Darum gehts
- Marlen Reusser stürzt bei Tour de France, verpasst Podest, wird 14
- Nasse Handschuhe verursachen Sturz, Hüfte und Brustkorb verletzt
- Drittletzte Etappe: 45 % Kraft links, 55 % rechts – Problem bleibt
Sieg im Zeitfahren, drei Etappen in Gelb. Und die erste Schweizer Siegerin der Tour de France? Nein. Marlen Reusser (34) hätte Sportgeschichte schreiben können. Sie wird auf der letzten Etappe abgehängt, stürzt später, quält sich ins Ziel. Und weint in Nizza (Fr) bittere Tränen.
Statt auf dem Podest landet sie im Gesamtklassement im Niemandsland – Rang 14. Reden mag die Zeitfahrweltmeisterin von 2025 und dreifache Tour-de-Suisse-Siegerin (2023, 2025, 2026) unmittelbar danach nicht.
«Ich musste mich zuerst sortieren, körperlich und seelisch», sagt sie am Tag danach. Auf dem Weg zu ihrer Wohnung in Andorra macht sie an einer französischen Tankstelle Halt und nimmt sich Zeit für einen Video-Anruf mit einigen Journalisten.
Marlen Reusser, Sie haben wohl eine schwierige Nacht hinter sich, oder?
Marlen Reusser: Ich habe nicht sehr gut geschlafen. Alles andere wäre auch überraschend. Ich kam erst um 2 Uhr ins Bett. Im Kopf drehten sich viele Gedanken. Die körperlichen Schäden helfen natürlich auch nicht. So ist das Leben.
Am Sonntag stürzten Sie heftig, TV-Bilder gab es nicht. Was war der Grund?
Ich habe in einer Kurve ein Loch erwischt und mir rutschte der Lenker aus der Hand.
Können Sie sich das erklären?
Die Velohandschuhe waren nass, ich flog über das Rad. Die Hüfte hat es ziemlich erwischt, ich fiel auch mit dem Brustkorb und dem Kopf auf den Asphalt. Ich wurde aber schon vorher am Anstieg abgehängt. Der Sturz war nicht der Grund, warum ich es nicht aufs Podest geschafft habe.
Haben Sie überlegt, das Rennen aufzugeben?
Ich dachte: Jetzt kann ich es auch seinlassen. Aber dann haben mich meine Teamkolleginnen so stark unterstützt, dass ich weitergefahren bin. Fast wie in einer Prozession. Es ist einfach mega, mega schade. Es tut mir leid für alle.
War es ein ähnlicher Moment wie jener bei der WM 2023 in Glasgow, als Sie im Zeitfahren aufgegeben haben?
Überhaupt nicht, das sind zwei Paar Schuhe. Damals stürzte ich nicht, sondern wollte nicht mehr. Ich wollte gar nicht nach Glasgow, habe das für andere gemacht und mich im Rennen gefragt, warum ich zur Hölle überhaupt fuhr. Diesmal war ich nahe am Tour-Sieg dran und super motiviert.
Der Sturz war nicht entscheidend, sagen Sie. Was dann?
Bei der drittletzten Etappe mit dem Ziel auf dem Mont Ventoux bin ich Wattwerte gefahren, die ich nicht für möglich gehalten hätte. Tags darauf war ich komplett am Anschlag. Ich hatte irgendein Problem im linken Bein. Es zeigte sich, dass ich eine unterschiedliche Kraftverteilung hatte: 45 Prozent links, 55 Prozent rechts. Der Tritt war nicht rund. Sehr enttäuschend.
Ein ähnliches Problem hatten Sie schon beim Giro, oder?
Genau. Damals wegen meines Sturzes an der Flandern-Rundfahrt. Doch diesmal wissen wir es nicht – auch nicht die Ärzte und Physiotherapeuten. Es ist megafrustrierend.
Haben Sie sich am Mont Ventoux übernommen und danach dafür gebüsst?
Ich dachte, Demi Vollering (die spätere Siegerin, Anm. d. Red.) würde es noch mehr kosten. Sie hat sich besser erholt. Vielleicht ist das mein Schwachpunkt, möglicherweise sind andere am Tag 8 oder 9 in der Regeneration besser. Eventuell ist alles aber auch viel komplexer, als wir es verstehen können. Wir werden nach der Lösung suchen – aktuell wissen wir aber nicht, wo wir ansetzen sollen.
Sind der Etappensieg und die drei Tage in Gelb kein Trost?
Momentan nicht. Ich weiss, dass das speziell ist und ein guter Schritt…
Aber?
Ich fahre jetzt doch schon lange Velo, trainiere so hart, gebe so viel und bin so gut. Trotzdem ist immer irgendetwas. Ich frage mich: Was ist eigentlich mein Problem? Was müssen wir tun? Es ist extrem frustrierend.
Die WM in Kanada Ende September ist das nächste Saisonziel, oder?
Auf jeden Fall. Jetzt bin ich aber froh um die Pause. So lange ist sie zwar gar nicht (schmunzelt). In einer Woche habe ich Tests im Windkanal.