeichnen seit vier oder fünf Wochen Nettozuflüsse in Gold-ETFs. Es fühlt sich so an, als wachse das Interesse, über ETFs in Gold zu investieren, wieder», sagt Krishan Gopaul vom World Gold Council. Die Finanzinvestoren orientieren sich am Dollarkurs und an den Zinsen. Diese beiden Faktoren bewegen den Goldkurs klassischerweise. Weil Gold in Dollar gehandelt wird, ziehen sich die Käufer bei einer Aufwertung des Greenbacks tendenziell zurück.
Die Zinsen wiederum sind für die sogenannten Opportunitätskosten relevant. Diese entsprechen den Renditen, auf die ein Investor bei einem Investment in das zinslose Gold verzichtet. In den USA werden für US-Treasuries saftige Renditen von fast fünf Prozent gezahlt. Entscheidend ist der Realzins, also der Zins nach Abzug der Inflation. Die Verbraucherpreise sind in den USA im Juli um 3,4 Prozent gestiegen. Werden geringe Realrenditen gezahlt oder kippt der Realzins sogar ins Negative, ist die Anziehungskraft von Gold besonders gross.
Hier kommen die Notenbanken ins Spiel. Schrauben sie die Zinsen hoch, tut sich der Goldpreis in der Regel schwer. Umgekehrt sorgen sinkende Zinsen für Rückenwind. «Wenn die Zinsen fallen und eine lockere Geldpolitik eingepreist wird, dann ist Gold ein perfekter sicherer Hafen. Wird ein Zinserhöhungszyklus eingepreist, dann ist Gold kein sicherer Hafen, sondern auch ein Risiko-Asset», erklärt Berenberg-Experte Urbahn.
Problematisch ist, dass der neue Fed-Chef Kevin Warsh seine geldpolitischen Pläne bewusst nicht kommuniziert. Doch langfristig wirken auch hier Kräfte, von denen Gold profitiert. Wegen der hohen Staatsverschuldung müssen die Zinsen möglichst niedrig gehalten werden. Auch die Überalterung der Gesellschaft bringt ein tieferes Zinsniveau mit sich.
Das Depot vergolden
«Weil die Staatsverschuldung langfristig weiterhin steigt, das Umfeld inflationär bleibt und Zentralbanken aufgrund der Sanktionen eben eher Gold halten als US-Staatsanleihen, sind wir sehr optimistisch in Bezug auf Gold», so Urbahn. In ausgewogenen Depots werden bei Berenberg fünf bis zehn Prozent in Gold und Goldminenaktien beigemischt. Das mache aus Diversifikationsgründen Sinn. In den vergangenen zwei Dekaden haben Notenbanken bei jeder Korrektur die Zinsen gesenkt, Anleihen zu einem Schub verholfen und auf diese Weise das Portfolio diversifiziert. «Wegen der Inflation sind den Notenbanken nun die Hände gebunden. Wir kehren zum normalen Umfeld zurück.» Dort habe Gold seine Berechtigung.
Die Vorteile von Gold im Depot entdeckt nach und nach auch die klassische Aktiennation USA. «Die ersten Family Offices aus den USA kommen auf die Idee, Gold beizumischen», sagt Simon Jäger. Dass Gold sich bei US-Anlegern ausbreitet, ist für ihn nicht «der einzige, sondern einer von vielen Nachfragetreibern für Gold».
In New York hat der Vermögensverwalter VanEck seinen Hauptsitz. Imaru Casanova managt dort den ältesten Goldaktienfonds der USA. Auch sie rechnet damit, dass westliche Investoren sich nach der jahrelangen Technologiehausse zunehmend absichern und zumindest Teile des Kapitals von den boomenden KI-Aktien zu Gold transferieren. «So könnte Gold in den nächsten zwölf Monaten wieder den früheren Höchststand von 5500 Dollar erreichen.» Noch grössere Chancen als bei Gold sieht sie in den Unternehmen, die es aus dem Boden holen. «Die Goldminen sind selbst nach der starken Performance im Vorjahr historisch unterbewertet.» Neue Rekorde brauchen sie gar nicht. Da die Kosten pro Unze bei 2000 Dollar liegen, scheffeln sie auch bei einem Goldpreis von 4000 Dollar richtig viel Geld.
Da die Produktion kaum noch über Termingeschäfte abgesichert ist, profitieren die Firmen laut Casanova voll vom aktuellen Marktpreis. Mittels üppiger Cashflows können sie mehr erkunden, ihre Projekte vorantreiben und zukaufen. «Viele dieser Firmen haben mehr Cash als Schulden. Während über 20 Jahren in diesem Sektor habe ich die Minenunternehmen noch nie in einer so starken Verfassung gesehen.» Für den Anleger kommen diese Titel mit einem natürlichen Schutz: Steigen die Kosten, zieht üblicherweise der Goldpreis an, wovon man wiederum profitiert.
Grosse Schwankungen
Für schwache Nerven sind Goldaktien nichts. Tagesschwankungen von 10 Prozent sind keine Seltenheit. Der gesamte Goldminensektor hat eine Marktkapitalisierung von weniger als einer Billion Dollar – also etwa so viel wie Tesla. Die Geldflüsse in den winzigen Markt wirken sich daher recht stark auf die Kurse aus.
Hinzu kommt der Hebeleffekt. Zieht der Goldpreis um zehn Prozent an, steigen die Gewinnmargen der Minen oft viel stärker, da sich die Förderkosten pro Unze kurzfristig nicht verändern. Der Hebeleffekt wirkt natürlich in beide Richtungen. Anders als bei einem Goldinvestment kauft sich ein Anleger mit Goldminen Risiken im operativen Geschäft. Streiks, Energieengpässe, Widerstand gegen Projekte, neue Umweltauflagen, politische Krisen in den Förderländern, Wetter und Erdbeben zählen dazu. Schwankende Fördermengen können sich direkt auf den Kurs auswirken.
Alamos Gold musste etwa nach kleineren Erdbeben in einer Mine und sturmbedingten Stromausfällen die Produktionsprognose etwas reduzieren. Die Aktie wurde abgestraft. Dennoch zählt Imaru Casanova das mittelgrosse Unternehmen nach wie vor zu ihren Favoriten: «Die langfristigen Wachstumsaussichten sind weiterhin hervorragend.» Unter den Large Caps hebt die Fondsmanagerin Agnico Eagle hervor. In G Mining ist sie mit fast fünf Prozent investiert. Da es sich um einen Small Cap handelt, ist es eine gewagte Investition. Setzt sich die Hausse fort, wird Casanova für ihren Mut belohnt.
Dieser Artikel dient ausschliesslich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Die dargestellten Meinungen und Einschätzungen beruhen auf sorgfältiger Recherche, können jedoch nicht die individuelle Prüfung und Beratung durch Fachleute ersetzen. Börsenentwicklungen sind von vielen Faktoren abhängig und nicht vorhersehbar. Investitionen in Aktien, Kryptowährungen und andere Finanzprodukte bergen Risiken, einschliesslich des möglichen Verlusts des eingesetzten Kapitals.
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