Darum gehts
- Wallis diskutiert kantonale Gebäudeversicherung nach Katastrophen in Blatten und Crans-Montana
- Versicherungsbranche würde riesigen Markt verlieren, Vorstoss stösst auf starken Widerstand
- Kantonale Versicherung könnte Prämienlast verringern
Die Versicherungslobby im Wallis ist alarmiert: Das Schreckgespenst einer kantonalen Gebäudeversicherung steht im Kantonsparlament auf der Agenda. Nach dem Bergsturz in Blatten im Sommer 2025 und dem Bar-Inferno in Crans-Montana in der Silvesternacht mit 40 Toten ist eine heftige Debatte zu erwarten, zeigen Recherchen.
Für private Anbieter würde mit der Einführung einer solchen Versicherung ein riesiger Markt wegfallen. Derzeit sind die Gebäude im Kanton privat versichert, wobei eine Versicherung nicht obligatorisch ist. Im März wird im Kantonsparlament ein Vorstoss behandelt, gemäss dem die Kantonsregierung zwei zentrale Punkte prüfen muss. Erstens: ein Obligatorium zum Abschluss einer Gebäudeversicherung. Zweitens: die Einführung einer kantonalen Gebäudeversicherung.
Geschäft in dreistelliger Millionenhöhe
Der Vorstoss hat die Versicherungsbranche aufgescheucht: Mit den Prämien kommt ein Betrag im dreistelligen Millionenbereich zusammen. Das lohnt sich auch für die Versicherungsangestellten, die bei Neukunden Jahresprämien von 20 bis 25 Prozent als Provision einstreichen. Entsprechend wenig Freude hat man in der Branche allein schon an der Idee, eine kantonale Versicherung überhaupt zu prüfen. Anfänglich wurde der Vorstoss von vier Grössrätinnen und Grossräten unterzeichnet. Drei von ihnen zogen ihre Unterschrift unter anderem wegen der Versicherungsbranche zurück.
Die Versicherungslobby macht Powerplay: Blick hat mit knapp einem Dutzend ehemaligen und amtierenden Grossräten und Grossrätinnen gesprochen, die Hälfte davon aus dem bürgerlichen Lager. Die Vertreter der Neo und der Mitte möchten anonym bleiben, bestätigen jedoch, im letzten Jahr mindestens einmal von Versicherungsvertretern angegangen worden zu sein. Im einen Fall erfolgte gleich eine Vielzahl von Anrufen und persönlichen Kontaktaufnahmen.
Nur eine blieb übrig
Nur Silvia Eyer (40), Grossrätin und Urheberin des Vorstosses, blieb am Ende übrig. Bei der SP-Politikerin hatten die Versicherungsagenten offenbar keine Hoffnung, ihr den Vorstoss ausreden zu können. «Eine kantonale Gebäudeversicherung investiert deutlich mehr in die Prävention und die Prämien sind tiefer, weil sie nicht gewinnorientiert ist», erklärt Eyer gegenüber Blick. So fliessen im Kanton Basel-Stadt gut 30 Prozent der Nettoprämieneinnahmen in die Prävention.
Marie-Claude Schöpfer-Pfaffen (48) von der Neo hat ihre Unterschrift zurückgezogen. «Ich wurde zwar von Vertretern der Versicherungsbranche kontaktiert. Die Unterschrift habe ich aber wegen meiner damaligen Funktion als Parteipräsidentin zurückgezogen, da die Positionen innerhalb der Fraktion gespalten waren», sagt sie auf Anfrage.
Als die Versicherungsagenten applaudierten
Aus Sicht der Grossrätin geht der aktuelle Diskussionsbedarf im Parlament weit über die Frage hinaus, ob es eine kantonale Gebäudeversicherung braucht oder nicht. «Die Kantonsregierung muss nun vorangehen. Es geht um Themen wie das Zusammenspiel zwischen Kanton und Gemeinden, Schulungen, Zuständigkeit, Kontrollen und Gesetzeslücken. Das alles muss nun diskutiert werden.»
In der Schweiz setzen aktuell 19 Kantone auf eine kantonale Gebäudeversicherung. Im Kanton Zürich beträgt die Jahresprämie bei einem Versicherungswert von 800'000 Franken rund 230 Franken. Bei der kantonalen Gebäudeversicherung im Kanton Bern fällt bei diesem Versicherungswert eine Prämie von gut 400 Franken an. Im Wallis sind es in diesem Fall zwischen 500 und 800 Franken. Die Preisspanne kommt durch unterschiedliche Leistungen und Risiken – beispielsweise das Brandrisiko bei Holzbauten oder modernen Minergiebauten – zustande. Aus Politikerkreisen ist zu hören, dass eine kantonale Versicherung rund 30 Prozent günstiger sein könnte.
Ob und wie viel günstiger eine kantonale Gebäudeversicherung für die Walliser Eigentümer wäre, kann nur eine vertiefte Analyse beantworten.
Der Vorstoss dürfte von der Versicherungsbranche, wie in der Vergangenheit, mit grossem Einsatz bekämpft werden. 1997, 2003 und auch 2015 wurden ähnliche Vorstösse vom Kantonsparlament deutlich bachab geschickt. Zwei ehemalige Grossratsmitglieder erinnern sich daran, wie die Versicherungsagenten 1997 im Grossratssaal in Sitten in der Galerie sassen und nach der Ablehnung applaudierten. Der Vorstoss dürfte es auch dieses Mal schwer haben.
Das sagt die Versicherungsbranche
Beim Schweizerischen Versicherungsverband SVV heisst es auf Anfrage, dass die Privatversicherer keine Bewilligungs- oder Kontrollbehörde sein können. «Entsprechend liegt die Verantwortung für nicht umgesetzte Vorschriften bei den Kantonen beziehungsweise den Gemeinden oder anderen vom Kanton Beauftragten», schreibt ein Mediensprecher.
Die Branche habe sich bereits in die Diskussionen eingebracht. Falls gewünscht, werde man das eigene Know-how verstärkt zur Verfügung stellen, «indem wir beispielsweise den Aufbau eines Expertenpools für Kantone und Gemeinden im Brandschutzvollzug an die Hand nehmen könnten».
Auch zu den Prämien nimmt der SVV Stellung: Ein einfacher Vergleich zwischen den Kantonen greife zu kurz. «Für eine aussagekräftige Vergleichbarkeit müssen unterschiedliche Gefährdungen berücksichtigt werden – sowohl bei Elementar- als auch bei Feuerrisiken.» Das Naturgefahrenrisiko im Kanton Wallis beispielsweise unterscheide sich deutlich von dem im Kanton Zürich.
Die Walliser Grossräte dürfen sich einmal mehr auf umfangreiche Argumente aus der Versicherungsbranche gefasst machen.