Darum gehts
Die Zusammenfassung von Blick+-Artikeln ist unseren Nutzern mit Abo vorbehalten. Melde dich bitte an, falls du ein Abo hast.
Adalbert Lechners letztes Stündchen schlug am Freitag, 16. Oktober, um 17 Uhr. Ernst Tanner, der Executive Chairman von Lindt & Sprüngli, hatte zu einer ausserordentlichen VR-Sitzung gerufen. Am Konzernsitz in Kilchberg ZH waren ausser ihm selber präsent: Vizepräsident Dieter Weisskopf, Verwaltungsrat Tommy Rinderknecht, zudem Jennifer Picenoni, Hausjuristin und Corporate Secretary. Dazugeschaltet hatten sich die Verwaltungsräte Silvio Denz aus Zürich, Ricarda Demarmels aus Südamerika und Elisabeth Gürtler aus Österreich.
Ein einziges Traktandum gab es, und da es bereits zwei Wochen zuvor in der obersten Führungsetage diskutiert, aber noch nicht beschlossen worden war, fand man schnell Einigkeit: CEO Adalbert Lechners Absetzung wurde einstimmig gutgeheissen.
Dieser Artikel wurde im dem Magazin «Bilanz» veröffentlicht. Weitere spannende Artikel finden Sie unter www.bilanz.ch
Dieser Artikel wurde im dem Magazin «Bilanz» veröffentlicht. Weitere spannende Artikel finden Sie unter www.bilanz.ch
Tanners Mann
Sofort danach suchte Tanner das Gespräch mit seinem langjährigen Vertrauten und eröffnete ihm die Entscheidung des Boards. Lechner (65) reagierte gefasst, auch wenn er eigentlich noch ein, lieber zwei Jahre CEO hätte bleiben wollen: «Ich bin lange genug im Business und sehe das entspannt.» Am folgenden Montag früh um 7 Uhr wurde die Personalie kommuniziert, da hatte Lechner bereits sein Büro geräumt. Es war das schmucklose Ende seiner 33-jährigen Karriere beim Schokoladenkonzern. Dass der Österreicher eines Tages in den VR von Lindt kommt, gilt in Kilchberg als ausgeschlossen. Dabei war Lechner Tanners Mann. Als 2022 die Nachfolge von Weisskopf als CEO geregelt wurde, favorisierten Teile der Konzernleitung Alain Germiquet; Tanner aber setzte Lechner durch.
Lechner ist weg. Tanner bleibt. Und nicht wenige sehen genau darin das eigentliche Problem bei Lindt.
Adalbert Lechner, den alle nur «Bertl» nennen, muss ausbaden, dass der Konzern heuer zwei Mal die Umsatzprognosen nach unten korrigierte – eine unrühmliche Premiere in der 127-jährigen Firmengeschichte. Die Chocoladefabriken Lindt & Sprüngli AG galten immer als Hort der Verlässlichkeit. «Eine zweite Prognosesenkung innerhalb von sechs Monaten beschädigt Lindts Ruf für verlässliche Guidance – einen wesentlichen Pfeiler ihrer Premiumbewertung», so Jean-Philippe Bertschy, Leiter Aktienresearch bei Vontobel. Die Folge: Die Aktie fiel auf den tiefsten Stand seit März 2021. Seit dem Rekordhoch im Juli 2025 hat der Schokoladenkonzern mehr als 40 Prozent oder rund 13 Milliarden Franken seines Börsenwerts eingebüsst.
Der Grund für die Misere: Zuletzt blieben die sonst so begehrten Schöggeli wie Blei in den Regalen liegen. Im Januar 2025 erhöhte man die Preise um zehn Prozent, seit diesem Januar müssen die Kunden noch einmal ein paar Prozente mehr zahlen an der Ladenkasse, im zweiten Halbjahr verteuerte man in einigen Märkten die Preise für gewisse Premiumprodukte gar ein drittes Mal. «Wir haben es mit den Preisen übertrieben», gesteht Tanner nun. «Wir haben in Deutschland, zum Teil sogar in der Schweiz und Österreich überschätzt, welche Preise der Kunde noch akzeptiert.» Die Migros nahm deshalb die Lindt-Produkte für einige Monate aus dem Sortiment, krebste aber vor dem wichtigen Weihnachtsgeschäft wieder zurück.
Neuer CEO ist ein Lindtosaurus
Interimistisch soll nun Dieter Weisskopf den CEO-Posten besetzen. Weisskopf ist ein Lindtosaurus: 71 Jahre alt, seit 31 Jahren bei Lindt, mehr als zwei Jahrzehnte Finanzchef, sechs Jahre CEO, seit 2022 Verwaltungsrat und heute Tanners Stellvertreter. Wie viel Neuanfang kann ein Mann verkörpern, der fast die gesamte Ära Tanner mitgeprägt hat? «Was wir jetzt brauchen in der Firma, ist Planungssicherheit», sagt Tanner. Zahlenmensch Weisskopf soll sie liefern: Er kenne die Firma und ihre Manager in- und auswendig, sei ein Motivator, akribisch in der Planung und diszipliniert – wichtig in der gegenwärtigen Budgetphase 2027. In den ersten Tagen nach Amtsantritt hat Weisskopf alle 25 Länderchefs physisch oder virtuell getroffen, war im Krisenmarkt Deutschland, versucht nun, Aufbruchstimmung zu verbreiten.
Die aber kann realistischerweise erst kommen, wenn ein neuer CEO installiert ist, der nicht das Prädikat «ad interim» hinter sich herschleppt. Auch ausserhalb des Konzerns werde ein solcher nun gesucht, heisst es, weshalb man sich Zeit lasse bis zum nächsten Sommer. Aber es stellt sich die Frage, was der neue CEO denn überhaupt verändern kann: Er oder sie müsse Lindts Geschichte, Struktur und Strategie akzeptieren und die Wachstumsziele von sechs bis acht Prozent mittragen, so Weisskopf in seinem ersten Analystencall.
Frage der Mitschuld
Und damit rückt Tanner in den Fokus. Seit 33 Jahren ist er im Unternehmen und im VR, seit 32 Jahren dessen Präsident, er war bis 2016 CEO, seither ist er Executive Chairman – eine Funktion, die das Schweizer Aktienrecht nicht kennt, die aber ausdrückt, dass er nicht nur bei strategischen Fragen das letzte Wort hat, sondern auch bei operativen. Tanner vereint so viel Macht auf sich wie kaum ein anderer Lenker eines börsenkotierten Konzerns in der Schweiz. Auch weil er die beiden Lindt-Vorsorgestiftungen präsidiert, die mit zusammen 15,43 Prozent die bei Weitem grössten Aktionäre der Firma sind. Zudem hält Tanner selber 1,55 Prozent der Stimmen und ist damit der grösste Einzelaktionär. Eine Aktionärsrevolte ist damit kaum realistisch: Die drei grössten unabhängigen Anteilseigner, UBS, Blackrock und Vanguard, halten zusammen nur 14,2 Prozent der Aktien.
Uneingeschränkte Autorität im Unternehmen geniesst Tanner aber vor allem durch seinen Leistungsausweis. Er machte Lindt vom Sanierungsfall zum Weltkonzern, in den 33 Jahren unter ihm hat sich der Umsatz knapp versechsfacht, der Börsenwert gar vereinundvierzigfacht. Die Marke Lindt ist heute rund um die Welt bekannt – dank Tanner, dank der unter ihm eingeführten Werbefigur Maître Chocolatier, dank des unter ihm engagierten Markenbotschafters Roger Federer. Doch jetzt droht ihm sein Lebenswerk zu entgleiten.
Denn angesichts seiner Machtfülle stellt sich unweigerlich die Frage der Mitschuld. An der letzten Generalversammlung stellte ein Aktionär kritische Fragen bezüglich der Preisstrategie. Tanner selber verteidigte diese und wies auf die Stärke der Marke hin, die solche Preiserhöhungen erlaube: «Gell, Bertl, das ist doch so?», wandte er sich an den neben ihm sitzenden damaligen CEO. Der bestätigte.
«Er hätte wissen müssen ...»
Ein halbes Jahr später klingt Tanner ganz anders. Für die Preisstrategie sei er nicht zuständig: «Die Ausgestaltung der Preise ist eine operative Frage. Das liegt beim CEO und seinem Team.» Eine Schuld beim Board sehe er «absolut nicht». Denn: «Wir haben die Preiserhöhungen sehr stark infrage gestellt.» Hauptproblem war der deutsche Markt, nach den USA der zweitgrösste für Lindt. Die Konsumentenstimmung dort ist schlecht, der Hitzesommer half auch nicht, die Leute zum Schokoladenkonsum anzuregen, und schon lange gilt: Geiz ist geil. Vor seiner Ernennung zum CEO hatte Lechner die deutsche Lindt-Tochter ein Vierteljahrhundert lang geleitet. «Er hätte wissen müssen, wie preissensibel der Markt ist», so Tanner: «Der Einbruch ist in seinem Heimatmarkt passiert!» Neben Lechner muss deshalb nun auch Deutschland-Chef Michal Spiller gehen. «Die beiden haben sich bei den Preisen abgestimmt», so Tanner.
Klar, es gab gute Gründe, im Supermarkt mehr zu verlangen für eine Tafel Excellence, für eine Packung Lindorkugeln oder eine Schachtel Pralinés. Allen voran der Kakaopreis, der sich innerhalb eines Jahres verdreifacht hatte. Und lange Zeit hat es ja auch funktioniert: Die Strategie der Premiumisierung war der Hauptpfeiler für Tanners Erfolg. Doch irgendwann ist die Schmerzgrenze erreicht. Und dieses Irgendwann war an Ostern. Das Management warnte vor weiteren Erhöhungen, allen voran Marketing-Chef Daniel Studer (er verliess Lindt bereits im September). «Dass die Verkaufsleute nicht glücklich waren, höhere Preise beim Handel durchzusetzen, ist klar», sagt Tanner. Stattdessen habe er Alternativen vorgeschlagen: ein striktes Kostenmanagement, Reduktion der Marketingausgaben, insgesamt Einsparungen in der Grössenordnung von 100 Millionen Franken. «Dann hätten wir in einem Übergangsjahr eine kleine Korrektur in der Profitabilität hinnehmen müssen. Das hätten wir mit dem hohen Kakaopreis gut erklären können.»
Königsmörder nicht in Sicht
Es erstaunt sehr, dass Tanner mit seinen Vorstellungen beim Management nicht durchdrang. Entweder er besitzt die operative Macht, die ihm seine Stellung als Executive Chairman verleiht. Dann trägt er Mitverantwortung. Oder er konnte sich gegen Lechner nicht durchsetzen. Dann stellt sich die Frage, wozu Lindt überhaupt einen Executive Chairman braucht.
Schon lange gibt es Forderungen, dass der 80-Jährige – allen Verdiensten zum Trotz – die Macht in Kilchberg abgibt. Bereits seit 2019 fordert die Aktionärsstiftung Ethos die Aktionäre auf, Tanner nicht mehr in den VR und zu dessen Präsidenten zu wählen. Als Gründe nennt sie Tanners hohes Alter, die extrem lange Amtszeit und seine fehlende Unabhängigkeit. Bei der Wiederwahl an der letzten GV erhielt Tanner mit einer Zustimmung von 83,6 Prozent das schlechteste Ergebnis aller Verwaltungsräte. Für ihn nicht das geringste Warnzeichen: «Das sind primär Investoren, die nach Schema F vorgehen: Wie lange man dabei ist, wie unabhängig man ist etc.» Und er legt noch einen drauf: «83 Prozent finde ich so gesehen eigentlich gut.» Jetzt aber steigt der Druck noch mal.
Auch auf das restliche Board. Stolze 114 Jahre ist das achtköpfige Gremium kumuliert schon im Amt, länger als Ernst Tanner (33 Jahre) ist nur Rudolf K. Sprüngli im VR (38 Jahre), der Vertreter der ehemaligen Besitzerfamilie. Die durchschnittliche Amtsdauer liegt bei 14 Jahren; nach 12 Jahren gilt ein Verwaltungsrat bei vielen institutionellen Investoren nicht mehr als unabhängig. Das Durchschnittsalter des VR: 69 Jahre. Und beide Zahlen wären noch höher, wäre diesen April nicht Emmi-Chefin Ricarda Demarmels (47) neu ins Gremium gewählt worden. Sie hätte auch am meisten zu verlieren, wenn Lindt nicht aus der Krise kommt. Klar ist aber auch: Ein Königsmörder ist im VR nicht in Sicht. Tanner hatte seit seiner Amtsübernahme als Präsident immer darauf geachtet, den VR mit ihm gewogenen und/oder untergebenen Personen zu besetzen. «Schleudertrauma vom Kopfnicken», so lautet der böse Spruch über das Board – was Tanner selbstverständlich bestreitet.
Austauschkandidaten
Dass ein Generationenwechsel längst vonnöten ist, wird allerdings auch im VR diskutiert. «In den nächsten Jahren gibt es sicher Änderungen im Board, aber auch in der Philosophie, die stark von Tanner geprägt ist», hört man aus der Firma. Weisskopf hat die erste Erneuerung bereits für die kommende GV im April 2027 angekündigt. Wen er meint, sagt er nicht. Vermutlich aber dürfte es sich um Elisabeth Gürtler (76) handeln, Chefin des Hotels Sacher. Auch für Rudolf K. Sprüngli (74) dürfte das Ende seiner bislang 38-jährigen Amtszeit nahen. Die Familie, so hört man, habe danach nicht mehr die Absicht, weiterhin auf das Unternehmen Einfluss zu nehmen, das ihren Namen trägt. Als Aktionär spielt sie mit 0,48 Prozent schon lange keine Rolle mehr. Später ist auch Unternehmer Silvio Denz (70) ein Austauschkandidat.
Vor allem aber stellt sich dringender denn je die Frage, wie lange Tanner noch an seiner Macht festhält. Wer ihm dieser Tage begegnet, erlebt einen Executive Chairman, dem man seine 80 Jahre weder geistig noch körperlich anmerkt und der noch immer für seine Firma brennt. «Ich bin kein Sesselkleber», sagte er einst im BILANZ-Interview – vor 14 Jahren. Inzwischen gibt es nicht wenige, die an dieser Aussage zweifeln. Hansjürg Klingler, Ex-Konzernleitungsmitglied und langjähriger Weggefährte, sagt: «Ernst Tanner wird man im Sarg aus der Firma tragen müssen.» Ist Nicolas Hayek sr. also sein Vorbild? Tanner bewundert den Gründer der Swatch Group, bei der der Lindt-Chef seit 31 Jahren im VR und seit 15 Jahren Vizepräsident ist. Hayek wurde mit 82 Jahren mit den Füssen voraus aus dem Büro getragen. «Ich glaube, ich habe einen sportlicheren Lebensstil», wehrt Tanner den Vergleich ab: «Aber ich habe Warren Buffett geschrieben, ich würde seinen Rekord nicht überbieten.» Der Gründer von Berkshire Hathaway führte seine Beteiligungsfirma bis Ende letzten Jahres. Da war er 95.
Doch so schnell wird Tanner nicht gehen. «Wenn Lindt & Sprüngli wieder on track ist, übergebe ich gerne», sagt er und konkretisiert: «Ich habe über Jahrzehnte sagen können: Wir gewinnen Marktanteile in jedem strategisch wichtigen Markt. Und bis ich das für zwei Jahre hintereinander wieder sagen kann, werde ich dabeibleiben.» Sein Zeitplan, bis Lindt wieder so erfolgreich sein wird wie früher: «Bis 2028 schaffen wir das, und das entspricht auch unseren Finanzzielen.» Dann ist Tanner 82 Jahre alt.
Schafft er es tatsächlich, wird Tanners letztes Stündchen 2029 schlagen. Schafft er es nicht, stellt sich die Frage erst recht: Wer bringt den Mann zum Gehen?