Darum gehts
Als Anfang Juli bekannt wurde, dass die Uhren- und Schmuckmanufaktur Chopard im Val-de-Travers 25 Stellen abbaut, war die Überraschung gross. Nicht wegen der Zahl. Sondern erstens, weil ausgerechnet ein familiengeführtes Unternehmen Leute entlässt, gelten sie in der Uhrenbranche doch als Arbeitgeber mit einem langfristigen Horizont. Und daher auch als willens, schwierige Zeiten möglichst ohne Kündigungen zu überstehen. Und zweitens, weil Chopard die Entlassungen kommuniziert. Zahlreiche Mitspieler – Marken wie auch ihre Zulieferer – sind nämlich seit Monaten dabei, sich neu aufzustellen. Darüber geredet wird jedoch nicht. Auch Co-Präsident Karl-Friedrich Scheufele ergriff nicht freiwillig das Wort, sondern notgedrungen, wie er eingesteht.
Bilanz: Herr Scheufele, Sie bauen 25 Stellen ab und kommunizieren das. So viel Offenheit ist selten in der Uhrenbranche. Was steckt dahinter?
Scheufele: Es kam nicht von uns. Erst als der Entscheid öffentlich wurde – womit zu rechnen war –, haben wir eine Stellungnahme abgegeben. Die Situation ist unerfreulich, aber man muss dazu stehen.
Es ist der erste Stellenabbau bei Chopard. Warum jetzt?
Es hat Monate gedauert, um auszuloten, was für unser Familienunternehmen, seinen Fortbestand und die Mehrheit unserer Mitarbeitenden das Beste ist. Man muss die Entscheidung auch in die richtige Relation setzen: Wir beschäftigen weltweit mehr als 2000 Mitarbeitende, davon rund 900 in der Schweiz. Nun sprechen wir von 25 Personen, die ihre Stelle verlieren.
In Relation scheint die Zahl klein. Weil er allerdings in einer familiengeführten Firma geschieht, klingt der Abbau doch eher wie ein Alarmsignal. Was ist passiert?
Verschiedene Entwicklungen zeichnen sich bereits seit Längerem ab. Der starke Schweizer Franken macht uns allen zu schaffen, ebenso die Zollkonflikte und die angespannte geopolitische Lage. Hinzu kam der Krieg im Nahen Osten. Er war letztlich der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat.
Inwiefern?
Weil dadurch ein für uns wichtiger Markt auf unbestimmte Zeit unsicher geworden ist.
Die Kurzarbeitsentschädigung wird nach 24 Monaten doch nochmals verlängert. Haben Sie die Hoffnung aufgegeben, dass das Geschäft wieder auf Vor-Krisen-Niveau zurückkommt?
Erstens ist es für die Mitarbeitenden psychologisch kaum tragbar, über einen so langen Zeitraum in Kurzarbeit zu bleiben. Zweitens hat sich unser Geschäft verändert. Es gibt Kollektionen, die früher sehr erfolgreich waren und für gewisse Kundengruppen heute schlicht zu teuer geworden sind – insbesondere in China.
Wen trifft es innerhalb Chopards?
Die meisten Betroffenen arbeiteten in der Abteilung Emboîtage, also bei der Einschalung der Uhrwerke in die Gehäuse. Diese Tätigkeit wird auch an unserem Standort in Genf ausgeführt. Es war für uns nicht mehr sinnvoll, beide Abteilungen parallel weiterzuführen. Deshalb haben wir sie zusammengelegt. Dazu kommt ein weiterer, nicht zu unterschätzender Aspekt: die Sicherheit. Der Transport wertvoller Waren zwischen Fleurier und Genf wurde zunehmend zu einem Risiko und war für uns ein zusätzlicher Grund, diese Aktivität an einem Standort zu bündeln. Einigen Mitarbeitenden haben wir angeboten, vom Val-de-Travers nach Genf zu wechseln. Letztlich hat niemand davon Gebrauch gemacht, was ich durchaus nachvollziehen kann. Es hätte entweder einen Umzug oder täglich zwei Stunden Pendelzeit pro Strecke bedeutet.
Ist der Stellenabbau Sparmassnahme oder Strategiewechsel?
Es ist beides. Einerseits müssen wir anerkennen, dass wir heute in bestimmten Kategorien weniger Uhren verkaufen. Wir haben in Fleurier eine Uhrwerkproduktion aufgebaut, die derzeit nur zu rund zwei Dritteln ausgelastet ist. Davon betroffen ist der industrielle Bereich von Fleurier Ebauches, nicht jedoch die Chopard Manufacture, in der unsere hochwertigen L.U.C-Uhrwerke gefertigt werden. Diese Fabrikation ist weiterhin voll ausgelastet. Andererseits – und das ist der strategische Aspekt – werden wir noch stärker in die Ausbildung in verschiedenen Handwerksberufen investieren, als wir es seit Jahrzehnten schon tun. Denn die Nachfrage nach hochwertigen, anspruchsvollen und komplexen Uhren nimmt weiter zu. Das zeigt sich insbesondere bei unserer Marke Ferdinand Berthoud. Sie ist auf vier bis fünf Jahre hinaus ausgelastet.
Am einen Ort haben Sie zu viele Leute, am anderen zu wenige. Klingt nach einer Lösung.
Es ist nicht möglich, jemanden, der bei Chopard in der industriellen Fertigung bei Fleurier Ebauches tätig war, ohne Weiteres bei Ferdinand Berthoud oder L.U.C einzusetzen. Bei beiden Marken ist selbstverständlich höchstes handwerkliches Niveau erforderlich, denn wir sprechen von Haute Horlogerie. Tatsächlich konnten vereinzelt Mitarbeitende zu L.U.C und Ferdinand Berthoud wechseln – doch bleibt dies die Ausnahme und erfordert zusätzliche Ausbildungen.
Sind Sie nun mit 25 Stellen weniger gut aufgestellt, oder werden noch mehr Kündigungen folgen?
Wenn es eine Kristallkugel gäbe und ich sie besitzen dürfte, wäre ich im Moment tatsächlich froh darum. Nicht nur, um Ihre Frage beantworten zu können, sondern ganz grundsätzlich, um zu wissen, wohin die Reise geht. Heute wissen wir es nicht. Tatsache ist, dass die gesamte Uhrenindustrie mehr oder weniger unter Überkapazitäten leidet. Und ohne Namen zu nennen: Es wurden bereits zahlreiche Massnahmen getroffen, über die wenig kommuniziert wurde.
Sie klingen pessimistisch.
Im Gegenteil, ich bin heute optimistischer als noch vor drei Monaten. Die Aktienkurse vieler Luxusunternehmen haben sich zuletzt wieder etwas erholt, und die Börse nimmt Entwicklungen ja manchmal vorweg. Zudem hat Chopard im Juni unsere Erwartungen übertroffen. Wir haben auch das Glück, nicht nur Uhren, sondern auch Schmuck herzustellen. Und aus diesem Bereich kommen nach wie vor sehr positive Nachrichten.
Gibt es im Rückblick etwas, bei dem Sie sagen würden: Das habe ich als Unternehmer falsch eingeschätzt?
Ja, und daraus habe ich zwei wichtige Lektionen gelernt. Erstens sollte man sich weder von einer Aufwärts- noch von einer Abwärtsdynamik mitreissen lassen, sondern stets Mass halten und sich in Zurückhaltung üben. Nach Covid entstand ja eine regelrechte Euphorie, die auch uns dazu verleitete, unsere Produktion auszubauen. Zweitens – und das betrifft die gesamte Schweizer Uhrenindustrie – ist es riskant, sich zu stark auf einen einzigen vielversprechenden Markt zu fokussieren und dort massiv zu investieren. Gerät dieser Markt in eine Krise, wirkt sich das unmittelbar auf das gesamte Unternehmen aus.