Darum gehts
- Das Gehirn bevorzugt sofortige Belohnung
- Unbewusste Kindheitsmuster beeinflussen 80 bis 90 Prozent der finanziellen Entscheidungen
- Regelmässige Sparraten sollten automatisiert werden: Beispiel 20 Prozent des Einkommens monatlich zurücklegen
Viele nehmen sich regelmässig vor, mehr Geld auf die Seite zu legen – aber am Monatsende bleibt vom festen Sparvorsatz oft nicht viel übrig. Das hat nichts mit Faulheit oder mangelnder Willenskraft zu tun, sondern mit den Funktionsmechanismen des Gehirns. Die Motivation ist schlicht nicht immer da. Daher erfordert erfolgreiches Sparen nicht nur den Willen, sondern vor allem ein gut durchdachtes System, das auch an schlechten Tagen funktioniert.
Das Gehirn bevorzugt eine sofortige Belohnung. Dieses Konzept wird in der Verhaltensökonomie auch als hyperbolische Wertminderung oder hyperbolisches Diskontieren bezeichnet. Die Ausgabe von ein paar Franken für einen Kaffee oder einen Spontankauf sorgt für einen schnellen Dopaminschub, während das Zurücklegen desselben Betrags für die Rente in 20 Jahren keine emotionale Befriedigung hervorruft. Die Zukunft erscheint fern und abstrakt, daher «unterschätzt» das Gehirn ihren Wert. Das hat zur Folge, dass selbst Personen mit hohem Einkommen ihre Ausgaben unbewusst so optimieren, dass sie die momentane Zufriedenheit maximieren.
Mit mehr Lohn wollen wir auch besser leben
Ein weiteres Problem ist das fehlende Bewusstsein für die tatsächlichen Ausgaben. Viele führen keine systematische Buchhaltung, wodurch sich kleine Einkäufe, Abonnements oder Schnäppchenangebote unbemerkt summieren. Das Budget wird chaotisch – und das Sparen illusorisch. Ohne einen klaren Überblick über die Finanzen ist es schwierig, rationale Entscheidungen zu treffen.
Die «Inflation des Lebensstils» ist ein weiterer Faktor, der Sparen schwer macht: Mit steigendem Einkommen wächst der Lebensstandard – besserer Kaffee, ein neues Handy, häufigere Restaurantbesuche oder teurere Ferien verschlingen die Gehaltserhöhung. Anstatt zu sparen, wird das Geld durch höhere Erwartungen an sich selbst aufgezehrt, was vor allem für die Mittelschicht ein Hindernis darstellt.
Sparen wird oft als Test der Willenskraft betrachtet. Diese ist jedoch eine begrenzte Ressource und schnell erschöpft. Ohne Plan, Ziel und Automatisierung – beispielsweise einem festen Überweisungsauftrag direkt nach der Lohnzahlung – gewinnen die Versuchungen meist die Oberhand. Das System muss unabhängig von der Stimmung funktionieren, da die Motivation schnell nachlässt.
Abstrakte Ziele nützen nicht viel
Das Fehlen eines emotional ansprechenden Ziels schwächt den Sinn des Sparens zusätzlich. Abstrakte Slogans wie «Ich möchte ein finanzielles Polster haben» reichen nicht aus. Das Gehirn braucht ein konkretes Bild, etwa «In einem Jahr kaufe ich einen neuen Kühlschrank» oder «In fünf Jahren habe ich genug für mein Traumauto gespart». Finanzieller Stress erhöht paradoxerweise die Ausgaben zur Stimmungsaufhellung und führt so zu einer Spirale aus Verschuldung und Frustration. Diese Prozesse laufen oft unterbewusst ab – und lassen sich deshalb nicht allein durch finanzielle Bildung bewältigen. Manchmal kann auch die Zusammenarbeit mit einem Psychologen sinnvoll sein, da sie in der Kindheit, der Evolution und der täglichen Funktionsweise des Gehirns verwurzelt sind.
Das Gehirn nimmt das «zukünftige Ich» als fremde Person wahr, was das Sparen ebenfalls erschwert. Studien zeigen, dass das Nachdenken über die Zukunft dieselben Gehirnbereiche aktiviert wie das Nachdenken über Fremde. Sparen wird somit zu «einer fremden Person Geld geben». Obwohl man versteht, dass das nicht der Fall ist, ruft Sparen damit trotzdem starken emotionalen Widerstand hervor.
Was wir als Kinder lernen, spielt zentrale Rolle
Unbewusste Überzeugungen über Geld, die aus der Kindheit stammen, wirken wie ein Autopilot. Psychologen unterscheiden mehrere Arten solcher «Skripte», die für 80 bis 90 Prozent der finanziellen Entscheidungen verantwortlich sind.
Eine sogenannte Mangelmentalität sorgt dafür, dass sich das Gehirn selbst bei genug Geld ständig auf das konzentriert, was fehlt. Es entsteht ein Teufelskreis: Schlechte finanzielle Entscheidungen erhöhen den Stress, der das Gefühl des Mangels noch verstärkt – und damit wiederum schlechte Geldentscheidungen begünstigt. Die daraus entstandene Scham führt dazu, dass man der Auseinandersetzung mit Finanzen ausweicht, was die Situation verschlimmert und die Scham weiter verstärkt. Scham blockiert insbesondere den Zugang zu Informationen über den Kontostand und verhindert konstruktives Handeln.
Das Gehirn bevorzugt die Aufrechterhaltung des Status quo, auch wenn dieser nicht optimal ist. Jede Veränderung, einschliesslich systematischen Sparens, erfordert das Verlassen der Komfortzone und wird als Bedrohung wahrgenommen. Deshalb wiederholt sich der Satz «Ich fange morgen an» monatelang. Sparen wird erst dann realistisch, wenn wir aufhören, uns auf Motivation zu verlassen, und stattdessen ein automatisches System aufbauen, das unabhängig von Stimmung, Müdigkeit oder Versuchungen funktioniert.
Die wichtigsten Tipps
Genaue Bestandsaufnahme: Erfasse alle Ausgaben, auch die kleinsten, ohne sie zu bewerten. Du kannst dafür eine App oder eine Tabelle verwenden. Nach einer Woche bist du vielleicht überrascht, wie viel Geld du für vermeintliche Kleinigkeiten ausgibst.
Regel zur Einkommensaufteilung: Lege fixe Anteile fest: 60 Prozent für die Grundbedürfnisse (Miete, Rechnungen, Essen, Transport), 20 Prozent für Vergnügen und das Sozialleben, 20 Prozent für Ersparnisse und Investitionen. Überweise die Beträge sofort nach dem Erhalt des Lohns auf ein Sparkonto, bevor du Rechnungen bezahlst oder Einkäufe tätigst. Das schützt deine Ersparnisse vor Versuchungen.
Automatisierung: Richte feste, automatische Überweisungen auf dein Sparkonto, ein Festgeldkonto oder einen ETF-Fonds ein. Regelmässigkeit ist wichtiger als die Höhe des Betrags. Durch die Automatisierung musst du nicht jeden Monat eine Entscheidung treffen und vermeidest es, das Sparen auf später zu verschieben.
Kleine Erfolge und klar definierte Ziele: Fang nicht mit grossen Zielen an, sondern baue dir erst einmal einen Notfallfonds mit 3 und schliesslich mit 6 Monatsgehältern auf. Wenn du dieses Ziel erreicht hast, wende dich grösseren Träumen zu. Sichtbare Fortschritte motivieren und festigen die Gewohnheit.
Veränderung der Umgebung: Entferne Versuchungen aus deinem finanziellen Umfeld. Lass deine Bankkarte an Tagen, an denen du keine Einkäufe tätigst, zu Hause oder versteck sie. Trenne die Karte von deinem Handy, wenn du oft impulsive Käufe tätigst. Führe eine 30-Tage-Regel für grössere Anschaffungen ein – entscheide nach einem Monat, ob diese tatsächlich notwendig sind. Das Ziel ist nicht, auf Vergnügen zu verzichten, sondern die Entscheidungsfreiheit und die finanzielle Sicherheit zurückzugewinnen.
Dieser Artikel erschien zuerst auf Business Insider Polska. Die polnische Wirtschaftsnewsplattform gehört wie Blick zum Ringier-Verlag.