Darum gehts
Vor rund zwölf Jahren war es, als Novartis eine neue Marschrichtung vorgab – und Unerhörtes äusserte. Man wolle Roche auf deren ureigenstem Feld, der Onkologie, angreifen, ja mehr noch: «Es ist unser klares Ziel, grösser als Roche zu werden.» Der damalige Novartis-CEO Joe Jimenez kündigte dies in einem Zeitungsinterview an, nicht in der Wirtschaftspresse notabene, sondern im Boulevardblatt «Blick». «Nicht eine Kriegserklärung, aber fast», kommentierte die Westschweizer Zeitung «Le Matin».
Bei Roche rümpfte man die Nase: Ausgerechnet Jimenez, über den auf der anderen Rheinseite hinter vorgehaltener Hand gerne als «Ketchup-Verkäufer» gespottet wurde – er war vor seinem Antritt als CEO bei Novartis beim Ketchup-Hersteller Heinz – und über den der langjährige Roche-Präsident Franz Humer einst im Interview mit BILANZ gestichelt hatte, dieser wäre bei Roche nicht Chef geworden.
Die Aussage von Jimenez war umso bemerkenswerter, als Roche in jenen Jahren der Platzhirsch war, mit Krebs-Blockbustern, die Jahr für Jahr Milliarden in die Kassen spülten. «Wir stellen uns dem Wettbewerb, wie wir es immer gemacht haben», liess ein Roche-Sprecher trocken verlauten, und der damalige Roche-CEO Severin Schwan doppelte nach: «Bei uns gibt die Wissenschaft den Kurs vor – nicht der CEO.»
Powerhouse Novartis
Heute rümpft niemand mehr die Nase über Novartis. Unter Vas Narasimhan, der Jimenez 2018 als CEO ersetzt hat, ist Novartis zu einem der Topplayer in der Onkologie geworden – und Roche nahe auf den Pelz gerückt. Zwar ist Roche in der Onkologie immer noch grösser: Der Bereichsumsatz betrug im ersten Halbjahr 2026 rund zwölf Milliarden Franken, bei Novartis waren es umgerechnet rund sieben Milliarden. Aber Novartis wächst derzeit bei den Krebsmedikamenten deutlich schneller als Roche: 34 Prozent waren es wechselkursbereinigt, bei Roche gerade mal 6 Prozent. Und: Von den beiden Basler Pharmagiganten hat heute nicht Roche das umsatzstärkste Krebsmittel, sondern Novartis, deren stark wachsendes Brustkrebsmittel Kisqali im ersten Halbjahr mit umgerechnet 2,6 Milliarden Franken das Krebsimmuntherapeutikum Tecentriq von Roche mit 1,7 Milliarden überholt hat.
Duell 1: Die CEOs
Novartis ist im Vorteil: Wie Vas Narasimhan den Wegfall bisheriger Umsatzträger kompensiert, gilt als stark.
Die Nummer eins der Welt ist Roche auch längst nicht mehr: Weit davongeeilt ist US-Konkurrent Merck, dessen Keytruda allein im vergangenen Jahr 32 Milliarden Dollar Umsatz machte.
Dabei hatte die Beteiligung an der kalifornischen Biotech-Firma Genentech Roche nach der Jahrtausendwende für rund 15 Jahre eine einzigartige Marktposition verschafft und mit Herceptin (gegen Brust- und Magenkrebs), MabThera/Rituxan (Blutkrebs) und Avastin (verschiedene Krebsarten) wahre Kassenschlager beschert. Doch dann liefen die Patente aus, und aus den Forschungslabors kam nichts Richtiges mehr nach: «Es war enttäuschend und brutal mitanzusehen, wie Roche die Führerschaft in der Onkologie abgegeben hat», sagt Pharmaanalyst Urban Fritsche von der ZKB. «Eine Firma nach der anderen ist an Roche vorbeigezogen.» Generell sei die Konkurrenz im Onkologie-Bereich heute deutlich härter, sagt Terence McManus, Healthcare-Experte und Fondsmanager bei Bellevue Asset Management.
Roche-Chef Thomas Schinecker will Gegensteuer geben und Roche zu neuer Stärke führen. Und er hat auch einige vielversprechende Pfeile im Köcher: allen voran einen Wirkstoff namens Giredestrant, ein Medikament gegen Brustkrebs, das nach Ansicht vieler Experten der neue Standard für die frühe Behandlung dieser Krankheit werden könnte. «Das Medikament hat das Potenzial, die Stärke von Roche im Bereich Brustkrebs wiederzubeleben», sagt Fondsmanager McManus. Die US-Arzneimittelbehörde hat den Zulassungsantrag akzeptiert, Zieltermin für die Entscheidung ist der 30. November. Roche hat damit in Zukunft gute Chancen, im Rennen gegen den Lokalrivalen wieder Boden gutzumachen.
Umschichtungen
Im laufenden Jahr war die Gunst der Börse klar aufseiten von Novartis, deren Kurs seit dem 1. Januar um 16,5 Prozent zulegte, bei Roche waren es nur 6,5 Prozent (Stand 24. Juli). Die Investoren huldigen damit auch Narasimhan, der das Portfolio geschickt verjüngt hat. Das am 21. Juli veröffentlichte Halbjahresergebnis fiel besser aus als die Marktprognosen, Novartis kehrte nach einem Rückgang beim Umsatz nun im zweiten Quartal auf den Wachstumspfad zurück. Wichtig ist dieser Anstieg, weil Novartis damit beweist, dass sie die derzeitige Patentklippe umschiffen und die Rückgänge bei bisherigen Blockbustern kompensieren kann.
Bei Roche, deren Halbjahreszahlen zwei Tage später kamen, war das Ergebnis im Rahmen der Markterwartungen, währungsbereinigt stieg der Umsatz um sechs Prozent. Die Reaktion der Börse war zunächst verhalten – vorbörslich gaben die Roche-Papiere um 0,3 Prozent nach, doch bis Börsenschluss waren es plus 5,1 Prozent. Die Novartis-Titel stiegen auch, allerdings nur um rund zwei Prozent. Das Ringen der beiden Basler Giganten findet eben auch im Sägemehl des Börsenrings statt. «Given the traditional capital flows between both Swiss stocks», wie die Analysten der UBS schreiben – die weltweite Anlegergemeinde schichtet ihr Investment in die Schweizer Pharmaunternehmen je nach Gang der Dinge jeweils gerne um.
Dass Roche nun wieder im angestammten Bereich Muskeln zeigt, überrascht, standen doch zuletzt andere strategische Überlegungen im Vordergrund – der Vorstoss in den boomenden Bereich der Abnehmmedikamente, wo die Segmentkönige Novo Nordisk und Eli Lilly den Takt vorgeben.
Duell 2: Die Produkte
Roche ist im Vorteil: Roche hat eine beeindruckend starke Pipeline und erwartet, allein bis Ende des Jahrzehnts 19 neue Medikamente auf den Markt zu bringen.
In den Markt der Adipositas (Fettleibigkeit) stieg Roche 2023 durch die Akquisition der US-Firma Carmot ein, die aussichtsreiche Wirkstoffe in diesem Bereich entwickelt hatte. Im Segment war Roche im Grunde schon mal drin – bis unter dem damaligen Roche-CEO (und heutigen Verwaltungsratspräsidenten) Schwan ein Entscheid gefällt wurde, den man bald bereuen sollte: 2018 verkaufte die japanische Roche-Tochter Chugai Rechte an einem potenziellen Abnehmwirkstoff an den US-Konkurrenten Eli Lilly. «Im Nachhinein sicher ein Fehler», räumte Schwan vor zwei Jahren in einem Gespräch mit BILANZ ein.
Nachfolger Schinecker warf dann das Steuer herum. Auf den Kauf von Carmot folgte 2025 eine Zusammenarbeit mit der dänischen Zealand Pharma.
Da Roche weiss, dass man Nachzügler ist, will man lieber zwar spät, dafür aber bessere Adipositas-Medikamente in fixen Kombinationen schaffen, etwa indem man Entwicklungen für einen Gewichtsverlust weniger zulasten der Muskelmasse vorantreibt. 2029/30 sollen die ersten Medikamente auf den Markt kommen. Für Michael Nawrath von der unabhängigen Researchfirma Octavian wird für die Adipositas-Wirkstoffe von Roche entscheidend sein, wie sich Nebenwirkungen und Verträglichkeit präsentieren werden: «Ein Grossteil der Therapien mit Abnehmmedikamenten wird schon nach vier Wochen abgebrochen, weil es den Patienten oft schlecht wird, bis hin zum Erbrechen, was ein besonders harter Abbruchgrund ist.»
Ob sich Roche angesichts der riesigen Konkurrenz erfolgreich positionieren kann, bleibt abzuwarten. Auf ihn wirke der Deal wie eine «FOMO-Transaktion» («Fear of missing out» – die Angst, etwas zu verpassen), formulierte Analyst Elmar Sieber von der Basler Kantonalbank einst spitz.
Roche sieht das anders und verweist auf die Sessions 2026 der American Diabetes Association, wo man gute Phase-II-Daten für mehrere Wirkstoffe präsentieren konnte, die das Potenzial des Sektors unterstreichen würden.
Erwartungshaltung steuern
Novartis indes konzentriert sich auf die vier Geschäftsbereiche Onkologie, Herz-Kreislauf, Neurowissenschaften und Immunologie. Ausser dem Verzicht auf den Adipositas-Bereich – und natürlich der Tatsache, dass Roche neben Pharma auch einen starken Diagnostik-Teil unterhält – unterscheiden sich die Strategien gar nicht so sehr. Dass viele Investoren trotzdem lieber auf Novartis statt auf Roche setzen, hat auch mit der Kommunikation zu tun. «Narasimhan macht Eindruck, er weiss genau, was er will, er kennt als studierter Mediziner alle seine Medikamente, man hat Vertrauen, dass er nichts Dummes macht, alles wirkt fundiert – ein genialer Kommunikator», sagt Analyst Fritsche. Die Leute um Narasimhan herum seien ebenfalls stark, sagt Fondsmanager McManus, seinem Investor-Relations-Team gelinge es ausgezeichnet, die Erwartungshaltungen des Marktes zu steuern.
Duell 3: Die Strategie
Roche ist im Vorteil: Nach der gezielten Straffung des Portfolios im Pharmabereich ist das Unternehmen wieder kompakter, und die Verbindung von Pharma mit Diagnostik bietet eine einzigartige Positionierung.
«Bei Roche hingegen kam es in den vergangenen Jahren vor der Schinecker-Ära schon vor, dass Enttäuschungen in der Pipeline den Markt überraschten», sagt Analyst Nawrath.
Das Ganze fing 2022 an, als gleich drei Wirkstoffe in der späten Phase der Entwicklung scheiterten, unter anderem ein Hoffnungsträger gegen Alzheimer – nach Investitionen von mehreren Hundert Millionen Franken. «Plötzlich hatte der Markt das Gefühl, Roche sei nicht mehr fokussiert genug und weniger produktiv in der Forschung und Entwicklung», so Nawrath.
Novartis schafft es seit zwei bis drei Jahren immer besser, die Erwartungshaltung und die betriebliche Realität in Einklang zu bringen. Begonnen hatte die Neupositionierung 2013 mit dem vom damaligen Präsidenten Jörg Reinhardt forcierten Umbau. Kern des Ganzen war ein Asset Swap mit dem britischen Konkurrenten GlaxoSmithKline (GSK), ein ausgeklügelter Tausch von Geschäftsfeldern, mit dem sich beide Konzerne neu fokussierten. Novartis übernahm von GSK den Onkologie-Bereich und startete damit die Forcierung bei den Krebsmedikamenten. Die Briten bekamen im Gegenzug das Impfgeschäft, wo GSK Marktführer war. Unter Narasimhan wurde dieser Prozess weiter verfeinert, etwa 2023 mit der Abspaltung des Generikaherstellers Sandoz.
Nach Anlaufschwierigkeiten hat sich der Amerikaner bei Novartis gut etabliert und führt den Konzern derzeit mit fester Hand – in der Branche gilt er schon fast als Managementstar.
Beliebt in der Schweiz hat ihn dies nicht unbedingt gemacht. Der unprätentiöse Österreicher Thomas Schinecker liegt den Schweizerinnen und Schweizern sicher näher, was aber wohl auch damit zu tun hat, dass sich Roche gegenüber der hiesigen Presse und Öffentlichkeit zugänglicher zeigt als Narasimhan, der mit seinem ganzen Habitus zeigt, dass ihm der kleine und wirtschaftlich unbedeutende Heimmarkt Schweiz im Grunde egal ist.
Beide Konzerne machen rund die Hälfte des Umsatzes in den USA, umso wichtiger sind eine gute Marktpositionierung und die Verteidigung der hohen Medikamentenpreise dort. Wichtig ist, wie immer, wenn es in den USA um Geschäfte geht, natürlich ein direkter und guter Zugang zu US-Präsident Donald Trump und seinen Regierungsleuten. Gut möglich, dass da der Amerikaner Narasimhan gegenüber dem Österreicher Schinecker im Vorteil ist. Beim grossen Treffen der Pharmachefs mit Trump von Ende 2025 war Narasimhan persönlich anwesend, während sich Schinecker in Washington von Ashley Magargee, der Chefin der US-Tochter Genentech, vertreten liess.
Powerplay
Ein Zeichen für die Abhängigkeit von den USA ist die Tatsache, dass der vernachlässigbare Heimmarkt Schweiz indirekt doch eine gewisse Rolle spielt, ist es doch eines der Ziele der USA, dass die Preise dort nicht höher sein sollen als jene in einem vergleichbaren Korb von Ländern wie auch der Schweiz. Weil die Pharmaproduzenten eine gewisse Preisgrenze nicht unterschreiten wollen, droht die Situation, dass gewisse Medikamente in der Schweiz gar nicht lanciert werden, um das Preislevel in den USA nicht zu gefährden. Ein hochemotionales Thema, das sowohl Roche als auch Novartis, die beide offen für höhere Preise weibeln, viel Kritik eingebracht hat.
Da macht es auch kaum einen Unterschied, dass Roche mit der Familie Oeri-Hoffmann einen Grossaktionär im Rücken hat, der sich gerne als sozial verantwortungsvoll und nachhaltig sieht – in dieser Frage sind Roche und Novartis in ihren pekuniären Interessen vereint.
Roche gehört seit Generationen mehrheitlich der Familie, während Novartis heute durch ein breit gestreutes Aktionariat geprägt ist. Die grosse Mehrheit der Aktien von Novartis ist in Händen von institutionellen Anlegern, individuelle Anleger machen gerade mal 19,5 Prozent aus. Nur knapp ist Novartis auch vom Besitz her noch schweizerisch: Die Schweiz stellt zwar 83 Prozent der Aktionäre, doch nur 52 Prozent der Aktien – die vielen Kleinanleger fallen kaum ins Gewicht. Auf Platz zwei folgen amerikanische Investoren mit 26 Prozent.
Bei Roche kontrolliert der Oeri-Hoffmann-Clan 72,6 Prozent der Stimmen. Er hält die Mehrheit mit nur knapp zehn Prozent des gesamten Kapitals. Dies, weil der Grossteil des Kapitals aus stimmrechtslosen Partizipationsscheinen besteht.
Duell 4: Das Aktionariat
Keiner ist im Vorteil: Roche ist mit dem starken Familienaktionär stärker in der Schweiz verwurzelt, Novartis dafür unabhängiger.
Die Struktur ist allerdings ein zweischneidiges Schwert. Einerseits gilt der Familienaktionär als Garant für Stabilität und Kontinuität, anderseits ist der Konzern durch diese Struktur aber auch gefangen. Das Zusammenspiel zwischen Management und Besitzerfamilie ist bei Roche traditionell sehr eng, gerne tut man sich gegenseitig Gutes. Ein Beispiel dafür ist der Rückkauf der Beteiligung, die Novartis über Jahre an Roche gehalten hatte. Novartis-Obmann Daniel Vasella hatte das Paket einst aufgebaut, Hintergrund waren Fusionspläne. Das Roche-Management wehrte sich Schulter an Schulter mit der Besitzerfamilie. Eine Fusion führe zu Unruhe unter anderem in der Forschung, zwei getrennte Firmen seien ein zukunftsträchtigeres Konzept, wurde auf Roche-Seite öffentlich argumentiert, aber es ging auch knallhart um Machterhalt.
2021 wurde die vertrackte Situation aufgelöst: Roche gab den Rückkauf des Pakets bekannt. 19 Milliarden Franken legte Roche auf den Tisch. Dann vernichtete Roche diese Aktien. Weil dadurch nun eine kleinere Gesamtzahl von Papieren bestand, schoss die Stimmkraft der bisherigen Aktionäre in die Höhe. Hauptprofiteur war die Besitzerfamilie, deren äusserst knappe Stimmkraft von 50,01 Prozent mit einem Mal auf komfortable 75,1 Prozent stieg. Aktionärsvertreter Ethos reagierte mit einer bissigen Stellungnahme («nicht im Interesse aller Anspruchsgruppen»). Kritiker wiesen darauf hin, dass man dieses Geld vielleicht besser für zukunftsträchtige Investitionen hätte verwenden sollen, um die nicht eben überquellende Pipeline zu füllen, statt die Macht des Mehrheitseigners zu stärken, und dies notabene, «ohne dass er einen Rappen investieren muss», wie Ethos monierte.
Das Zusammenspiel zwischen Management und der Besitzerfamilie funktioniert, die Löhne von CEO und Verwaltungsratspräsident sind Jahr für Jahr ganz oben in der Liste der Schweizer Managementlöhne (für 2025 bekam Thomas Schinecker 10,2 Millionen, Severin Schwan 5,7 Millionen), Familienvertreter Jörg Duschmalé ist Verwaltungsrat und als Vorsitzender des Entschädigungskomitees der Kassenwart. Die Familie ihrerseits profitiert von üppigen Dividenden – 760 Millionen Franken flossen 2025 an Ausschüttungen an sie.
Bei Novartis kommt keiner der grösseren Investoren auf eine solch grosse Zahl von Aktien (grösste Teilhaber sind der US-Fondsriese Blackrock und die UBS mit je 7,3 Prozent), dass ihm eine Sonderrolle zustünde. Daher liegt in diesem Fall viel Macht beim Verwaltungsrat und dessen Präsidenten. Chairman Giovanni Caforio ist ein gestandener Branchenprofi, vor seinem Antritt bei Novartis hat er unter anderem acht Jahre den Konkurrenten Bristol Myers Squibb als CEO geleitet.
Duell 5: Die Charmen
Novartis ist im Vorteil: Als bestandener Branchenprofi ist Giovanni Caforio ein guter Sparringspartner für einen starken CEO wie Vas Narasimhan.
Sein Nachteil: Seine Bande zur Schweiz sind lose, er tritt hierzulande kaum auf. Das stärkt in der Schweiz das bereits durch Narasimhan geschaffene Bild eines abgehobenen Konzerns, dem seine Schweizer Wurzeln nicht sehr wichtig sind. Dafür kann sich das Gespann Narasimhan/Caforio knallhart auf die Geschäftsinteressen fokussieren, was dem Konzern zuletzt jedenfalls nicht geschadet hat. Und auch nicht den Löhnen der Chefs: Narasimhan konnte sein Salär wegen eines langfristigen, aktienbasierten Vergütungsprogramms auf 24,9 Millionen Franken anheben, Caforio bekam für sein erstes, verkürztes Amtsjahr 2,9 Millionen.
Volle Pipeline
Novartis steht zurzeit sehr gut da, die Wachstumsaussichten sind vielversprechend, das Management macht einen äusserst souveränen Eindruck. Dennoch könnte es durchaus Roche sein, die in näherer Zukunft an der Börse besser performt. Dies auch darum, weil bei Novartis die guten Erwartungen schon stärker eingepreist sind, das Kurs-Gewinn-Verhältnis beträgt rund 22, bei Roche liegt es bei rund 19. Nach den neuesten Zahlen haben viele Analysten Roche auf «buy» gestellt. Vieles hängt davon ab, dass die neusten Versprechungen, etwa beim Brustkrebsmedikament Giredestrant und bei den Adipositas-Entwicklungen, nicht enttäuscht werden und der «Mal abwarten, ob das nicht wieder nix wird»-Malus abgelegt werden kann. Schinecker jedenfalls ist guter Dinge: «Wir verfügen heute über die stärkste Pipeline unserer Geschichte.» Er blicke sehr zuversichtlich auf die nächsten zwei bis fünf Jahre: «Allein bis Ende des Jahrzehnts können wir bis zu 19 neue Medikamente auf den Markt bringen.»
Narasimhan konnte BILANZ kein Zitat entlocken. Auf einen ausführlichen Fragekatalog reagierte die Pressestelle mit einer kurzen Copy-Paste-Passage aus der Pressemitteilung zum ersten Halbjahr. Dort sagte Narasimhan am Schluss: «Wir erwarten im zweiten Halbjahr mehrere wichtige Studienergebnisse und bleiben auf Kurs, unsere Jahresprognose sowie unseren mittelfristigen Ausblick zu erfüllen.»