Darum gehts
- Davos im Ausnahmezustand wegen WEF: Mieter müssen Wohnungen verlassen
- Mietverträge mit Klausel zwingen Bewohner zum Auszug während des Gipfels
- Lokalbevölkerung lebt teilweise in Hühnerstall-Verhältnissen
Es ist WEF und die Alpenstadt im Kanton Graubünden befindet sich im Ausnahmezustand. An jeder Ecke Polizistinnen und Polizisten, Blechlawinen, wohin das Auge reicht.
Und mittendrin: die Davoser Lokalbevölkerung. Viele davon sind dem WEF gegenüber nicht wirklich positiv eingestellt. «Wir sind froh, wenn es wieder vorbei ist», sagt beispielsweise Ellen M.* (29).
Für das WEF muss sie die Wohnung aufgeben
Sie spricht nur anonym mit Blick, denn «Davos ist ein Dorf». Ellen gehört zu den Davoserinnen und Davosern, die während des Gipfels der Weltwirtschaft und Politik ihre Wohnung räumen müssen. Eine Klausel im Mietvertrag verlangt das. «Meine Wohnung ist darum auch relativ günstig. Ich zahle 1300 für eine Dreieinhalb-Zimmer-Wohnung», sagt sie.
In Davos muss man für eine Wohnung an der guten Lage, wie Ellen sie hat, gut und gerne tausend Franken mehr springen lassen. Auch dieses Jahr musste sie vor dem WEF ausziehen. «Wer da jetzt drin ist, weiss ich nicht einmal. Ich will es eigentlich auch gar nicht wissen», sagt M. und lacht. Von Donnerstag bis Samstag, neun Tage lang, muss sie ihrer Wohnung fernbleiben.
«Ich musste mein persönliches Zeug zusammenpacken. Das heisst beispielsweise Badezimmersachen und Kleider.» Deko und Möbel darf sie drin lassen. M. kommt bei ihrer Familie unter, die auch in Davos wohnt. Aber dieses Glück hätten nicht alle, sagt sie: «Leute, die für die Saison erst gerade angekommen sind und noch niemanden kennen, haben ein Problem.»
Davoser leben in Hühnerstall-Verhältnissen
Es gäbe viele Mieterinnen und Mieter, die für das WEF ihre Wohnung räumen müssen, schildert M. eindrücklich: «Ich kenne Leute, die vier, fünf Leute in ihrer Zwei-Zimmer-Wohnung aufgenommen haben. Da schlafen dann teilweise acht Leute überall: auf dem Sofa, auf dem Boden, in der Küche und so weiter.»
Die Lokalbevölkerung lebt in Hühnerstall-Verhältnissen – während sich die WEF-Besucher in ihren Wohnungen breitmachen. Die Suche nach Schlafplätzen verkommt teilweise zu einer verzweifelten Angelegenheit. «Es sind wirklich viele, die so leben müssen während des WEF», sagt M.
Das Problem ist allgegenwärtig, aber aussichtslos. «Wir wissen alle von der WEF-Klausel im Vertrag und haben ihn unterschrieben. Wir werden nicht gezwungen, aber irgendwie haben wir doch keine Wahl.» Denn ohne WEF-Klausel gäbe es gar keinen günstigen Wohnraum mehr in Davos. «Ohne WEF-Klausel kriegst du für 1300 Franken dann halt nur eine 1-Zimmer-Wohnung.» Viele Locals hier oben arbeiteten in der Gastronomie auf dem Berg. Der Lohn reicht knapp.
Es geht auch schlimmer
Alles in allem will sich M. nicht über den Deal beklagen: «Weil es nur eine Woche ist, weil ich hier meine Familie habe, weil ich nicht viel räumen muss. Und ich habe eine mega Wohnung zu einem guten Preis.» Das Problem in Davos: «Entweder gibt es hier oben Wucherpreise oder die WEF-Klausel.»
Doch es geht noch schlimmer, sagt M. jetzt ein wenig ernster. Sie lebte vor einigen Jahren in einer Wohnung, die für das WEF für drei Wochen komplett geräumt werden musste.
«Alle privaten Sachen, alle Möbel, alles musste raus. Piekfein geputzt, so als gäbe ich die Wohnung ab.» Ihr Zuhause wurde in Büros verwandelt. «Ich musste sogar die Löcher für Bilder in den Wänden zuspachteln.» Dann, ein paar Wochen darauf, durfte sie wieder einziehen. Und im Jahr darauf ging alles wieder von vorne los. «So etwas mache ich nie mehr mit!»