Geschichte eines Bestsellers
Wie das Halbtax zum ÖV-Hit wurde

Das Halbtax ist mit 3,5 Millionen Nutzern das beliebteste ÖV-Abo und hat eine bewegte Geschichte. Auch Roger Moore spielt dabei eine Rolle.
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Die blaue Halbtax-Karte musste früher bei jeder Fahrt präsentiert werden.
Foto: Walter Bieri

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Holger Alich
Handelszeitung

Das Problem ist alt: der Tarifdschungel im Bahnverkehr. Ende des 19. Jahrhunderts wurde das Problem noch dadurch verschärft, dass eine Vielzahl privater Bahnen um die Gunst der Reisenden buhlte. Um Geschäftsreisenden das Leben zu erleichtern, führten die wichtigsten Anbieter, darunter die SBB-Vorläufer wie die Vereinigten Schweizerbahnen, im Jahr 1890 ein «Abonnement für Fahrten mit halben Billetten» ein. Das Halbtax war geboren und kostete damals 120 Franken für Fahrten in der dritten Klasse. Das war kein Schnäppchen, denn dieser Preis würde heute rund 1500 Franken entsprechen. Wer der Erfinder des Halbtax war, ist nicht überliefert.

Der Verein Schweizerischer Geschäftsreisender war mit dem Halbtax aber nicht zufrieden, denn seine Mitglieder mussten weiterhin Schlange stehen, um Billette zu kaufen. Daher lancierten sie die Idee des Generalabonnements (GA), das 1898 von 15 Bahnen eingeführt wurde. Das GA verdrängte zunächst das Halbtax, welches erst 1923 wieder eingeführt wurde. Heute ist das Halbtax deutlich wichtiger als das GA: Rund 3,5 Millionen Halbtax-Besitzern stehen gut 423’000 GA-Nutzer gegenüber.

Boom dank Borromini

Den richtigen Durchbruch erlebte das Halbtax erst spät, genauer gesagt ab 1987. Aufgrund der Sorge um das Waldsterben beschloss das Parlament, das Halbtax für sechs Jahre mit 318 Millionen Franken zu subventionieren. Mit dieser Massnahme sank der Preis des Abos von 360 auf nur noch 100 Franken. Die damalige 100-Franken-Note zierte das Porträt des Tessiner Barockarchitekten Francesco Borromini. «Ein Halbtaxabo für einen Borromini» wurde zum Hit, auch dank der Werbekampagne. Und die Verkäufe explodierten: Hatten 1986 erst 280’000 Menschen ein Halbtax, waren es 1990 fast zwei Millionen.

Artikel aus der «Handelszeitung»

Dieser Artikel wurde erstmals im Angebot von handelszeitung.ch veröffentlicht. Weitere spannende Artikel findest du unter www.handelszeitung.ch.

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1992 war es mit dem Geldsegen vom Bund vorbei, und das Halbtax wurde wieder deutlich teurer. 1992 stieg der Preis auf 125 Franken, ab Mai 1993 waren es schon 150 Franken. Die Abozahlen sanken bis 1997 auf noch 1,65 Millionen. Als Gegenmassnahme lancierten die SBB und ihre Partner ein Halbtax mit zwei Jahren Gültigkeit für 222 Franken. Danach ging es mit den Verkäufen wieder bergauf.

Wer legt den Preis fest?

Rund 250 Transportunternehmen und 20 Tarifverbünde haben sich in der Alliance Swisspass zusammengeschlossen. Diese legt unter anderem den Preis für das Halbtax fest. Die operative Leitung obliegt dem Strategierat, der aus 8 bis 13 Mitgliedern besteht. Die SBB, der Zürcher Verkehrsverbund und Postauto haben einen festen Sitz.

Nicht alle Entscheide des Gremiums kommen gut an – so wurde 1999 beschlossen, die Vergütung des Halbtax umzustellen: Nicht mehr alle Billetteinnahmen bilden die Grundlage zur Berechnung der Abgeltung pro Bahnbetreiber, sondern die effektiven Einnahmeverluste, die durch das Halbtax entstehen. Das heisst: Je höher die Verluste, desto mehr gibt es aus dem Vergütungstopf. Ein Dutzend Bündner Bergbahnen stiegen damals aus. Ein- und Austritte gibt es allerdings immer wieder; jüngst traten die Bergbahnen Adelboden bei.

Vom Swisspass zum Halbtax plus

Wer ein Halbtax besitzt, kann bei 250 Transportunternehmen zum halben Billettpreis reisen. Am grundsätzlichen Prinzip hat sich seit der Einführung des Abos im Jahr 1890 nichts geändert, dennoch hat sich der Bestseller weiterentwickelt: Bis 1936 gab es noch drei verschiedene Abos für jede der drei Wagenklassen. Mitte der 90er-Jahre ersetzte die blaue Plastikkarte das alte Abo-Büchlein. Ab 2008 konnte die blaue Karte auch als Gratiskreditkarte genutzt werden.

Im Jahr 2015 führten die ÖV-Betreiber den roten Swisspass ein, und das Angebot der Gratiskreditkarte wurde eingestellt. Mit dem Swisspass können Reisende alle möglichen Billette vorweisen, zum Beispiel auch Skitickets. Von aussen ist der roten Karte nicht anzusehen, was drin ist. Die Daten sind aber auch nicht auf der Karte, sondern zentral abgelegt. Um sie abzufragen, muss der integrierte Chip der Karte mit einem Gerät gescannt werden.

2023 wurde das Halbtax plus eingeführt, wobei der Titel etwas irreführend ist. Denn im Kern ist das neue Produkt ein Zahlungsmittel: Das Halbtax plus 1000 kostet 800 Franken, und der Nutzer kann damit für 1000 Franken Bahn fahren – aber zum Vollpreis. Das Halbtax-Abo muss extra gekauft werden. Trotz anfänglicher Kritik ist das neue Angebot ein Erfolg. Rund 195’000 Menschen haben ein Halbtax plus.

Polemik um das angebliche Aus

Im Oktober vergangenen Jahres sorgte ein Artikel im «K-Tipp» für riesige Aufregung: Demnach plane die Alliance Swisspass, das beliebte Halbtax im Zuge einer grossen Tarifreform einzustellen. Das stimme nicht, erklärte ein Sprecher der ÖV-Allianz. Auch im neuen Tarifsystem solle es das Halbtax geben. Grundlage des neuen Tarifsystems namens Myride ist ein national gültiger Basistarif, bei dem die gefahrenen Kilometer auf Tagesbasis zusammengezählt werden. Ergänzt wird dieser Basistarif durch das Smart-Abo, das gegen eine monatliche Gebühr Bahnfahren mit Rabatt erlaubt – also wie das Halbtax.

Für Vielfahrer sollen das GA sowie die regionalen Abos erhalten bleiben. Ob und wann das neue App-basierte System nach dem Prinzip «Erst fahren, dann zahlen» kommt, ist noch unklar.

Kultreklame der 90er-Jahre: James-Bond-Darsteller Roger Moore wirbt für das Halbtax, das damals noch ein kleines Büchlein war.
Foto: Facebook/SBB

Roger Moore mit der Lizenz zum «Halbtaxeln»

Als TV-Werbung noch cool war, gönnten sich die SBB in den 90er-Jahren einen ganz besonderen Werbeträger: Roger Moore (1927–2017), bekannt als Geheimagent James Bond alias 007. Die SBB liessen ein Double Moores auf einem alten Dampfzug herumklettern. «Was habe ich früher nicht alles für verrückte Dinge getan, um günstig zu reisen», erzählt Moore aus dem Off auf Deutsch mit charmantem britischem Akzent.

Der Wahlschweizer Moore hält im Dienste der SBB dann sein Abo-Büchlein in die Kamera: «Ich habe jetzt die Lizenz zum Halbtaxeln», witzelt er. «Sein Name ist Abo, Halbtax-Abo.» Später erzählte Moore in einem Interview, dass die SBB ihm dafür ein Halbtax für ein Jahr geschenkt hätten. Danach habe er wieder zahlen müssen. «So ist die Schweiz», sagte Moore, der im Mai 2017 in Crans-Montana VS verstorben ist.

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