Darum gehts
Grelle Neonlichter, laute Musik aus Lautsprechern, ratternde Hubwagen: Für Menschen im Autismus-Spektrum oder mit hoher Reizempfindlichkeit wird das Einkaufen schnell zur Belastungsprobe. Doch im Schweizer Detailhandel tut sich etwas. Immer mehr Unternehmen führen die «Stille Stunde» ein. Neu setzt etwa Ikea dieses Konzept in allen Schweizer Filialen um.
Wie der Möbelriese sagt, will man damit ein stressfreies und inklusives Einkaufserlebnis schaffen. Jeden Dienstag von 15 Uhr bis eine halbe Stunde vor Ladenschluss bleibt die Hintergrundmusik aus, Durchsagen beschränken sich auf sicherheitsrelevante Informationen. Zusätzlich richtet Ikea Ruhezonen mit Sitzgelegenheiten ein und schult das Personal im Umgang mit neurodiversen Kunden. Während der «Stillen Stunde» sprechen Mitarbeitende die Kundschaft nicht aktiv an, um niemanden zu überfordern.
Das ist ein Beitrag aus dem «Beobachter». Das Magazin berichtet ohne Scheuklappen – und hilft Ihnen, Zeit, Geld und Nerven zu sparen.
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Was Ikea nun landesweit umsetzt, hat beim Detailhändler Spar bereits Tradition. Im Spar-Markt in Urdorf ZH gibt es seit 2019 beruhigte Einkaufszeiten. Die damaligen Franchisepartner wollten damit eine lokale Autismus-Einrichtung unterstützen. Heute bieten neun Spar-Filialen die «Stille Stunde» an. Mitarbeitende tragen in dieser Zeit auffällige blaue Westen, um als Ansprechpartner leicht erkennbar zu sein. Die entspannte Atmosphäre sorgt gemäss Spar dafür, dass viele Kundinnen und Kunden länger im Markt verweilen.
Selbst Mitarbeitende schätzen die Ruhe
Auch in Baumärkten hält die Ruhe Einzug. Bei Hornbach in Affoltern am Albis ZH und Sirnach TG sorgen gedimmtes Licht, leisere Kassen und ein Stopp für das Einräumen von Regalen für eine reizarme Atmosphäre. Eine Mitarbeiterin, die das Konzept aus ihrem privaten Umfeld kannte, brachte die Idee ins Unternehmen. Die Kundschaft reagiere positiv, selbst die Mitarbeitenden schätzten diese Zeit, heisst es bei Hornbach. Die Entscheidung, ob die «Stille Stunde» auch in anderen Märkten eingeführt werde, stehe noch aus, heisst es bei Hornbach.
- Spar: am Dienstag von 15 bis 17 Uhr und am Donnerstag von 18.30 bis 20 Uhr
- Ikea: jeden Dienstag von 15 Uhr bis 30 Minuten vor Ladenschluss
- Hornbach: jeden zweiten Mittwoch im Monat, 11 bis 13 Uhr
- Spar: am Dienstag von 15 bis 17 Uhr und am Donnerstag von 18.30 bis 20 Uhr
- Ikea: jeden Dienstag von 15 Uhr bis 30 Minuten vor Ladenschluss
- Hornbach: jeden zweiten Mittwoch im Monat, 11 bis 13 Uhr
Hornbach wurde bei der Umsetzung vom Verband Autismus Schweiz in fachlicher Hinsicht unterstützt. Eine 41-jährige Autistin, die nicht mit Namen zitiert werden möchte, beschreibt es gegenüber dem Beobachter so: «Der Unterschied ist gross, das Einkaufen viel weniger anstrengend. Gerüche und andere Menschen bleiben, aber die zusätzliche Reizüberflutung fällt weg.» Auch Kunden ohne Diagnose, darunter viele ältere Menschen, schätzten die entschleunigte Atmosphäre, so Autismus Schweiz.
Nicht alle Grossen machen mit
Doch nicht alle Branchenriesen ziehen mit, wie eine Umfrage des Beobachters zeigt. Lidl beobachte das Konzept zwar, plane aber keine Einführung. Der Detailhändler verweist gegenüber dem Beobachter auf seine übersichtliche Warenpräsentation sowie die ruhigeren Randzeiten zwischen 13 und 15 Uhr. Aldi teilt mit, ohnehin auf Hintergrundmusik zu verzichten, und empfiehlt ebenfalls Randzeiten für lärmempfindliche Kunden. Auch bei Coop und Migros seien keine ähnlichen Projekte geplant. Coop betont jedoch, den Verein Autismus deutsche Schweiz bei anderen Vorhaben finanziell zu unterstützen.
Der Verband Autismus Schweiz hofft, dass sich reizarme Einkaufszeiten als branchenübergreifendes Angebot etablieren und bald kein Sonderfall mehr sind.