Er hatte sich auf die «grossen Emotionen» in Basel gefreut – und genau die bekommt Stan Wawrinka (41) zum Auftakt seines letzten ATP-Turniers der Karriere. Als er einen Tag vor seinem Erstrundenspiel gegen Jiri Lehecka die St. Jakobshalle für die grosse Hommage betritt, wird «Stan the Man» das erste Mal auf die Gefühlsprobe gestellt. Minutenlange Standing Ovations. Tosender Applaus. Und auf der Tribüne Tochter Alexia, Ex-Frau Ilham Vuilloud und die Eltern Isabelle und Wolfram Wawrinka, die allesamt dem grossen Abend beiwohnen.
Auch eine andere Tennis-Ikone, Martina Hingis, Langlauf-Legende Dario Cologna und Hürden-Europameister Jason Joseph beehren die Zeremonie auf der Tribüne. Alle sehen sie, wie Wawrinka von Moderator Sven Epiney auf eine Reise durch seine Karriere mitgenommen wird. Ausgestattet mit Popcorn, sieht der grosse Film-Fan und Produktionsfirma-Inhaber die wichtigsten Szenen seiner erfolgreichen Laufbahn über den Bildschirm flackern. Vom Doppel-Olympiasieg an der Seite von Roger Federer über die drei Grand-Slam-Titel bis hin zum Davis-Cup-Triumph. Passend dazu wird er zuvor von Brennwald als «Sylvester Stallone des Tennis» angekündigt.
McEnroe-Spruch über Kult-Shorts
Die Zeremonie ist voll von lobenden Worten – auch von Roger Federer, Andy Murray, Novak Djokovic und anderen Grössen des Tennissports, die via Grussbotschaft für eine «grossartige Karriere» gratulieren. Wobei John McEnroe auch leise Kritik an den kultigen, aber gewöhnungsbedürftigen Karo-Shorts vom French-Open-Sieg 2015 übt und sie als «eines der schlimmsten Outfits überhaupt» bezeichnet.
Von Brennwald erhält der blendend aufgelegte, aber auch immer wieder berührte Wawrinka einen goldenen Ball als Trophäe überreicht. Von einem Splash-Art-Künstler ein immens grosses, live gespraytes Bild, zu dem Wawrinka sogleich fragt: «Habt ihr einen Lastwagen für mich?» Und von Musiker Bastian Baker eine Lied-Hommage.
Wawrinka witzelt, er habe in seinem Abschiedsjahr mehr Trophäen fürs Verlieren und Adieusagen gewonnen als zuvor in seiner gesamten Karriere. Dann wird es noch einmal richtig emotional, als die Familie ins Spiel kommt. Mama Isabelle sagt in einem Videobeitrag: «Ich bin vor allem stolz darauf, was für ein Mann du geworden bist. Ich liebe dich.» Und Wawrinka meint: «Dass meine Familie und meine Tochter hier sein können, ist das grösste Geschenk für mich.»
Djokovic doch nicht da
Wawrinka wird für sein Lebenswerk ausgerechnet an jenem Ort geehrt, der auch als Wohnzimmer von Roger Federer gilt. Also jenem Mann, in dessen Schatten er jahrzehntelang stand. Viele Fans hätten sich gewünscht, dass auch Federer in der Halle, in der er zehnmal den Pokal in die Höhe stemmte, einen richtigen Abschied bekommen hätte. Doch früh deutete sich an, dass das Verhältnis zwischen dem Maestro und dem ATP-500-Turnier aufgrund früherer Differenzen zu abgekühlt ist.
Der Würdigung am Montagabend blieb Federer deshalb wenig überraschend fern. Genauso wie Djokovic, der sich zwar bemühte, einen Platz in der Arena zu bekommen, dann aber offenbar doch nicht kommen konnte. Federer allerdings wird doch noch die Gelegenheit erhalten, sich von seinem guten Freund zu verabschieden. Der 20-fache Grand-Slam-Sieger wird bei Wawrinkas selbst organisiertem Abschiedsevent in Genf am 19. Dezember mit von der Partie sein. Zusammen mit Murray und Gaël Monfils.
In Basel endet der Abend mit einer Ehrenrunde, dem Song «Time to Say Goodbye» und einer scherzhaften Ankündigung von Wawrinka fürs nächste Jahr: «Dann gibts für mich Folgendes: Ski, Fondue, Raclette und Wein.»