Darum gehts
Eines kann man Jean-Paul Clozel nicht vorwerfen: dass er das Risiko scheue. Bei der Gründung von Actelion hatten er und seine Frau, Forschungschefin Martine Clozel, zeitweise ihr eigenes Haus verpfändet und sich wie einst Bill Gates in einer Garage eingenistet, um ihrem Unternehmen auf die Sprünge zu helfen. Mit Erfolg: Zum Schluss brachte das Allschwiler Biotech-Unternehmen beim Verkauf an den amerikanischen Pharmariesen Johnson & Johnson stolze 30 Milliarden Dollar auf die Waage; es ist bis heute die grösste Transaktion in der europäischen Biotech-Industrie.
Nun pokert Jean-Paul Clozel wieder, diesmal bei Idorsia. Dieser Tage hat er eine Kreditvereinbarung über 250 Millionen Franken abgeschlossen. Sie soll dafür sorgen, dass sein «Baby», wie er seine zweite Biotech-Gründung gerne nennt, endlich abheben kann – zusammen mit Roland Wandeler, dem erfahrenen Pharmamanager, den der 71-jährige Basler Biotech-Veteran als neuen CEO verpflichten konnte.
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Neues Geld für alte Schulden
Doch bevor es so weit ist, geht es nochmals um Altlasten. Als Erstes wird das neue Geld nämlich dafür gebraucht, um eine bestehende, kurzfristige Verpflichtung über 107 Millionen Dollar abzulösen; sie wäre im Mai 2027 fällig geworden und hing trotz der grossen Schuldenrestrukturierung von vor einem Jahr wie ein Damoklesschwert über dem Allschwiler Unternehmen.
Ein Teil des frischen Geldes soll zudem in die Vermarktung von Quviviq fliessen. Das Schlafmittel hat unter Roland Wandelers Vorgängerin Srishti Gupta, von der man sich im März nach nicht einmal neun Monaten wieder trennte, zwar kräftig zugelegt. Inzwischen sind die weltweiten Verkäufe bei 134 Millionen Franken, im ersten Quartal 2026 lagen sie 74 Prozent im Plus, bei 44 Millionen. Vom Milliardenprodukt aber, das Quviviq eigentlich schon lange sein sollte, ist das Medikament auch Jahre nach der Markteinführung noch meilenweit entfernt.
Schlafmittel sind ein hartes Pflaster: Sie werden vor allem über Hausärzte vertrieben, das macht das Marketing aufwendig und teuer. Zudem funktioniert Quviviq nach einem neuen Mechanismus, der weniger das Schlafen fördert, wie das herkömmliche Schlafmittel tun, sondern den Wachzustand verhindert. Das ist seine Stärke, weil es ein neues Feld eröffnet, aber auch seine Schwäche. Denn die Ärzte müssen mit dem neuen Wirkungsmodus ja erst einmal vertraut werden. Trotzdem, bei Idorsia ist man zuversichtlich: «Wir glauben, dass wir hier mit ein paar wenigen gezielten Marketingmassnahmen einen grossen Effekt erzielen können», sagt Idorsia-Sprecher Andrew Jones.
Investieren, damit der Motor nicht ausgeht
Vor allem aber sollen die zusätzlichen Mittel in die klinische Entwicklung gehen, besonders im Fall von Lucerastat. Dabei geht es um die Behandlung von Morbus Fabry, einer seltenen, genetisch bedingten Stoffwechselkrankheit, die bis jetzt medizinisch nur unzureichend behandelt werden kann. In einer ersten klinischen Studie verfehlte der Wirkstoff die Ziele. Das Medikament wirkte zwar insofern, als dass es die Entstehung der für die Krankheit typischen Fettstoffe im Körper verhinderte; die mit ihr verbundenen neuropathischen Schmerzen vermochte es aber nicht zu lindern.
Nun ruhen die Hoffnungen des Ehepaars Clozel auf Studien, die beweisen sollen, dass der Wirkstoff die bei Fabry-Patienten so gefürchteten Schäden an den Organen, insbesondere an den Nieren, mindert, wie die bisherigen Daten vermuten lassen. Sollte dies eintreffen, wäre es ein grosser medizinischer und finanzieller Gewinn. Es ist eine dieser für die Biotech-Industrie so typischen Wetten auf die Zukunft, die zwar immense Chancen bergen, bei denen aber auch immer noch viel schiefgehen kann.
Die negative Lesart der neuen Kreditlinie ist, dass sich Idorsia damit – einmal mehr – zusätzlich verschuldet. Für eine positive Sicht spricht, dass es dem Allschwiler Pharma-Altmeister gelungen ist, dafür mit Pharmakon Advisors ins Geschäft zu kommen. Die New Yorker gelten als besonders kompetente Geldgeber – ein Kredit von Pharmakon ist so etwas wie ein Ritterschlag in der Biotech-Industrie.
Ein «Wendepunkt», sagt Jean-Paul Clozel
So gesehen ist es ein Zurück zur Normalität, das sich da bei Idorsia gerade abspielt: weg vom reinen Sanierungsmodus mit strikter Kostendisziplin, hin zum Regelfall eines Biotech-Unternehmens, das mutig in die Entwicklung neuer Wirkstoffe investiert und so dafür sorgt, dass der Motor auch in ein paar Jahren noch läuft, wenn die Patente der bestehenden Medikamente abgelaufen sind. Die neue Finanzierung markiere einen klaren «Wendepunkt» für Idorsia, liess sich Jean-Paul Clozel zitieren. Sie ermögliche es dem Unternehmen, eine schwierige Phase hinter sich zu lassen, in der die strategische Flexibilität stark eingeschränkt gewesen sei, und positioniere das Unternehmen wieder so, dass es sich voll und ganz auf die Erschliessung seiner Vermögenswerte konzentrieren könne.
Dass diese Rechnung am Ende des Tages aufgehen könnte, sehen offenbar auch immer mehr Investoren so. In den vergangenen Tagen erlebten die Valoren an der Schweizer Börse einen wahren Höhenflug, inzwischen nähern sie sich der 7-Franken-Grenze. Das ist zwar noch immer weit unter den historischen Höchstständen von Anfang 2020, als die Aktie aus Allschwil bei über 34 Franken notierte, aber die Delle nach dem abrupten Abgang von Srishti Gupta hat Idorsia inzwischen längst wieder wettgemacht. Inwieweit das mit den aktuellen Unternehmensnachrichten zu tun hat, ist unklar.
Dem Vernehmen nach sollen die aktuellen Kurssprünge auf einen amerikanischen Biotech-Investor zurückgehen, der bis jetzt auf fallende Kurse wettete und der nun womöglich die Seite gewechselt hat. An einer Konferenz sprach er von einem Kurspotenzial von mehr als 40 Franken; kein Wunder, dass solche Werte die Fantasie der Investoren und Investorinnen beflügeln.
Die Vergangenheit ist noch lange nicht vom Tisch
Gleichzeitig ist die Vergangenheit von Idorsia noch lange nicht vom Tisch. Jean-Paul Clozel und sein Unternehmen sitzen nach wie vor auf einem Berg von ungelösten Problemen: Aprocitentan, das zweite bereits zugelassene Produkt der Firma, liegt noch weitgehend brach. Idorsia bringt schlicht nicht die finanzielle PS auf den Boden, um den Blutdrucksenker im anspruchsvollen Herz-Kreislauf-Markt auf eigene Faust zu vermarkten.
Dazu braucht das Unternehmen einen finanzkräftigen Partner, doch der lässt noch immer auf sich warten. Anfang 2024 schien ein globaler Vermarktungsdeal bereits so gut wie sicher, doch dann wurde man sich in letzter Minute doch nicht einig. Immerhin: Die damals fällig gewordene Break-up-Fee von stolzen 35 Millionen Franken lässt darauf schliessen, dass die Branchenriesen das Marktpotenzial von Aprocitentan erkannt haben.
Dass sich Idorsia bei der Partnersuche Zeit lässt, ergibt Sinn, schliesslich geht es hier um ein mögliches Milliardenprodukt. Gleichzeitig ist die erfolgreiche Vermarktung von Aprocitentan der Schlüssel zur Rückzahlung alter Schulden in der Höhe von 774 Millionen Franken. Sie wurden vor einem Jahr zusammen mit den Rechten an Aprocitentan und mit zwei Pipeline-Assets in eine eigenständige Finanzgesellschaft ausgegliedert, um den Konkurs von Idorsia abzuwenden. Die Gläubiger dürften die Weile rund um einen Vermarktungsdeal für Aprocitentan deshalb etwas weniger locker nehmen. Denn solange das Produkt kaum Geld in die Kassen spült, bleiben sie auf ihren Schulden sitzen.
Auf dem Index der US-Drogenbehörde
Auch bei Quviviq, dem einzigen Produkt, das zurzeit auf die Bilanz von Idorsia einzahlt, könnte es noch besser laufen. Das Produkt rangiert auf dem Index der amerikanischen Drogenbehörde DEA. Die Anti-Drug-Sheriffs setzen seit den Dramen um süchtig machende Barbiturate und Benzodiazepine wie Valium auf Vorsicht; neue Schlafmittel werden sozusagen präventiv auf eine Liste süchtig machender Substanzen gesetzt – bis bewiesen ist, dass von ihnen keine Suchtgefahr ausgeht. In der Praxis führt dies dazu, dass sich die Ärzte bei der Verschreibung in Zurückhaltung üben und die Vermarktung stark eingeschränkt ist.
Anlass zu Zuversicht, dass Quviviq bald von der Liste genommen werden könnte, geben vielversprechende Daten einer Studie an Kindern und Jugendlichen zwischen 10 und 17 Jahren, die Ende März präsentiert wurden. Das Medikament erwies sich selbst bei hohen Dosierungen und geringem Körpergewicht als sehr gut verträglich, und es wurden keinerlei Hinweise auf ein Suchtpotenzial oder auf Entzugssymptome gefunden. Mehr noch: Bei stark belasteten Kindern, deren Schlaflosigkeit im Zusammenhang mit ADHS oder Autismus stand, waren die Resultate besonders gut; daraus könnten sich sogar neue therapeutische Wege ergeben, schreibt das Unternehmen. Auch die Daten mit Erwachsenen, die Idorsia in all den Jahren gesammelt hat, weisen darauf hin, dass Quviviq kaum oder gar nicht süchtig macht. Doch ob das der DEA reicht, um den Wirkstoff vom Index zu nehmen, ist offen. Die Behörde hat den Ruf, ihr eigenes Tempo zu gehen.
Idorsia bleibt eine Wette auf die Zukunft
Immerhin: Mit der Berufung von Roland Wandeler zum neuen CEO ist Idorsia ein Problem los. Dass es gelungen ist, einen ausgewiesenen Pharmamanager mit einem Sinn für die Wissenschaft an Bord zu holen, spricht für die Biotech-Pioniere aus Allschwil.
Jean-Paul Clozel hat in den vergangenen Tagen die Weichen gestellt. Ob seine Wette aufgeht, ist eine andere Frage. Vorerst bleibt Idorsia damit das, was es immer war: ein junges Biotech-Unternehmen mit ungewisser Zukunft. Nicht risikofähige Anleger sollten daher weiterhin einen Bogen um die Allschwiler Valoren machen. Auch wenn diese zurzeit nach oben zeigen.