Darum gehts
Chic geht es in Monte Carlo zu und her, wenn sich die Vertreter der Rückversicherungsbranche dort jeweils Anfang September ihr wichtigstes Stelldichein geben. Die noblen Hotels sind voll, die Konferenzräume ausgebucht. Sogar abends sorgen die über 3000 Risikospezialistinnen und -spezialisten aus aller Welt an Cocktailempfängen und anschliessenden Partys für eine Stimmung, wie man sie im gewöhnlich äusserst nüchternen Assekuranzmilieu nicht erwarten würde.
Doch hinter der eleganten Fassade des «Rendez-Vous de Septembre» verbirgt sich ein knallharter Marktplatz. Hier werden die grössten finanziellen Risiken der Welt gehandelt. Vorausgesetzt, sie sind versicherbar, treten also zufällig und lokal auf und sind so gut dokumentiert, dass sich Prämien berechnen lassen.
Schweiz ist zentral für die Branche
Die Handelsware der Rückversicherer sind Wirbelstürme, Erdbeben, Überschwemmungen, aber auch menschengemachte Risiken wie Buschfeuer, Haftpflichtrisiken und mehr. Die Schweiz spielt in diesem Geschäft eine wichtige Rolle, denn sie ist einer der drei grössten Rückversicherungsplätze der Welt – mit Tausenden Jobs.
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Und während auf dem morgendlichen Fischmarkt der jüngste Fang ausgestellt und angepriesen wird, ist auf dem Rückversicherungsmarkt weit und breit keine Ware zu sehen. Stattdessen bekommt man dort Sätze wie diesen zu hören: «Wenn es in den nächsten Wochen an der amerikanischen Ostküste ruhig bleibt, werden die Prämien durchs Band weiter fallen.»
Hinter solchen scheinbar neutralen Lagebeurteilungen verbergen sich die Positionen der Käufer, der Erstversicherer wie Axa oder Zurich sowie ihrer Makler, die in Monte Carlo Kapitaldeckungen für Spitzenrisiken zu möglichst tiefen Preisen suchen. Die Rückversicherer ihrerseits, etwa eine Swiss Re, tragen das Kapital natürlich so teuer wie möglich zu Markte. Sie reden deshalb lieber über Preisdisziplin und striktes Zyklusmanagement als über eine hoffentlich ereignislose Wirbelsturmsaison.
Auf den Rückversicherungsmärkten wie in Monte Carlo, von denen es weltweit eine ganze Reihe gibt, werden eigentlich keine neuen Risiken verhandelt, sondern alljährlich meist nur die Bedingungen für bestehende Verträge neu festgelegt. Die jährlichen Verhandlungen in Monte Carlo, Baden-Baden, Singapur und anderswo werden darum auch Erneuerungsrunden genannt. Als Referenz für die Verhandlungen dienen allen Marktteilnehmenden die Vorjahresabschlüsse.
Der Preis bestimmt die Menge
Das Zusammenführen von Angebot und Nachfrage folgt standardisierten Regeln: Der Erstversicherer, der ein bestimmtes Risiko abgeben möchte, gibt seinen Deckungsbedarf in die Runde der Rückversicherer. Diese legen ihr jeweiliges Angebot fest. Der Underwriter des Erstversicherers muss sich danach für eines dieser Angebote entscheiden, das in der Folge für alle Rückversicherer verbindlich wird.
Wählt der Versicherer einfach das billigste Gebot, läuft er Gefahr, dass ihm die Rückversicherer das benötigte Deckungskapital nicht in der gewünschten Menge zur Verfügung stellen. Der Ausgleich zwischen Angebot und Nachfrage erfolgt also über die Menge des Deckungskapitals.
Der Konsens- oder Einheitspreis stellt sicher, dass ein Ausgleich über die angebotene Menge an Deckungskapital stattfindet und die Rückversicherer die grossen Risiken gemeinsam tragen können. Das schützt das System als Ganzes und liegt im Interesse aller Versicherer und letztlich auch aller Versicherten. Ist der Einheitspreis einem Rückversicherer zu niedrig, wird er weniger Kapital als im Vorjahr offerieren.
Sein Konkurrent wird umgekehrt mehr Kapital offerieren, weil er mit einem tieferen Preis gerechnet hatte und so weiter.
Am diesjährigen «Rendez-Vous de Septembre» sind die Underwriter der Rückversicherer besonders gefordert. Die Preise zur Deckung von Katastrophenrisiken bewegen sich schon seit einiger Zeit nach unten. Dazu passt ins Bild, dass das von den Rückversicherern beigebrachte und von anderen Investoren in der Form von Katastrophenbonds zur Verfügung gestellte Deckungskapital zwischen 2021 und 2025 um fast einen Viertel auf 648 Milliarden Dollar zugenommen hat, während sich das jährliche Umsatzwachstum der Rückversicherer in der gleichen Zeit von über 16 Prozent auf unter 2 Prozent verlangsamt hat.
Tatsächlich sind die weltweiten Schäden durch Naturkatastrophen im vergangenen Jahr mit 220 Milliarden Dollar um einen Drittel niedriger ausgefallen als im Vorjahr. Trotz den verheerenden Buschbränden in Kalifornien Anfang 2025 blieben in jenem Jahr die gesamten Schäden aus Naturkatastrophen, die vom Rückversicherungssektor getragen werden, unter dem Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre.
Die Rückversicherer sprechen in solchen Situationen von einem Überangebot, das den Markt «aufweicht», wie es im Jargon heisst. Die weichen Marktphasen schleichen sich langsam ein und gewinnen im Lauf der Zeit an Breite. Es gibt eine Art Konvention, dass Jahre ohne grosse Verluste zu tieferen Prämien führen müssen. Obschon die Rückversicherer die Wahrscheinlichkeiten von bestimmten Katastrophen mit raffinierten Modellen berechnen können, bleiben das Geschick und das Urteilsvermögen der Underwriter in diesen Sparten zentral für das Gesamtergebnis.
Die Preiszyklen können zerstörerisch wirken
Doch auch die besten Underwriter können nicht verhindern, dass die Preise in den Keller fallen, wenn es über eine längere Zeit wenig Schäden zu tragen gibt. Die Rückversicherungsmärkte sind deshalb überaus zyklisch, und die Zyklen können für einzelne Anbieter eine schon fast zerstörerische Kraft annehmen, wie die existenzielle Krise der Swiss Re vor bald zwanzig Jahren exemplarisch zeigte.
Ein typischer Rückversicherungszyklus beginnt aber nicht bei der Nachfrage, sondern beim Angebot. Es sind die enormen Schäden, die ein einzelnes Grossereignis anrichten kann, die bei den Rückversicherern das Kapital zur Zeichnung neuer Risiken knapp werden lassen können. Wie knapp das Kapital wird und wie stark als Folge davon die Prämien steigen werden, ist abhängig vom Füllstand des Kapitaltopfes, der in schadenarmen Jahren durch zurückbehaltene Gewinne geäufnet wird. Hilfreich zuletzt auch die hohen Erträge aus Kapitalmarktanlagen, die mit der Tiefzinspolitik der Notenbanken seit der Finanzkrise allerdings deutlich kleiner wurden.
Jean Paul Huby Klein, Branchenspezialist bei der Kreditratingagentur S&P Global, sagt: «Die Rückversicherer sind mit einer erheblichen Kapitalstärke in das laufende Jahr gegangen.» Angesichts dessen sowie in Anbetracht weiterhin guter Preise in vielen Sparten und der widerstandsfähigen Erträge aus den Kapitalanlagen sollten die Unternehmen auch 2026 mehr verdienen, als sie zur Deckung der eigenen Kapitalkosten benötigen.
Was in den Ohren eines Gläubigers vielleicht beruhigend tönt, klingt für Aktionäre besorgniserregend. Was bleibt für Dividenden und Aktienrückkäufe, wenn sich die Kapitalkosten der Branche nur noch bei anhaltend heiterer Börsenstimmung decken lassen? «Sofern keine sehr erheblichen Schadenaktivitäten auftreten, wird sich die Preisabschwächung auch im kommenden Jahr weiter fortsetzen», prophezeit Huby Klein.
Kein Wunder, verzeichnen die Aktien der grossen Rückversicherer wie Swiss Re und Munich Re in diesem Jahr Kursrückgänge von bis zu 20 Prozent. Auch die Börse blickt daher auf die Prognose der Underwriter in Monte Carlo, die so gerne mit dem Satz beginnt: «Wenn es in den nächsten Wochen an der amerikanischen Ostküste ruhig bleibt, …»