Darum gehts
Jil Teichmann (28) ging in den letzten Monaten klettern, lernte Surfen, fuhr erstmals seit ihrer Kindheit wieder Ski und liess sich in Buenos Aires faszinieren von der «Fussball-Religion» Boca Juniors. Wäre es im selben Zeitraum seit letztem Herbst normal gelaufen, wäre sie zunächst durch Asien und Europa getingelt, hätte nach kurzen Ferien einen pickelharten Aufbau-Block absolviert, wäre zum x-ten Mal seit der Juniorenzeit nach Australien geflogen, um dann womöglich einen Abstecher in den Nahen Osten zu machen.
Mittlerweile könnte sie, wie der Rest der Tour, in Indian Wells weilen und eine Weltreise hinter sich haben. Doch Teichmann ist in Barcelona, wo sie seit vielen Jahren trainiert, und spricht über die Gründe für ihre jüngste Abkehr vom Tennis.
Sie sei im letzten Herbst an einem Punkt angelangt, an dem sie gespürt habe: «Jetzt gehts nicht mehr weiter. Zu viel hatte sich angestaut, zu viel war passiert in all den Jahren, seit ich mit 14 begonnen hatte, das Tennis professionell zu verfolgen.» Teichmann nennt kleinere Blessuren, die es auszuheilen gab, aber auch schlicht eine mentale Erschöpfung, der sie nicht mehr ausweichen konnte. Die Tatsache, dass sie kurz zuvor wieder in die Top 100 der Weltrangliste vorstiess, vermochte ihre Situation ebenfalls nicht zu entspannen.
«Ich musste erst einmal meine Laufbahn verdauen»
Sie sagt: «Es ist eigentlich paradox. Ich hatte Glück in meiner Karriere, ich war nie lange verletzt. Doch dadurch war ich seit meiner Jugend ständig im Hamsterrad, ohne mal Abstand gewinnen zu können.» Anderen wäre dies etwa in längeren Verletzungspausen gelungen, wiederum andere in konventionelleren Berufszweigen würden sich «mal ein Sabbatical gönnen». Teichmann jedoch sah sich nach all den Jahren ausgelaugt und mental nicht mehr frisch genug: «In so vielen äusserst intensiven Saisons, mit ständigem Leistungsdruck und der extremen Reiserei, prasselt so viel auf dich ein. Du kannst deine Karriere schon durchpushen – doch irgendwann explodierst du.»
Teichmann, die frühere French-Open-Achtelfinalistin, Billie-Jean-King-Cup-Gewinnerin, zweifache WTA-Turniersiegerin und einstige Weltnummer 21, zog die Tennis-Notbremse. Rechtzeitig, damit ihr Karrierezug nicht komplett entgleiste: «Ich musste erst einmal meine Laufbahn verdauen. Und ich wollte mir damit die Chance geben, nach einer Pause wieder weiterzumachen.»
«Wow, du hast vielleicht Mut!»
Die in Barcelona aufgewachsene Tochter von Zürcher Eltern platzierte ihr Vorhaben gemeinsam mit einer Psychologin bei der WTA – und fand dort Gehör. Die Vereinigung der professionellen Tennisspielerinnen gewährte ihr zugunsten der mentalen Gesundheit das geschützte Ranking, mit dem sie nach halbjährigem Unterbruch bei acht Turnieren wieder an den Start gehen darf – in ihrem Fall mit Position 89 der Weltrangliste. Die Reaktionen aus dem Tennisumfeld hätten sie in ihrer Entscheidung bestärkt.
Viele seien gar überrascht und beeindruckt gewesen ob Teichmanns offenen Umgangs mit ihrem mentalen Zustand: «Viele sagten mir: ‹Wow, du hast vielleicht Mut!›» Was sie meint: Man hätte auch ganz einfach eine Verletzung vorschieben können.
Teichmann berührte während ihrer Auszeit monatelang kein Racket. Erst am 5. Januar dieses Jahres begann sie sachte mit einem Aufbau. Und erst Ende Monat, beim WTA-125-Turnier in Dubrovnik (Kro), plant sie ihr Comeback. Sie sagt: «Es gab in diesem halben Jahr durchaus schwierige Tage, an denen ich auch an meinem Entscheid zweifelte. Mittlerweile weiss ich aber: Ich habe das gebraucht und ich bin stolz, dass ich es so durchgezogen habe. Ich spüre wieder richtig viel Energie und habe Lust, etwas aufzubauen.»