Darum gehts
- Stan Wawrinka erreicht als erster Ü40-Spieler seit 1978 Runde drei bei Grand Slam
- Sein Match über Arthur Géa dauerte 4:33 Stunden
- 49 Fünfsatz-Matches auf Grand-Slam-Ebene stellen Rekord dar
Was war das bitte für eine Performance, Monsieur Wawrinka?! Wie eine fleischgewordene Duracell-Batterie powert der bald 41-jährige Romand durch die zweite Runde der Australian Open – und schreibt damit Geschichte. Dank des 4:6, 6:3, 3:6, 7:5, 7:6-Erfolgs über den Franzosen Arthur Géa steht er als erster Ü40-Spieler bei einem Grand-Slam-Turnier in Runde drei. Seit Ken Rosewall im Jahre 1978.
Es ist ein Spektakel-Auftritt von Wawrinka, in klassischer «Stan the Man»-Manier, mit Drama und Zittern. Und vor allem einer, der in den letzten Jahren kaum mehr realistisch schien. Ein derart weiter Vorstoss auf Major-Ebene geht beim ältesten Spieler der Tour bis ins Jahr 2023 zurück. Damals spielte er sich in Wimbledon und an den US Open ebenfalls in die dritte Runde. Danach jedoch tat er sich zwischenzeitlich sogar schwer, auf ATP-Level zwei Spiele hintereinander zu gewinnen.
Wawrinka, Herr der Fünfsätzer
Die Ankündigung, in diesem Jahr einen Schlussstrich unter seine Karriere zu ziehen, scheint ihn regelrecht zu beflügeln. «Der letzte Push», wie er die Abschiedstournee nennt, bringt noch einmal den alten Stan Wawrinka zum Vorschein. Sein Satzball im vierten Durchgang, auf typische Stan-Weise mit durchgezogener, einhändiger Rückhand, ist ganz grosses Kino. Und reisst das Publikum einmal mehr von den Sitzen.
Wawrinka begeistert in «Down Under» mit seiner unermüdlichen Art. Als der aufstrebende Youngster Géa (21) im Match-Tiebreak zu krampfen beginnt, wirkt Wawrinka, der sein Vater sein könnte, erstaunlich fit. Getragen von den Fans, baut er nach ewigen 4:33 Stunden seinen Fünfsätzer-Rekord weiter aus. 49 Partien (26 Siege) hat der Altmeister nun auf Grand-Slam-Stufe über die volle Distanz bereits bestritten. So viele wie kein anderer. Zuletzt verlor er die meisten davon, doch jetzt, zum Abschluss seiner mit drei Grand-Slam-Trophäen reich geschmückten Laufbahn, wächst er noch einmal über sich hinaus.
Wawrinkas Auftritt hat in so mancher Hinsicht etwas Legendäres. Er spielt mit den Zuschauern wie möglicherweise noch nie zuvor. Er hält sich beim Jubeln den Finger an die Schläfe, wie er es zu besten Zeiten getan hat. Und auch sein Ausrüster Yonex trägt seinen Teil dazu bei, indem er am Kragen seines Match-Shirts eine Hommage an Wawrinkas kultige Karo-Hose angebracht hat. Das Muster, das jetzt im schmalen Knopfbereich zu sehen ist, trug er 2015 bei seinem Sieg an den French Open. Das war ein Jahr, bevor er an den US Open triumphierte – und ein Jahr nach seinem Premieren-Coup in Melbourne. Und natürlich haben sie auch in Australien nie vergessen, welch ein Paukenschlag dem Westschweizer damals gelang, als er nach Siegen über Novak Djokovic und Rafael Nadal den Pokal hochstemmte.
Ein Bierchen als Lohn?
Dass die Veranstalter mit der Vergabe der diesjährigen Wildcard lange zögerten, irritierte zwar, doch mittlerweile macht das Turnier bei Wawrinka alles richtig. Seine beiden in der Kia-Arena angesetzten Partien – im viertgrössten Stadion des Melbourne Parks – entwickelten sich zu echten Stimmungs-Highlights. Und nun dürfte sein drittes Spiel, gegen US-Topstar Taylor Fritz, ihn auf noch grösseres Parkett führen.
Ob das letzte Australien-Abenteuer von Wawrinka am Samstag weitergeht, ist hingegen fraglich. Auf dem Papier ist er gegen die Weltnummer neun klarer Aussenseiter. Ausserdem bleibt abzuwarten, wie sein Körper die Fünfsätzer-Strapaze wegstecken wird. «Ich habe keine Ahnung», sagt Wawrinka herzlich lachend, als er im Platzinterview darauf angesprochen wird. Auch er weiss: Die Duracell-Batterie läuft auch nicht endlos. Inspiriert von einem Fan, dem ein Becher auf das Spielfeld heruntergefallen ist, scherzt Wawrinka: Vielleicht helfe ihm jetzt ja ein Bierchen.