Darum gehts
- Amazon beliefert die Schweiz vor allem aus Deutschland, Frankreich und Italien
- Im Logistikzentrum in der Nähe von Augsburg (D) arbeiten 2500 Personen und 3050 Roboter
- In Deutschland macht Amazon einen Onlineumsatz von 15 Milliarden Euro
Es rattert und knattert, Pakete flitzen nur so über Laufbänder, Angestellte hantieren mit Hunderten Produkten und Paketen. Im Logistikzentrum von Amazon in Bayern schuften 2500 Mitarbeitende, 24 Stunden am Tag, 6 Tage die Woche. Täglich verlassen mehrere Hunderttausend Pakete das Logistikzentrum, sauber verpackt in Lastwagen. Zigtausende davon dürften täglich ihren Weg in die Schweiz finden. Die genaue Zahl hält Amazon beim Besuch von Blick geheim. Einen exklusiven Einblick hinter die Kulissen des US-Online-Giganten gibt es dennoch.
Amazon ist bei Schweizer Kunden beliebt. Bestellen müssen sie beim Ableger in Deutschland. Eine eigene Website betreibt Amazon hierzulande nicht. Im täglichen Angebot für eine Lieferung in die Schweiz: 400 Millionen Artikel!
Aus Graben (D) bei Augsburg werden nur Waren verschickt, die in einem Wäschekorb Platz haben. Für grössere Artikel sind andere Logistikzentren zuständig. «Das Produkt wird jeweils vom nächsten Standort aus verschickt», erklärt Patrick Geiger (43), Standortleiter des Logistikzentrums in Graben. Den Schweizer Markt beliefert Amazon vor allem aus Deutschland, Frankreich oder Italien. Um den Versand kümmern sich die Post und Quickpac vom Transportunternehmen Planzer.
Die Roboter übernehmen
Doch was passiert, wenn bei Amazon eine Bestellung eingeht? «Zuerst warten wir fünf Minuten», erklärt Geiger. Der einfache Grund dafür: Wenn Bestellungen storniert werden, dann meist innerhalb dieser Frist.
Dann muss es schnell gehen. Denn Geiger verspricht: «Wir schaffen es, dass das Paket innerhalb von 90 Minuten nach Bestelleingang verpackt und verschickt wird». Das geht nur dank modernster Technik – und den 3050 Robotern. «Früher sind unsere Angestellten 12 Kilometer pro Tag gelaufen, heute hilft die Technik aus», so Geiger bei der Führung. Trotz immer mehr Robotern steigt die Anzahl der Beschäftigten in Graben sogar.
Die blauen, selbstfahrenden Roboter, die etwas aussehen wie Staubsauger- oder Mäh-Roboter, bringen die Artikel aus dem Warenlager mit 15 Millionen Produkten direkt zum Angestellten. Oder besser gesagt das gesamte Regal. Ein Mitarbeiter sucht den entsprechenden Artikel heraus und schickt diesen zur Verpackung an die nächste Station.
Zur Sicherheit haben die Roboter ihren eigenen Arbeitsbereich – fast komplett ohne Menschen. Denn die Roboter sind 150 Kilogramm schwer und können 5,5 Kilometer pro Stunde schnell fahren.
Wenn beim Transport der gelben Plastikregale aber ein Artikel herausfällt, muss ein Mensch zu Hilfe eilen. Dank einer Weste mit Sensoren und blinkenden Lichtern nehmen die Roboter den Menschen als einen der ihren wahr. Ohne Weste würden die Roboter den Angestellten einfach über den Haufen fahren. Damit niemand den Bereich betritt, ist dieser umzäunt.
Immer wieder in der Kritik
Amazon ist in Deutschland unangefochten der grösste Onlineshop des Landes. Das EHI Retail Institute schätzt den Onlineumsatz des Konzerns in unserem Nachbarland auf rund 15 Milliarden Euro. Deutschland ist weltweit der zweitwichtigste Markt für den US-Riesen.
Kein Wunder herrscht in Graben an sechs Tagen die Woche Hochbetrieb. Die Angestellten schuften in drei Schichten à jeweils acht Stunden. Die deutsche Gewerkschaft Verdi ruft wegen der Arbeitsbedingungen regelmässig zu Streiks auf. Zuletzt gab es einen in Bad Hersfeld diesen März. Der Grund: zu tiefe Löhne. Seit Jahren kämpft die Gewerkschaft für einen Tarifvertrag.
«Wir zahlen unseren Angestellten deutlich mehr als den gesetzlichen Mindestlohn von 13,90 Euro pro Stunde», argumentiert Geiger. Neue Angestellte ohne Erfahrung verdienen im Zentrum in Graben als Einstiegslohn 16,74 Euro pro Stunde. Nach zwei Jahren steigt der Stundenlohn auf 19,36 Euro. Ein Vorarbeiter verdient zum Einstieg knapp 23,50 Euro pro Stunde.
Für einen Job bei Amazon braucht es kein Vorwissen ausser einfachen Deutsch- und Englischkenntnissen. Neue Angestellte erhalten eine interne Ausbildung von acht Wochen. Insgesamt arbeiten Menschen aus 90 verschiedenen Nationen in Graben.
Gross, grösser, Amazon
Um die Paketflut zu stemmen, betreibt Amazon allein in Deutschland 23 Logistikzentren an 20 Standorten. Doch das ist nur die erste Stufe beim Versand: Hinzu kommen 9 Sortier- und 72 Verteilzentren. Erfolgt keine Direktlieferung, werden die Pakete in den Sortierzentren nach Region und Zielort sortiert. Im Verteilzentrum wird der Lastwagen für die Zustellung sinnvoll bepackt und von Lieferpartnern abgeholt.
Damit hängt Amazon in Deutschland alle ab – auch Otto und Zalando. Der Moderiese betreibt in ganz Europa gerade mal 12 Logistikzentren. Galaxus Deutschland ist mit zwei Lagern und einem Logistikzentrum in Deutschland dagegen ein winziger Fisch, obwohl die Migros-Tochter in der Schweiz Marktführer ist.
Ob Galaxus auch in der Schweiz Konkurrenz von Amazon droht, bleibt offen. Denn der Betrieb von Logistikzentren in der Schweiz ist für den US-Riesen nicht sehr attraktiv: Wegen des Nachtfahrverbots für LKW müsste Amazon die gesamten Arbeitsprozesse anpassen. Die Schweizer Konsumenten erhalten wohl auch in Zukunft Amazon-Pakete mit einem Deutschland-Stempel drauf.