Darum gehts
Die Sonne brennt gnadenlos über Winterthur, 28 Grad schon am Morgen, als um 10 Uhr der Startschuss fällt. Der Grand Prix wird zum Hitzetest. Und mittendrin der Mann des Tages: Dario Cologna (40). Vierfacher Olympiasieger, Ehrengast, Publikumsmagnet – sein Name hallt schon vor dem Start des Halbmarathons aus den Lautsprechern. Mehrfach wird er offiziell begrüsst, extra angekündigt, fast inszeniert als Star dieses Rennens.
Vor dem Rennen gibt er zu: «Ich bin nicht so nervös, nur ein bisschen.» Die Vorbereitung sei nicht optimal gewesen. «Dieses Mal habe ich weniger gemacht als sonst. Für mich ist es der Start ins Jahr.»
Trotzdem stehen eindrückliche Referenzen im Raum: In Berlin lief Cologna 2023 den Marathon in 2:28:35 Stunden, in Valencia steigerte er sich 2024 auf starke 2:22:44 Stunden. Seine Halbmarathon-Bestzeit liegt bei 1:10:18 Stunden, gelaufen 2024 in Norwegen.
Kein Leistungsprojekt
Doch heute ist alles etwas anders. Kein grosses Leistungsprojekt, sondern ein lockerer Einstieg. «Vielleicht schaffe ich es heute in 1:15:00», sagt er.
Dann der Start. Cologna steht in der vordersten Reihe, Applaus, Rufe, ein kurzer Moment im Rampenlicht – bevor er im Feld der Tausenden verschwindet. Und mit ihm verschiebt sich auch die Wahrnehmung: vom gefeierten Ehrengast zum Läufer unter vielen.
Die Hitze legt sich schwer über den Kurs, die Luft flimmert über dem Asphalt. Cologna hält konstant mit, arbeitet sich durch die Anstiege. «Natürlich ist das hier viel gemütlicher als früher im Langlauf», sagt er später lachend. Nervosität wie im Weltcup? «Nein, das war mein Job. Da wusste ich, dass ich bereit bin und alles dafür getan habe.»
«Lieber Vierter als Dritter»
Im Ziel bleibt die Uhr bei 1:17:41 stehen. Solide, aber nicht ganz das, was er sich erhofft hatte. Es reicht für Platz vier – knapp am Podest vorbei. Ob ihn das fuchst?
Er lacht. «Nein, nein. Lieber Vierter als Dritter – dann muss ich nicht zur Rangverkündigung!» Dann wird er kurz nachdenklicher: «Das soll nicht blöd klingen, aber ich habe ja schon grössere Erfolge gefeiert.»
Ein Satz, der viel erklärt. Der Übergang vom Hochleistungssport ins neue Leben ist längst vollzogen. Fünf bis sechs Trainingseinheiten pro Woche gehören aber weiterhin dazu. «Aber dass ich nochmals so schnell wie in Valencia werde, glaube ich nicht. Dafür ist der Aufwand zu gross – und ich weiss nicht, ob ich ihn nochmals leisten will.»
Und so ist das Laufen heute vor allem eines geworden: ein Hobby mit Struktur. «Ich halte mich damit fit, und es ist extrem alltagstauglich, weil man einfach loslaufen kann. Das passt auch gut mit den Kindern.» Cologna und seine Frau Laura sind Eltern von Leano (5) und Mila (2).
Viele wollen ihn schlagen
Im Zielbereich wartet dann bereits die nächste Rolle: Publikumsliebling. Beim Zelt seines Ausrüsters New Balance gibt er als Botschafter der Marke eine Autogrammstunde. «Es ist super, auch nach der Karriere noch so einen starken Partner zu haben», sagt er. Während einer halben Stunde unterschreibt der Sportler T-Shirts, Karten und hält für Selfies hin.
«Ich werde schon oft angesprochen», sagt er. «Und klar, es gibt auch viele, die versuchen, mich während des Rennens zu schlagen. Aber das finde ich eigentlich cool.» Der Rhythmus von Dario Cologna bleibt ähnlich. Nur die Bühne hat sich verschoben – von der Weltspitze auf der Loipe der Weltspitze an einen heissen Sonntag auf dem Asphalt.