Darum gehts
Er war ein Mann mit Widersprüchen: Von seinen Managern verlangte er bedingungslosen Einsatz, seine Rüffel waren berüchtigt. Auch sein Misstrauen war legendär, kaum jemandem traute er über den Weg. Seiner Ehefrau Christine hingegen, die er im Alter von 52 Jahren heiratete, schrieb er über dreissig Jahre lang handschriftliche Gedichte.
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Der Hobbydichter und Vollblutunternehmer brachte es auf ein geschätztes Vermögen von 21 Milliarden Franken, was ihn zum sechstreichsten Bewohner der Schweiz und zum zweitreichsten Deutschlands machte. Er selbst war ein Sparfuchs, flog am liebsten Holzklasse und kaufte den Mercedes vom Occasionshändler. Wer mit ihm Interviews führte, wurde mit einem Glas Wasser bei Laune gehalten. Als Mäzen war er dagegen grosszügig, wollte seiner Hamburger Heimat für Millionen eine neue Oper schenken, investierte rund 100 Millionen Euro in den Fussballklub Hamburger SV und bedachte auch die Oper Zürich und das Lucerne Festival mit viel Geld. Und auch hier der Widerspruch: Hahnenwasser und Millionenspenden.
Der Ausnahmeunternehmer
Die Rede ist von Klaus-Michael Kühne. Am 24. August ist der Hamburger Unternehmer mit Schweizer Wohnsitz im Alter von 89 Jahren verstorben. Aus der Spedition seines Vaters Alfred formte er den Weltkonzern Kühne + Nagel, der allein auf einen Börsenwert von 27 Milliarden Franken kommt und der mehrheitlich Kühnes Holding gehört. In den vergangenen Jahren formte der norddeutsche Unternehmer aus seinem einstigen Family-Office so etwas wie eine kleine Deutschland AG, die neben Kühne + Nagel an der Hamburger Reederei Hapag-Lloyd, an der Lufthansa und am Chemikalienhändler Brenntag beteiligt ist. Vor allem im Nachgang der Corona-Krise, als die Dividenden von Hapag-Lloyd und Kühne + Nagel in Milliardenhöhe flossen, legte der Unternehmer in Sachen Beteiligungen noch einmal richtig los und stieg unter anderem bei der Lufthansa ein.
«Was man anfängt, muss man zu Ende bringen», war einer der Leitsprüche Kühnes, und so hat der Patriarch schon vor Jahren sein Erbe geregelt und vor rund zwei Jahren die Schlüsselfiguren in seinem Imperium neu sortiert. «Die Strukturen passen, genauso die Personen, die wir ausgewählt haben», sagte Klaus-Michael Kühne zum Thema Nachlass vor drei Jahren dem «Manager Magazin». Doch trotz aller Vorbereitung: Kenner des Imperiums erwarten, dass es bald zu Machtkämpfen kommen könnte. Denn da gibt es ambitionierte Manager, die nach dem Ableben des Patriarchen nach Macht gieren – und es gibt Strukturen, die zu Konflikten einladen.
Die Stiftung bekommt alles
Klar ist, dass nach dem Tod des Patriarchen die Aktien der Kühne Holding in den Besitz der Kühne-Stiftung übergehen. Als neuer Stiftungsratspräsident folgt auf Kühne dessen langjähriger Vertrauter, der Basler Anwalt Thomas Staehelin. «Er hat die Macht und war schon für Kühnes Vater ein Gewährsmann», sagt ein Konzernkenner. Mit der Übertragung der Holding an die Stiftung wird diese wohl eine der reichsten Stiftungen ganz Europas werden, vergleichbar mit der milliardenschweren Sandoz-Stiftung.
Kühne und Staehelin – die beiden waren ein bewährtes Duo, das sich seit Jahrzehnten vertraute. Als Klaus-Michael Kühnes Vater Alfred in den 1960er-Jahren nach dem Wahlsieg des SPD-Manns Willy Brandt zum deutschen Bundeskanzler den Firmensitz in die Schweiz verlegen liess, holte er sich Rat von der Basler Kanzlei Leo Fromer. Dort arbeitete als junger Anwalt Thomas Staehelin, bewandert in Vertrags- und Handelsrecht. Er wurde für den Unternehmer aus deutschen Landen zum engen Wegbegleiter. Seit 1998 amtet der Basler als Stiftungsrat, nun übernimmt er vom verstorbenen Kühne junior den Vorsitz und steht damit an der Spitze des Imperiums mit dessen Firmenbeteiligungen.
Nachfolger mit mächtigen Familienbanden
Der Mann ist auch ohne die Kühne-Connection ein Schwergewicht. Denn Staehelin ist mit Monique Bonnard verheiratet, und die Familie Bonnard hält gemeinsam mit dem Schindler-Clan die Mehrheit am Ebiker Liftriesen Schindler. So investiert die Familie von Thomas Staehelin derzeit eine halbe Milliarde Franken in den Industriepark Uptown Basel. Prunkstück des Areals ist der erste kommerziell nutzbare Quantencomputer der Schweiz.
Wird nun also ein Anwalt aus dem noblen «Basler Daig» die Kontrolle über die Mini-Deutschland-AG übernehmen, die Kühne zusammengekauft hat? Staehelin selbst stand für ein Gespräch nicht zur Verfügung, gegenüber dem «Schweizer Monat» erklärte er aber einmal, dass er als «nicht exekutiver Stiftungsratspräsident» eines Tages die Nachfolge von Klaus-Michael Kühne übernehmen würde. Sprich, das operative Geschäft bleibt bei der Holding.
Zudem ist Staehelin bereits 78 Jahre alt – und gilt daher als ein Mann des Übergangs. Sein Sohn, Tobias Staehelin, amtet bereits ebenfalls im Führungsorgan der Kühne-Stiftung. Doch ob der 48-jährige Tobias das Präsidium von seinem Vater dereinst übernehmen wird, gilt als offen. Kühne selbst sagte einmal, dass es für seine «Nach-Nachfolge mehrere Kandidaten» gebe. «Da haben wir uns noch nicht festgelegt.» Damit ist die Saat für Zank gelegt, wenn es darum geht, wer langfristig das Sagen im Kühne-Imperium haben wird.
Die Aspiranten
Nun betreten zwei weitere entscheidende Figuren die Bühne. Da ist zum einen Kühnes langjährige rechte Hand, Karl Gernandt, Präsident der Kühne Holding, des Investmentvehikels. Und da ist Jörg Wolle, Präsident von Kühne + Nagel, dem unternehmerischen Nukleus des Imperiums. Dem 69-jährigen Wolle eilt ein Ruf voraus: Er gilt als ehrgeizig und weiss sich mit Ellbogeneinsatz durchzusetzen.
Es würde manchen Beobachter überraschen, wenn er nach dem Interregnum von Staehelin senior nicht nach dem Stiftungspräsidium greifen würde. Wolle selbst ist laut «Bilanz» 375 Millionen schwer. Reich wurde der hünenhafte Selfmade-Millionär, der 1988 aus der DDR geflohen war, dank seines erfolgreichen Wirkens als Chef des Handelshauses DKSH, das er 2012 an die Börse brachte. Wolle hat sich aus eigener Kraft hochgearbeitet – ein Fakt, der Kühne imponiert hat. Wolle war zudem einer der ganz wenigen Menschen, die Klaus-Michael Kühne mit «Du» ansprechen durften.
Doch auch Gernandt dürfte sich nicht einfach abspeisen lassen. Auch ihm werden Aspirationen auf das Stiftungsratspräsidium nachgesagt, sollte Thomas Staehelin Platz machen. Der 65-jährige Gernandt begann seine Karriere bei der Deutschen Bank und übernahm 2009 die Leitung von Kühne + Nagel. Der immer freundlich auftretende Manager war Kühne stets zu Diensten, wenn es irgendwo klemmte. Rumpelte der Diesel auf Kühnes Superjacht «Chrimi III» – was für Christine und Michael stand –, war Gernandt gefragt. Und so war es bereits bei den Vorgängerbooten «Chrimi I» und «Chrimi II». Laut Kennern des Konzerns soll Gernandt zudem das Vertrauen von Kühnes Witwe – ebenfalls im Stiftungsrat – geniessen.
16 Jahre lang führte Gernandt die Holding operativ und baute die globalen Beteiligungen auf. Seit April 2024 amtet er auch als Präsident der Holding. Die operative Leitung gab er derweil an den Ex-Adecco-Finanzchef Dominik de Daniel ab. Damals machten Spekulationen die Runde, dass dies eine Rückstufung Gernandts sei, eine kühnsche Strafaktion für das Finanzdesaster, das ihm die Geschäftsbeziehung mit René Benko bescherte.
500 Millionen verloren
Kühne hatte insgesamt eine halbe Milliarde in das mittlerweile fallierte Immobilienkonstrukt des einstigen Wunder-Wuzzis aus Österreich investiert – und verloren. Gernandt sass als Kühnes Vertrauensmann im Verwaltungsrat von Benkos Immobilienfirma Sigma Prime. Als in Hamburg ein Krisengespräch zwischen Benko und Investor Kühne vereinbart war, flog Gernandt zudem in Benkos Privatjet mit nach Hamburg – eine Extravaganz eines Managers, die Kühne als Ungeheuerlichkeit empfand.
Dennoch hat die Benko-Episode das Vertrauensverhältnis zum jetzt verstorbenen Patriarchen nicht zerstört, wie Kühne gegenüber der «Bilanz» einmal erklärte: «Es gibt keinen Dissens zwischen Gernandt und mir.» Stattdessen sollte dieser durch den Einsatz von de Daniel als operativem Chef der Holding entlastet werden, da er neben seinem Präsidialamt in der Holding auch in den Aufsichtsräten von Lufthansa sowie von Kühne + Nagel amtet und zudem den Verwaltungsratsvorsitz bei der Reederei Hapag-Lloyd innehat.
Gleichzeitig erlaubt es der Rückzug aus dem operativen Tagesgeschäft der Holding Gernandt, eines Tages auf das Präsidium der Stiftung zu aspirieren. Denn die Schweizer Stiftungsaufsicht verlangt, dass der Präsident der Stiftung nicht zugleich operativer Chef der Holding sein kann, die ja wiederum der Stiftung gehört. So musste Gernandt einst den Rat der Kühne-Stiftung verlassen, weil er operativer Chef der Holding wurde. Nachdem er den Posten abgegeben hatte, kehrte er in den Stiftungsrat zurück.
Pikantes Detail: Gernandts interner Rivale Jörg Wolle musste seinerzeit ebenfalls aus Balancegründen die Stiftung verlassen. Mittlerweile ist der Präsident von Kühne + Nagel aber – wie Gernandt – wieder im obersten Organ des Kühne-Imperiums vertreten.
Dreikampf um das Präsidium
Somit gibt es derzeit drei Männer, die in allen entscheidenden Gremien von Kühnes Imperium – Stiftung, Holding und Verwaltungsrat von Kühne + Nagel – agieren: Gernandt, Wolle und Tobias Staehelin, der hier bereits erwähnte Sohn des designierten Stiftungsratspräsidenten Thomas Staehelin. Eine pikante Konstellation. Dank seiner Familienbande zum Schindler-Bonnard-Clan hat Thomas Staehelin indes auch andere Karriereoptionen: Er amtet schon im Verwaltungsrat des Liftriesen, und es gilt als möglich, dass er einst das Präsidium bei Schindler übernehmen könnte, das die Familien Schindler und Bonnard kontrollieren. Sollte das eintreten, wäre Staehelin bei Kühne als Präsident raus.
Mit Blick auf mögliche Kandidaten fällt indes ein weiterer Mann im Rat der Kühne-Stiftung ins Auge, der das Zeug dazu hätte, das Imperium zu führen und der auch als entsprechend machtbewusst gilt: Thomas Buberl. Der Chef des französischen Versicherungskonzerns Axa wurde einmal von Kühne selbst als «einer von mehreren Aspiranten» für den Posten des Stiftungsratspräsidiums bezeichnet. Buberl, der früher das Schweiz-Geschäft der Axa leitete, ist auch Stiftungsrat beim WEF in Davos.
Machtstreit um Milliarden
Die Konstellation scheint mittelfristig nicht besonders stabil und lässt vermuten, dass bald um Macht und Milliarden gestritten wird. Aber das war Kühnes Markenzeichen: Mal setzte der Logistikunternehmer auf den einen, dann auf den anderen, schliesslich zauberte er einen Dritten aus dem Hut, der nach ein paar Jahren aus dem Kühne-Imperium kippte. Jetzt fehlt der Patriarch, und es brechen unsichere Zeiten an.
Sicher ist dagegen, wo der Ausnahmeunternehmer Klaus-Michael Kühne seine letzte Ruhe finden wird: in der Familiengruft auf dem Ohlsdorfer Friedhof im Norden Hamburgs. Dort liegen auch seine Eltern begraben. Gewohnt hat Kühne seit den 1970er-Jahren zwar in der Schweiz, doch seine Liebe galt immer – und bedingungslos – seiner Geburtsstadt Hamburg.