Firma gründen mit 55+
So startest du durch, ohne deine Vorsorge anzuzapfen

Gegen Ende der Karriere bei null anfangen und ein Unternehmen gründen – zu riskant? Nicht, wenn man es klug anpackt. Madeleine Diethelm und Daniel Wenger haben es gewagt.
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«Käse ist ein Lifestyleprodukt geworden»: Madeleine Diethelm wurde Unternehmerin statt Rentnerin.
Foto: Raphaël Dupain

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Conny Schmid
Beobachter

Als Madeleine Diethelm im Winter 2024 ihren Käseladen in Bad Zurzach AG eröffnete, musste sie niemandem mehr etwas beweisen. Die gelernte Pflegefachfrau hatte vier Kinder grossgezogen, eine Wirtschaftsschule absolviert und sich den Traum einer Modeschulausbildung erfüllt. Mit 65 hätte sie sich zurücklehnen können. Doch sie entschied sich anders: Sie wurde Unternehmerin. «Wenn ich nichts zu tun habe, werde ich hässig», sagt sie lachend zum Beobachter.

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Das ist ein Beitrag aus dem «Beobachter». Das Magazin berichtet ohne Scheuklappen – und hilft Ihnen, Zeit, Geld und Nerven zu sparen.

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Dass es ein Käseladen wurde, war kein Zufall, aber auch nicht geplant. Mit ihrem früheren Mann, einem Molkereimeister, hatte sie jahrzehntelang Käse produziert und in eigenen Läden verkauft. Sie kümmerte sich um die Administration und half, wo sie gebraucht wurde. Nach der Trennung gab er das Geschäft auf, und sie arbeitete als Angestellte in verschiedenen Branchen. Glücklich wurde sie nirgends. «Ich war es gewohnt, die Zügel selbst in der Hand zu halten», sagt sie.

Eines Tages erwähnte eine Kollegin, dass es im Ort kein richtiges Käseangebot gebe. «Also bestellte ich eine Auswahl an gutem Käse und brachte sie auf den Markt. Ich kannte ja viele Produzenten von früher», erzählt sie. Die Resonanz war so positiv, dass die Nachfrage schnell stieg. Dann wurde unverhofft ein günstiges Ladenlokal in der Altstadt frei – und sie griff zu. «Ich begann klein und baute das Angebot schrittweise aus.» Erfahrung und Fachwissen zahlen sich aus: «Bei mir gibt es keinen Nullachtfünfzehn-Käse. Die Leute schätzen die Qualität und Vielfalt. Käse ist ein Lifestyleprodukt geworden.»

Ältere Gründer haben Vorteile

Obwohl sie Unternehmerin mit Leib und Seele ist, kostete der Schritt zur Firmengründung Überwindung. «Eine GmbH bringt einiges mit sich: Versicherungen, eine separate Steuererklärung, Buchhaltung.»

Mit 65 eine Firma gründen – kann das gut gehen? «Unbedingt», sagt Michele Blasucci, CEO der Gründerplattform Startups.ch. «Ältere Gründer gehen seltener in Konkurs.» Seniorpreneurs, wie sie genannt werden, haben Vorteile: Sie bringen Fachwissen, Branchenkenntnisse und Netzwerke mit – wie Madeleine Diethelm ihre Kontakte zu Käseproduzenten.

Zudem sind sie oft vorsichtiger und realistischer bei ihren Zielen. «Ältere gründen nicht für Wachstum und Rendite, sondern aus Freude und für Lebensträume», sagt Andrea May zum Beobachter. Sie ist Chefberaterin bei der Fachstelle für Unternehmensgründungen Ifj.ch. Wenn die Kinder ausgezogen und die privaten Kosten gesunken seien, suchten viele nach einer sinnstiftenden Tätigkeit und mehr Selbstbestimmung.

Handbuchbinder Daniel Wenger machte sich mit 59 selbstständig.
Foto: Raphaël Dupain

So auch Daniel Wenger. Der Vater von drei erwachsenen Kindern wagte mit 59 den Schritt in die Selbständigkeit. Mit seiner Frau gründete er 2021 in einem Haus von 1818 in Oberdiessbach BE das Atelier 1818 – eine Handbuchbinderei mit Café.

«Wir setzen auf Emotionen»

In einem Museumsshop entdeckte das kunstaffine Ehepaar ein handgebundenes Notizbuch. Sie waren so begeistert, dass sie daraus eine Geschäftsidee entwickelten. «Ich wusste, das ist keine Weltneuheit, und wir können nicht gegen internationale Grosskonzerne bestehen. Deshalb setzen wir auf Emotionen», sagt Wenger. Seine Notizbücher fertigt er an hundertjährigen Maschinen mit Einbänden aus Naturmaterialien wie Heu oder Margeriten. Das Handwerk hatte er als junger Mann gelernt, aber nie ausgeübt. Stattdessen reiste er als Verkäufer moderner Buchbindereimaschinen durch Europa. Nun kehrt er zu seinen Wurzeln zurück.

Es funktioniert. Neben den Büchern bietet er Workshops an, verkauft Acrylfarben und «den besten Filterkaffee der Welt». Seine Frau arbeitet zusätzlich extern, er zahlt sich einen kleinen Lohn aus. «Es ist weniger als früher, aber es reicht zum Leben», sagt er zum Beobachter.

Die Gründung war wohlüberlegt. Wenger besuchte Kurse, liess sich beraten und informierte sich über kantonale Vorgaben. Er erstellte einen Businessplan mit klarem Horizont: Fünf bis acht Jahre soll seine Firma bestehen. «Ich wollte einfach noch einmal etwas machen, das hauptsächlich Spass macht.»

Verzweiflung ist kein gutes Motiv

In der Motivation liegt ein Schlüssel zum Erfolg, sagt Andrea May von der Fachstelle Ifj.ch: «Man sollte nicht aus Verzweiflung gründen, weil man Angst hat, keine Stelle mehr zu finden. Es braucht Unternehmergeist.» Michele Blasucci von Startups.ch rät zudem davon ab, in einer völlig neuen Branche zu starten. «Ein Banker, der sich den Traum vom eigenen Restaurant erfüllt – das geht fast immer schief.» Wer seiner Branche treu bleibe, etwa als Berater, sei hingegen meist erfolgreich.

Bei der Fachstelle Ifj.ch und bei Startups.ch ist etwa jeder zehnte Gründer ein Seniorpreneur. Nebst Vorteilen gibt es in diesem Alter aber auch Risiken. «Manche unterschätzen die Arbeitsbelastung», sagt May. «Man muss ehrlich zu sich sein und die eigene Gesundheit realistisch einschätzen.» Eine Krankentaggeldversicherung sei zwingend, auch wenn sie im Alter teurer wird.

Wer spät gründet, riskiert zudem, im Alter nicht genug Geld zu haben, falls die Geschäftsidee scheitert. Deshalb raten May und Blasucci zu einer gründlichen Marktanalyse und dazu, die Idee im privaten Netzwerk zu testen. «Ein Landwirt prüft auch erst den Boden, bevor er aussät», sagt May. Grundsätzlich gilt: Unternehmen von älteren Gründern müssen schneller profitabel werden. Scheitert das Vorhaben, bleibt wenig Zeit, um Finanzlöcher in der Altersvorsorge zu stopfen.

Gelder aus der Pensionskasse oder der Säule 3a sollten Seniorpreneurs nicht antasten. «Das Risiko ist zu gross», warnt Blasucci gegenüber dem Beobachter. Crowdfunding oder private Darlehen seien Alternativen. Bei Banken haben es ältere Gründer oft schwer. «Viele haben zu Unrecht Vorbehalte, da sie nicht dem Bild des dynamischen Jungunternehmers entsprechen.»

Madeleine Diethelm und Daniel Wenger hatten genug eigenes Kapital, um zu starten. «Es muss nicht immer alles neu sein», sagt Diethelm. Maschinen zum Raffeln und Schneiden kaufte sie gebraucht und liess sie überholen.

Sich der Realität anpassen

Trotz betriebswirtschaftlichen Wissens haben beide einen Treuhänder engagiert. «Ich rate das jedem. Gesetze ändern sich, und man muss auf dem Laufenden bleiben. Das schafft man kaum nebenher», sagt Wenger. Laut Michele Blasucci unterschätzen Jüngere diesen Punkt oft. Illusionen machen sich beide nicht. «Man hat weniger Freizeit, Privates und Berufliches vermischen sich stark», sagt Wenger. Er musste seinen Businessplan anpassen, die erste Version war zu optimistisch. Höhere Umsätze, vielleicht sogar Personal – das relativierte sich schnell. Madeleine Diethelm reduzierte ihre Öffnungszeiten von fünf auf drei Tage, weil es zu viel wurde. Da sie vor allem von Stammkundschaft lebt, schadete das nicht.

Daniel Wenger, jetzt 64, will noch etwa fünf Jahre weitermachen und plant bereits seinen Ausstieg. «Ich überführe die GmbH in eine Einzelfirma, um die Struktur zu vereinfachen und Kosten zu sparen, wenn ich 65 bin», sagt er.

Madeleine Diethelm baut ihr Online-Angebot aus und würde am liebsten gar nie aufhören. «Realistischerweise gebe ich mir noch zehn Jahre», sagt sie. Dann ist sie 77 – und hofft, eines ihrer Kinder übernimmt das Geschäft.

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