Darum gehts
Kelly Vero (53) lehnt im Haustürrahmen. Hinter ihr das Schlafzimmer. «Der Loft steht eben auf dem Kopf», sagt sie lachend und steigt an ihrer Schuhsammlung vorbei zur Wohnetage hoch. Das passt: Die Britin mit den pinken Haaren krempelt gern Etabliertes um. Seit über 30 Jahren prägt sie die Videogame-Industrie, arbeitete an Klassikern wie «Tomb Raider», «Hailo 3» und «Candy Crush» mit.
Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Näher dran – an Stars, Royals und Menschen mit Geschichten. Hier gehts zum Abo!
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Das Leben zu Hause wird aber nicht von Konsolen, sondern von Vierbeinern dominiert: Vero und ihr Mann, Bank-Data-Spezialist Shawn Crocker (57) teilen den Loft in Aarau mit drei Kaninchen, die sie aus dem Tierheim gerettet haben. «Ivy stammt aus einem Versuchslabor», weiss Shawn.
Geschickt nimmt er die weisse Häsin in seine Arme und zeigt ihre tätowierte Nummer am Ohr. Ihre Adoptivgeschwister Son Goku und Dave, der sich später als Weibchen herausstellte, hopsen frei durch ihre Spielzone in Wohnung und Wintergarten. Kelly kuschelt mit Dave: «Wir mussten ihr erst das Gehen wieder beibringen. Ihre Hinterbeine funktionierten nicht, weil sie in einem Käfig gehalten wurde, der kaum grösser als ihr Körper war.»
Kelly Vero wurde in Nottingham geboren und arbeitete in vielen Ländern, darunter die USA, Deutschland, Australien, Japan und zuletzt Malta, wo sie Shawn am Arbeitsplatz kennenlernte. Vor zehn Jahren zogen die beiden in die Schweiz und landeten schliesslich 2020 in Aarau. «Ich will hier nicht mehr weg», erklärt sie bei einer Tasse Tee bestimmt. «Aarau hat alles, was ich liebe: Geschichte, Architektur und stets viele junge Leute wegen Kanti und Berufsschule.» Um sich mit Sprache und Kultur besser vertraut zu machen, schaut sie die SRF-Serie «Tschugger» und half bis vor kurzem in einem Brocki aus.
Kritisches Denken gefragt
In der hiesigen Game-Industrie Fuss zu fassen, war nicht einfach: «Die Schweiz hat zwar mit den ‹Farming Simulator›-Spielen einen Riesenhit gelandet, und es gibt auch gute Schulen, aber in die Entwicklung von Triple-A-Spielen im Hollywood-Stil wird nicht investiert», erklärt Vero, die zuerst am SAE Institute in Zürich unterrichtete und für Pro Helvetia bei Videogame-Projekten mithalf. «Dafür gibt es seriöse Spiele, zum Beispiel solche, die Alzheimer-Patienten unterstützen.»
2022 gründete sie das am WEF ausgezeichnete Start-up Nak3d. Es verbindet Mode mit dem Metaverse. Die Modehäuser Alexander McQueen und Louis Vuitton zählen zu ihren Kunden: Produkte werden digitalisiert, archiviert, und Modeshootings übernimmt die KI am Computer. Die Futuristin versteht die Bedenken bezüglich KI: «Momentan bewegen wir uns durch die KI-Technisierung, und niemand lernt etwas dabei. Kritisches Denken wäre gefragt.»
Von Ozzy Osbourne und Vampiren
Die Tech-Begeisterung begann für Kelly Vero während ihrer ersten Familienferien in Spanien: Die Zehnjährige entdeckte eine Spielhalle und gab ihr ganzes Sackgeld dort aus. «Es veränderte mein Leben», erinnert sie sich. An Weihnachten darauf bekam sie ihren ersten Computer. «Ich sass den ganzen Tag mit einer Coding-Anleitung davor und probierte Sachen aus, bis mich mein Vater in den frühen Morgenstunden unter Tränen vom Bildschirm loseiste.» Sie ist eine Rebellin, wird mit einer Autismus-Spektrum-Störung diagnostiziert und fliegt von der Schule – wegen satirischer Poster über ihre Lehrer. «Ich habe grosse Ideen und Meinungen», gibt Vero zu. «Ich musste in der Schweiz lernen, mich etwas zurückzunehmen.»
Schon früh mit einem Flair fürs Bunte ausgestattet, jobbt sie mit einer brasilianischen Karnevalskrone auf dem Kopf in einer LGBT-Bar. Sie erzählt einem Gast, sie hätte sich das Codieren beigebracht. Er gibt ihr den ersten Videogame-Job. Als Frau bleiben ihr aber viele Türen verschlossen. Kriegsspiele – davon verstehen Frauen doch nichts, hiess es. «Ich war gerade obdachlos und lebte in meinem Auto neben einer Kaserne. Für ein Dach über dem Kopf, warme Mahlzeiten und die Chance, mehr über Handgranaten zu erfahren, ging ich ins Militär und als Soldatin nach Bosnien.» Zu ihren Lehr- und Wanderjahren gehörten auch Assistenzjobs bei einem Plattenlabel und bei Rockmusiker Ozzy Osbourne und seiner Frau Sharon.
Inzwischen ist die Fürsprecherin von Frauen in der Tech-Branche auch Autorin von Sachbüchern («Breaking Through Bytes: Women Shaping the Digital World») und Romanen. Der in Malta angesiedelte Vampir-Krimi «Summer Girl» wird demnächst von Apple als TV-Serie adaptiert. Vor dem Casting in London steht aber noch ein Trip mit dem Camper bevor: Die Kaninchen sollen wieder mal Gras unter die Füsse bekommen.