Darum gehts
- Bob-Talent Nils Reich beendet mit 22 Jahren abrupt seine Karriere
- Schwere Verletzungen und gesundheitliche Folgen zwingen ihn zum Rücktritt
- Schweizer Bob-Verband kann nicht alle Startplätze besetzen
Es hätte ein Schweizer Bob-Märchen werden können, doch jetzt ist alles anders. Statt dass Eiskanal-Legende Christian Reich (58) als SRF-Experte womöglich schon diesen Winter seinen Sohn Nils (22) beim Weltcup-Debüt kommentiert, gibt es überhaupt keine Fahrten von Reich Junior mehr – der Europacup-Pilot beendet per sofort seine Karriere.
Mit erst 22 Jahren endet eine Laufbahn, die noch gar nicht richtig begonnen hat. Reich zu Blick: «Es war eine brutal schwierige Entscheidung. Gerade jetzt, wo es draussen wieder kühler wird und die Saison näher kommt, schmerzt es enorm.»
Vor Weihnachten 2025 stürzt Nils Reich zweimal schwer
Aber die Gesundheit liess Reich keine andere Wahl, als mit dem geliebten Adrenalinrausch im Bob aufzuhören und nicht weiter auf den Spuren seines erfolgreichen Vaters, 2002 Olympia-Silbergewinner, durch die Eiskanäle zu rasen.
Rückblick. Reich stürzt letzten Winter im Europacup zweimal heftig. Das erste Mal auf der berüchtigt gefährlichen Bahn in Altenberg (De). Der Aargauer trägt eine Gehirnerschütterung davon. Kaum davon genesen, kracht es in Winterberg (De) mit dem Viererschlitten bei rund 140 km/h erneut. Reich bricht sich drei Wirbel und muss die Saison abbrechen.
«Das ist alles aber gut verheilt, ich konnte im Frühling voll wieder mit dem Training loslegen», schildert Reich. Doch dann reissen im April bei einem Sturz über eine Hürde die Bänder im Fuss. Und im Mai kommt noch bei einem weiteren Trainingssturz eine Ellbogenfraktur dazu. Reich realisiert: «Mit meinem Körper stimmt etwas nicht. Zumal ich auch bei der Arbeit und beim Autofahren viel schneller müder wurde als sonst.»
Das Risiko bei einem erneuten Sturz auf den Kopf ist zu gross
Das Bob-Talent lässt sich eingehend neurologisch untersuchen. Das Ergebnis: Seine Reaktionszeiten sind verlangsamt. Die schweren Stürze auf den Kopf sind noch nicht ausgestanden. Reich hört, was er nie hören wollte. «Die Aussage war klar: Das Risiko bei einem erneuten Sturz auf den Kopf ist völlig unberechenbar.»
Für den grossen Traum einer schönen Bob-Karriere mit WM- und Olympia-Starts womöglich bleibende Schäden in Kauf nehmen? Reich: «Der Kopf und das Herz wollten weitermachen. Aber ich musste einsehen, dass es nicht vernünftig wäre.»
Es gibt keinen Ausweg vom Zwangsrücktritt. Der Frust ist gross: «Ich bin in meinem ganzen Leben nur dreimal mit dem Bob gestürzt und muss aufhören. Während andere stürzen und am nächsten Tag wieder fahren.»
Reichs Not-Stopp schockt auch den Verband: Das knappe Piloten-Aufgebot in der einstigen Bob-Nation Schweiz ist durch den unerwarteten Rücktritt nochmals prekärer geworden. Bei den Frauen hat mit Doppel-Europameisterin Melanie Hasler (28) die Nummer 1 aufgehört, bei den Männern mit Cédric Follador (31) ebenso die gestandene Nummer 2 hinter Olympia-Medaillengewinner Michael Vogt (28). Swiss Sliding wird 2026/27 längst nicht alle Welt- und Europaplätze besetzen können.
Der verhinderte Weltcup-Aspirant Reich arbeitet nun in einer Therapie, um vollständig zu genesen. Beruflich gabs rasch eine Lösung. Der Kundenberater bei der Kantonalbank konnte sein Pensum auf Vollzeit aufstocken. Und der Sport? Reich will als Trainer der Bob-Szene erhalten bleiben. Und der frühere Nachwuchs-Goalie vom FC Aarau kann sich vorstellen, hobbymässig wieder mit Fussball zu beginnen – aber als Feldspieler.