Darum gehts
- Michel Péclard verlangt Arztzeugnisse von seiner Ex-Frau bei Krankmeldungen.
- Arbeitsrechtler kritisieren die Klausel als unüblich und rechtlich fragwürdig.
- Péclard: «70 Prozent weniger Absenzen», Kostenersparnis bei 800 Angestellten jährlich.
Wer bei Gastro-König Michel Péclard (57) krank wird, der muss zum Arzt. Der Gastrounternehmer verlangt schon ab dem ersten Krankheitstag ein Arztzeugnis. Doch dieses Zeugnis reicht dem Arbeitgeber offenbar nicht: Die Angestellten müssen zusätzlich zu Péclards Ex-Frau. Das zeigt ein Arbeitsvertrag eines ehemaligen Mitarbeiters, der dem SRF-Konsumentenmagazin «Espresso» vorliegt.
Darin steht klipp und klar: «Der Arbeitgeber akzeptiert nur Arztzeugnisse von Dr. med. Mandana Péclard, Ex-Frau von Michel Péclard …». Sucht ein Angestellter trotzdem einen selbstgewählten Arzt auf, verlangt Péclard gemäss Vertrag eine Zweitkonsultation bei seiner Ex-Frau.
Arbeitsrechtler übt Kritik
Bei einem Arbeitsrechtler schrillen die Alarmglocken. «Eine solche Klausel ist unüblich und ist mir noch nie unter die Augen gekommen», sagt Roger Rudolph (56), Professor für Arbeitsrecht an der Universität Zürich, gegenüber SRF. Sein Urteil fällt deutlich aus: «Sie ist in meinen Augen schlicht haarsträubend.»
Denn Angestellte haben grundsätzlich das Recht, ihren Arzt selbst zu wählen. Hat ein Arbeitgeber Zweifel an einem Arztzeugnis, darf er zwar eine Untersuchung durch einen Vertrauensarzt verlangen – und muss diese auch bezahlen. Die generelle Regelung in Péclards Vertrag gehe aber zu weit, sagt Rudolph. Auch die Unabhängigkeit von Péclards Ex-Frau könnte im Streitfall vor Gericht Fragen aufwerfen.
«70 Prozent weniger Absenzen»
Michel Péclard selbst verteidigt die ungewöhnliche Regelung. Die Schweiz habe tolle Sozialsysteme, die man schützen müsse, sagt er zu Blick. «Was dort zusammenbeschissen wird, kann man sich gar nicht vorstellen. Dank dieser Regelung haben wir 70 Prozent weniger Absenzen.» Gemäss Péclard gab es vor fünf Jahren eine Abmahnung der Krankentaggeldversicherung, weil die Zahl der Krankmeldungen derart hoch war. «Auch viele andere Gastronomen und Unternehmer erzählen mir, dass die hohe Zahl von Krankheitstagen ein Problem ist.»
Sein Vorwurf: Einige Angestellte gehen am Vorabend feiern. Oder sehen die tolle Wetterprognose für die Folgetage und melden sich dann krank. Das habe er alles schon erlebt. «Die Personen gehen dann zum Arzt, und der fragt, ob sie drei oder fünf Tage krankgeschrieben werden wollen, oder kriegen ihr Zeugnis via Telemedizin.» Diese Leute würden mit der Regelung der Vertrauensärztin gar nicht erst zum Arzt gehen, weil sie selbst wüssten, dass ihr Verhalten nicht korrekt ist.
Der Gastro-König spricht von enormen Kostenfolgen: «Diese Absenzen haben uns bei 800 Angestellten jährlich mehrere Hunderttausend Franken pro Jahr gekostet.»
Das sagt die Vertrauensärztin
Auch Mandana Péclard sieht nichts Verwerfliches an dieser Praxis. «Das Unternehmen meines Ex-Mannes ist bei Weitem nicht das einzige, welches das so vorsieht», sagt sie zu Blick. «Ich bin als Ehefrau zwar seit 15 Jahren geschieden, aber ich kenne die Betriebe und viele Mitarbeitende gut. Vielen kann ich darum auch besser helfen, wenn wirklich was ist, denn sie vertrauen mir», so Mandana Péclard weiter.
Es liege ihr fern, jemandem mit Symptomen ein Arztzeugnis zu verweigern. «Ich verlasse mich auf mein Wissen und Gewissen und versuche in erster Linie, meinen Patienten zu helfen. Es gibt aber Fälle, in denen Arztzeugnisse leichtfertig oder zu Unrecht ausgestellt werden, zum Teil auch ohne ärztliche Untersuchung.» Da sei eine Zweitkonsultation wichtig.