Darum gehts
- Wegen Mängeln im Kontrollsystem: Enforcement-Verfahren der Finma gegen Zurich Versicherung
- Die Fehler könnten Quersubventionierungen oder überrissene Gebühren zugunsten des Konzerns begünstigen
- Finma befragte Mitarbeitende der Sammelstiftung Vita, die 22 Mrd. Franken Vermögen verwaltet
Bei der Zurich herrscht ein «grosses Puff». So beschreibt ein Involvierter den gegenwärtigen Zustand des Versicherers, nachdem die Finanzmarktaufsicht (Finma) dort ein sogenanntes Enforcement-Verfahren gestartet hat.
Es ist die schärfste Waffe im Arsenal der Finma. Zu den bekanntesten Beispielen der jüngeren Geschichte gehören das epische Enforcement gegen Raiffeisen und ihren damaligen Chef Pierin Vincenz (70) oder mehrere gegen die Privatbank Julius Bär, die immer wieder ins Visier der Aufsicht geriet. Aktuell läuft eines dieser Verfahren im Zusammenhang mit den Benko-Krediten.
Beim Enforcement handelt es sich um ein aufsichtsrechtliches Untersuchungsverfahren, das in der Regel mit einer Verfügung endet, manchmal aber auch einfach eingestellt wird. Im schlimmsten Fall kann die Finma einem Institut die Lizenz entziehen und es damit in die Liquidation schicken – wie Anfang Jahr die Zürcher MBaer Merchant Bank.
Das Verfahren gegen die Zurich Versicherung soll sich in vollem Gang befinden, wie aus Quellen mit Kenntnissen der Vorgänge verlautet. Bisher seien rund ein Dutzend Mitarbeitende von der Finma befragt worden. Wie in grösseren Fällen üblich mandatierte die Behörde einen sogenannten externen Untersuchungsbeauftragten. Im Verfahren gegen die Zurich handelt es sich um das Beratungsunternehmen Deloitte. Die Versicherung wiederum soll die Anwaltskanzlei Homburger mit der Vertretung ihrer Interessen beauftragt haben.
Mängel beim internen Kontrollsystem
Ein Schwerpunkt der Untersuchungen sollen Mängel beim internen Kontrollsystem (IKS) sein. Für eine Versicherung ist dieses Überwachungssystem äusserst wichtig, um Risiken zu erkennen, aber auch dafür zu sorgen, dass Geschäftsprozesse korrekt abgewickelt und Interessenkonflikte vermieden werden.
Dabei gibt es heikle und weniger heikle Geschäfte. Im Fall der Zurich geht es mit hoher Wahrscheinlichkeit darum, ob die Versicherung das sogenannte Lebengeschäft im Griff hat, einen besonders sensiblen Bereich. Die Zurich Insurance Group ist in der Schweiz ein grosser Player in der beruflichen Vorsorge. Und die von der Zurich ausgelagerte Sammelstiftung Vita ist mit 27’000 angeschlossenen Unternehmen und rund 150’000 Versicherten das Flaggschiff. Sie verwaltet mehr als 22 Milliarden Franken Vorsorgevermögen.
Die Sammelstiftung der Zurich gilt als eine der ältesten der Schweiz. Entstanden ist sie 2003 nach dem Platzen der Dotcom-Blase und den darauf folgenden Zinssenkungen der Notenbanken. Das damalige Marktumfeld riss grosse Löcher in die Bilanzen der Versicherer. Mit der Auslagerung wurde das Anlagerisiko den Versicherten übertragen. Zugleich verblieben wichtige Dienstleistungen bei der Zurich – etwa Verwaltung, Administration, Anlagemanagement und die Risikoabdeckung für Invalidität und Todesfall. Dieser sogenannte Rückversicherungsbereich gilt als besonders lukrativ.
Heikle Schnittstelle
Was genau bei der Zurich schiefgelaufen ist, sollen die Abklärungen zeigen. Klar ist: Die Finma und die Oberaufsichtskommission Berufliche Vorsorge schauen bei rechtlich selbständigen Sammelstiftungen genauer hin. Dabei rückt die Schnittstelle zwischen den Stiftungen und den gewinnorientierten Versicherern zunehmend ins Visier der Regulatoren.
Das Gesetz verlangt, dass die Kosten für Verwaltung und Rückversicherung zu Marktpreisen abgerechnet werden. Ein schwaches internes Kontrollsystem kann dazu führen, dass Quersubventionierungen oder überrissene Gebühren zugunsten des Mutterkonzerns unter dem Radar bleiben. Die Kernaufgabe des IKS besteht darin, sicherzustellen, dass Entscheide im Interesse der Versicherten getroffen werden – und nicht im Interesse der Aktionäre.
An diesem Punkt kommt es schnell zu Konflikten. Die Zurich Insurance Group ist primär ihren Aktionären verpflichtet. Seit 2016 ist Mario Greco CEO der Gruppe. Der gebürtige Neapolitaner führt den Konzern mit harter Hand; Kostensenkungen gehören zu seinen Kerndisziplinen. Schaut man auf den Aktienkurs, ist Greco hoch erfolgreich: Der Wert der Aktie hat sich seit seinem Amtsantritt fast verdreifacht. Der Konzern vom Mythenquai wird an der Börse mit knapp 100 Milliarden Franken bewertet.
Für «Super-Mario», wie er in der Branche von vielen genannt wird, kommt das Enforcement der Finma zum dümmstmöglichen Zeitpunkt. Wann der inzwischen 67-Jährige seinen Posten verlässt, ist zwar noch offen. Sollte er abtreten, bevor die Untersuchungen abgeschlossen sind, bleibt ein grosser Tolggen auf seinem weissen Hemd.
Ausgewechseltes Management
Dass die Sache ernst ist, zeigt sich auch an den personellen und strukturellen Konsequenzen. Bei Zurich Schweiz gab es in den letzten Monaten viele Wechsel in der Geschäftsleitung. Unter anderen traf es Schweiz-Chef Juan Beer (56), der den Versicherer Knall auf Fall verliess und blitzschnell aus allen Verwaltungsräten und Gremien verschwand. Eine Zeit lang galt er als möglicher Nachfolger von Mario Greco.
Inzwischen kündigte der Konzern an, dass die Sammelstiftung Vita unabhängiger von Zurich Schweiz werden soll: Ab 2028 stellt Vita vom teilautonomen auf ein vollautonomes Modell um. Das bedeutet, dass die Stiftung das Risiko für Invalidität und Tod künftig selbst trägt, womit die lukrative, aber regulatorisch heikle Rückversicherungsmarge bei der Zurich wegfällt. Freiwillig geschieht so etwas selten.
Zwar bleibt die Zurich weiterhin als Dienstleisterin für Administration und Vertrieb an Bord, doch die finanzielle Verflechtung wird drastisch reduziert – damit auch die Angriffsfläche für Interessenkonflikte.
Die Finma lehnte eine Stellungnahme zum Verfahren ab. Und auch die Kommunikationsabteilung der Zurich reagierte auf mehrere Fragen der Redaktion schlicht mit «No comment».