Budget-Serie «Die Abrechnung» – Frau (50) mit Long Covid legt Budget offen
«Ich habe kein Polster auf der Seite, mein Geld gab ich immer aus»

Silvia Wermelinger erkrankte vor drei Jahren an Long Covid. Früher verdiente sie gut, heute ist die 50-Jährige auf finanzielle Unterstützung ihrer Eltern angewiesen. Für die «Beobachter»-Serie legt sie ihr Budget offen.
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Die sozialen Kontakte von Silvia Wermelinger beschränken sich auf ihre Familie – das Budget und die Krankheit lassen nicht mehr zu. (Symbolbild)
Foto: IMAGO/Zoonar II

Darum gehts

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Katrin Reichmuth
Beobachter

Vor drei Jahren hat sich Silvia Wermelinger mit Corona angesteckt. Einige Wochen war sie krankgeschrieben, dann ging die gelernte Büroangestellte zurück zur Arbeit. «Es kam mir vor, als ginge jemand anders für mich arbeiten», erklärt Wermelinger, die in Wirklichkeit anders heisst. Ein halbes Jahr und viele neurologische Untersuchungen später kam die Diagnose: Long Covid.

Den Job als Personalberaterin in einem Personalvermittlungsbüro verlor die heute 50-Jährige. Knapp zwei Jahre war sie arbeitslos. Schliesslich musste sie sich eingestehen, dass es so nicht weitergehen kann. Wermelinger meldet sich bei der IV an. Die Abklärungen dauern. Bis zum definitiven IV-Entscheid bekommt sie Sozialhilfe. Ohne ihre Eltern würde sie finanziell nicht überleben. 

Heute liegt sie jeden Tag 20 Stunden im Bett. Ihre Eltern bringen ihr vier Tage die Woche das Essen, beide sind inzwischen knapp 80 Jahre alt. Silvia Wermelingers soziale Kontakte beschränken sich auf ihre Familie. Das Budget und die Krankheit lassen nicht mehr zu. Früher war sie sehr aktiv, hatte drei Hunde und ein Pferd. «Freizeit und Arbeit konnte ich immer gut verbinden.»

Artikel aus dem «Beobachter»

Das ist ein Beitrag aus dem «Beobachter». Das Magazin berichtet ohne Scheuklappen – und hilft Ihnen, Zeit, Geld und Nerven zu sparen.

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Heute lebt Wermelinger noch mit einem Hund, einer deutschen Dogge, im Berner Oberland. 

In der «Beobachter»-Serie «Die Abrechnung» zeigt sie ihren Kontoauszug und erzählt, wie sie mit ihrem Budget lebt. Wie viel Geld steht ihr zur Verfügung? Wofür gibt sie es aus?

Einnahmen

Vom Sozialamt erhalte ich monatlich 906 Franken für den Grundbedarf und 1000 Franken für die Wohnkosten. Dazu Fr. 14.40 für die Fahrten zum Arzt. Zusammen macht das 1920 Franken.

Früher habe ich immer Vollzeit gearbeitet. Bei meinem letzten Job hatte ich monatlich 5600 Franken netto, dazu kamen Ende des Jahres der 13. Monatslohn und ein Bonus. Dieser variierte, je nachdem, wie viele Arbeitnehmer ich vermitteln konnte.

Ausgaben

Wohnen: Ich wohne seit sechs Jahren in einem 50-Quadratmeter-Altbau mit drei Zimmern. Es ist eine ältere Wohnung, die aber sehr gut erhalten ist. Ich habe einen Balkon, einen Geschirrspüler sowie eine Waschmaschine. Die Wohnung liegt sehr abgelegen und ist deshalb ziemlich günstig. Ich zahle monatlich 1030 Franken. Das Sozialamt übernimmt 1000 Franken, 30 Franken muss ich vom Grundbetrag nehmen. 

Zudem rechne ich mit monatlich 100 Franken für Strom- und Nebenkosten. Wenn die Kosten höher ausfallen, übernehmen das meine Eltern. Sie zahlen auch die Serafe-Gebühr für mich. 

Telefon, Internet und Abos: Mich interessiert Sport, am liebsten schaue ich Schwingen oder Skifahren. Weil ich mich aber nur 20 Minuten am Stück konzentrieren kann, stoppe ich die Aufzeichnung, lege mich hin und schaue später weiter. 

Für Handy, Internet und TV zahle ich bei M-Budget monatlich knapp 80 Franken. Ich habe auch noch ein Netflix-Abo. 

Zusammen gebe ich für diesen Budgetposten 100 Franken aus.

Versicherungen: Meine Hausrat- und Privathaftpflichtversicherung kostet pro Jahr 192 Franken. Ich habe eine minimale Deckung, also keinen Diebstahl auswärts, keine teure Glasbruchversicherung. 

Gesundheit: Die Sozialhilfe übernimmt die Prämie für die obligatorische Krankenversicherung. Zudem die Franchise und den Selbstbehalt. Die Kosten für die jährliche Dentalhygiene wurden letztes Jahr auch übernommen. Ich musste das aber vorher abklären und einen Kostenvoranschlag einholen. 

Die Zusatzversicherung zahle ich selber. Die monatliche Prämie beträgt knapp 100 Franken. Mir helfen alternative Medizin sowie regelmässige Massagen. Die Versicherung übernimmt grundsätzlich drei Viertel der Kosten, den Rest zahlen meine Eltern. Ich würde sagen, das sind pro Monat 80 Franken. 

Mobilität: Ich leide an Angstzuständen und Panikattacken, deshalb kann ich keine öffentlichen Verkehrsmittel benutzen. Aber ich war auch früher schon lieber mit dem Auto unterwegs. Vor sechs Jahren habe ich mir einen Ford S-Max für 12’000 Franken gekauft. 

Das Sozialamt zahlt mir monatlich Fr. 14.40 als sogenannte Verkehrsanlage, damit ich zum Arzt, zur Psychologin oder zu anderen therapeutischen Sitzungen gehen kann. Für Benzin gebe ich monatlich 80 Franken aus. Die Autoversicherung von 800 Franken sowie die Kosten für Unterhalt, Reparatur und die Motorfahrzeugsteuer übernehmen meine Eltern. 

Im Schnitt habe ich dreimal pro Woche einen Arzt- oder Therapietermin. Abwechslungsweise gehe ich alle zwei Wochen zum Psychologen oder zur Psychiaterin. Dann muss ich entweder in die Kontrolle zum Hausarzt oder für weitere neurologische Abklärungen ins Inselspital. Zudem gehe ich seit neuestem in die Elektrotherapie. Das soll die Zellen erneuern, wodurch ich wieder Energie bekommen soll. Ich merke noch nicht viel, stehe aber auch erst am Anfang der Therapie. Die verschiedenen Therapiearten helfen mir bei meiner Genesung.

Haushalt: Dafür habe ich 180 Franken jeden Monat eingeplant. Ich kaufe, so gut es geht, Budget-Produkte. Viermal pro Woche bekomme ich Essen von meinen Eltern, die restlichen drei Tage ernähre ich mich hauptsächlich von Teigwaren mit Tomatensauce oder Pesto. 

Meine Mutter oder ein Bekannter geht für mich einmal pro Woche im Laden einkaufen. Einmal pro Woche versuche ich es allein. Ich gehe immer in die gleiche Migros und meistens kurz nach der Mittagspause, weil es dann wenig Leute hat. Mit Stöpseln in den Ohren und einem Anti-Stress-Ball in der Hand halte ich es für zehn Minuten aus.

Früher hatte ich drei Hunde, übrig geblieben ist nur noch Emely, eine deutsche Dogge. Zum Glück habe ich sie. Ich habe dadurch eine Aufgabe und bleibe aktiv. Mein Hund bekommt ein halbes Kilo Reis pro Tag und drei grosse Handvoll Trockenfutter morgens und abends. Das Trockenfutter sowie die Krankenversicherung von 600 Franken pro Jahr übernehmen meine Eltern. Ich habe ausgerechnet, dass ich monatlich 100 Franken für den Hund ausgebe. Darin enthalten sind die Kosten für Impfungen, Zeckenschutz sowie Wurmkuren. 

Seit 30 Jahren habe ich Kunstnägel, weil ich sonst meine Nägel abkaue. Für den Kosmetikbesuch gebe ich monatlich 70 Franken aus. Meine Haare lasse ich wachsen. Das letzte Mal war ich vor einem Jahr beim Coiffeur. 

Verpflegung ausser Haus: Das mache ich nie. Restaurants sind zu laut für mich, das ist mir zu viel. 

Kleidung und Schuhe: Früher habe ich viel geshoppt, vor allem online. Ich habe bestimmt 500 Franken pro Monat für neue Kleider, Taschen und Schuhe ausgegeben. Heute beträgt dieser Budgetposten null Franken. Ich habe von allem genug und brauche nichts.

Freizeit: Ich bin täglich nur vier Stunden wach. In dieser Zeit muss ich zweimal mit dem Hund raus, meistens dauert ein Spaziergang zwischen 20 und 30 Minuten. Ich bin sehr empfindlich auf Licht. Deshalb gehe ich entweder morgens oder abends spazieren. Manchmal ist es schwierig, meine Grenzen einzuschätzen. Es kommt immer mal wieder vor, dass ich mich überschätze und mich dann übergeben muss. Meine Energie einzuteilen, ist schwierig. Deshalb habe ich mich für eine Ergotherapie angemeldet.

Ferien und Ausflüge: Das mache ich nicht. Ich habe schlicht kein Geld dafür. Aber es ist mir auch nicht so wichtig. Ich ging auch vor meiner Erkrankung wenig in die Ferien, weil ich meine Hunde nicht allein lassen wollte. Meine letzten Ferien waren 2004. Ich war für eine Woche in Tunesien am Meer. 

Steuern: Ich zahle keine, sie werden mir erlassen.

Altersvorsorge: Keine, ich habe auch nie in die dritte Säule eingezahlt. Das Geld habe ich anders ausgeben. Heute würde ich sagen, für unnötige Dinge wie Kleider und Schuhe. 

Sparen und Vermögen: Ich habe kein Polster auf der Seite. Mein Geld gab ich immer aus. Ich leistete mir früher eine grössere Wohnung und ein Pferd.

Mein grösster Luxus

Die psychiatrische Spitex kommt einmal pro Woche vorbei. Das wird von der Krankenkasse übernommen. Dafür bin ich sehr dankbar. Ich habe mit meiner Begleiterin vereinbart, dass ich jeden Monat 5 Franken auf die Seite legen soll und mir dann nach fünf Monaten etwas gönne. Meine letzten angesparten 25 Franken habe ich für zwei Paar Socken ausgegeben. Damit ich warme Füsse habe. 

So fühle ich mich

Ich habe nur ganz wenig Geld zum Leben. Die Krankheit wäre eigentlich schon schlimm genug. So etwas kann jedem passieren. Da sollten die Menschen wissen, wie wenig man zur Verfügung hat. Wenn meine Eltern nicht wären, wüsste ich nicht, was ich machen sollte. Ich wünschte, mein jüngeres Ich hätte mehr Geld auf die Seite gelegt. 

Aufgezeichnet von Katrin Reichmuth. 

Hier finden Sie die bisherigen Folgen der Rubrik «Die Abrechnung». 

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