Ein Tag in Wimbledon mit Tennis-Ikone Martina Hingis
«Meine Tochter weiss, dass ich mal die beste Spielerin war»

Vom Haus im legendären Wimbledon Village bis zur Siegerinnenwand im Bauch des Centre Court: Ein Rundgang mit Martina Hingis auf jenem Schauplatz, der ihre Karriere am meisten geprägt hat.
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Foto: Sven Thomann
Ein Tag in Wimbledon mit Tennis-Ikone Martina Hingis

Darum gehts

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Martina Hingis (45) steht lachend im Türrahmen und sagt: «So ideal habe ich wirklich noch nie gewohnt.» Was sie meint: Ihre Gehdistanz zur Wimbledon-Anlage beträgt dieses Jahr grosszügig aufgerundete zwei Minuten. Die bis heute jüngste Wimbledonsiegerin seit der 1968 eingeführten Open Era hat sich hier in einem typisch englischen Backsteinhäuschen eingerichtet. Das Grand-Slam-Turnier im Südwesten Londons hat sie in diesem Jahr erneut für das Legendenturnier eingeladen. Diesmal für den Mixed-Bewerb, an der Seite des Deutschen Tommy Haas (48).

Hingis ist im All England Club eine Ikone. Vor 30 Jahren holte sie ihren ersten von insgesamt drei Doppel-Titeln, ein Jahr später errang sie den historischen Sieg im Einzel. Hinzu kamen zwei Mixed-Erfolge sowie vier Triumphe im Legendenturnier. Plus der Juniorentitel 1994.

Jenes Jahr war das einzige, in dem sie in einem Hotel abstieg. Ansonsten bewohnte sie im schicken Quartier rund um das Turnierareal unzählige Häuser. Mal war sie Nachbarin von Roger Federer (44), mal übernahm sie die Unterkunft von Maria Scharapowa (39). Seit ihrem endgültigen Karriereende 2017 habe sich aber etwas verändert, wie sie sagt: «Der Tunnelblick ist weg. Ich geniesse die Atmosphäre an diesem magischen Tennisort und alles, was dazugehört, heute mehr denn je.» Auch Mutter Melanie Molitor (69) und Töchterchen Lia (7) sowie Hund Luxi sind für diese Woche eingezogen.

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Martina Hingis' temporäres Zuhause während des Wimbledon-Turniers liegt an allerbester Lage.
Foto: Sven Thomann

Blick trifft Hingis einen Tag vor Beginn des Mixed-Turniers, das am Sonntag mit dem Final (und womöglich einem weiteren Hingis-Titel) endet. Die Ostschweizerin lädt spontan zu einer Rundtour ein: «Ich muss noch kurz zu meinem Ausrüster. Kommt ihr mit?» Aus einem geplanten Interview wird kurzerhand ein ganzer Tag.

Erste Station: Das Yonex-Haus, direkt neben den für die Öffentlichkeit abgeschirmten Tennisplätzen im Aorangi Park. Die japanische Marke hat auch Stan Wawrinka (41) sowie Belinda Bencic (29) unter Vertrag. Hingis ist eine der dienstältesten Botschafterinnen. Während Lia, die Blick auf Wunsch der Familie nicht im Foto zeigt, im Garten mit Luxi spielt, bekommt Hingis drinnen einen 80 Jahre alten Sake geschenkt. Nach dem Eintüten der neuen, natürlich weissen Wimbledon-Kollektion gehts weiter zur Anlage. Lia braust mit dem Trottinett voraus, Mama Martina läuft hinterher und wird immer wieder von Fans um Selfies gebeten. 

Alle paar Meter wird Martina Hingis auf der Anlage von Fans erkannt – darunter auch viele Schweizer.
Foto: Sven Thomann

Blick: Martina Hingis, versteht Ihre Tochter mittlerweile, wer ihre Mutter ist?
Martina Hingis: Mehr als früher, ja. Den Unterschied zwischen Grand Slams und kleineren Turnieren kennt sie noch nicht. Aber sie weiss, dass ich mal die beste Spielerin war.

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Als Erstes gehts zum Haus ihres Ausrüsters Yonex, wo sie einen 80 Jahre alten Sake geschenkt bekommt.
Foto: Sven Thomann

Ist sie immer noch an Tennis interessiert?
Ja, sie spielt zwei-, dreimal die Woche in einer Gruppe mit mir und meiner Mutter. Das ist definitiv etwas, das wir ihr mit auf den Weg geben möchten. Ich finde, Tennis ist auch eine Lebensschule. Wenn du auf dem Platz eine gewisse Konzentration an den Tag legen kannst, wirst du auch im Leben zurechtkommen. Aber …

Ja?
Sie macht auch andere Dinge. Sie spielt Klavier, malt, klettert und reitet sehr gerne. 

Tennislegende Martina Hingis stellt sich Schnellfragerunde
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«Musste jeder durchmachen»:Tennislegende Martina Hingis stellt sich Schnellfragerunde

Auf Höhe des No. 1 Court will Hingis kurz in den Wimbledon-Shop. Weil die Schlange aber viel zu lang ist, wird der Plan verworfen. Dafür schaut sie bei der beliebten Tafel vorbei, wo mit Papp-Trophäen posiert werden kann. 29 Jahre nach ihrem Einzeltriumph hält sie noch einmal die Venus Rosewater Dish, die berühmte Schale für die Frauensiegerin, hoch.  

Wie 1997: Martina Hingis jubelt noch einmal mit der heissbegehrten Schale.
Foto: Sven Thomann

Sie gewannen total 43 Titel im Einzel, 64 im Doppel und 7 im Mixed. Haben Sie all Ihre Karrieretrophäen noch?
Einige. Die wichtigsten stehen zu Hause in einer Vitrine.

Nach Ihrem Wimbledontriumph 1997 wurden Sie gefragt, was Sie mit den 900’000 Franken Preisgeld machen würden. Sie träumten damals von einem Pferd.
Das kann gut sein (lacht). Damals machte es aber keinen Sinn, eines zu kaufen. Wir waren ja ständig unterwegs, und ich war 16. Später habe ich das aber gemacht. Und heute besitze ich einen kleinen Reitstall in Bad Ragaz, bei dem ich gerne bin. Ich mag die Rheintaler Luft, um mal durchzuatmen.

Hingis nimmt Blick mit auf einen Rundgang durchs Quartier und über die Anlage.
Foto: Sven Thomann

Als Sie mit elf Jahren ein Juniorenturnier in Genua gewannen, bekamen Sie als Prämie eine Vespa. Gibts die noch?
Nein. Aber ich erinnere mich gut. Es war eine rote Piaggio, und ich durfte sie logischerweise noch nicht fahren. Tommy Haas siegte damals bei den Buben. Wir teilen dieses gemeinsame Erlebnis.

Nächster Stopp ist der Bauch des Centre Court. Oben messen sich auf dem heiligen Rasen gerade Jannik Sinner (24) und Miomir Kecmanovic (26), unter der Tribüne steht Hingis vor der Wand, auf der sämtliche Siegerinnen verewigt sind. 

Hingis hat sich vor 29 Jahren an der Siegerinnentafel verewigt.
Foto: Sven Thomann

Was kommt Ihnen als Erstes in den Sinn, wenn Sie an den Centre Court denken?
Ich weiss noch, dass 1996 der Doppelfinal vertagt wurde und ich am Montag ranmusste. Und 1997 hatte ich im Einzel Wetterglück in der regnerischen, ersten Turnierwoche. Und ich habe vor dem Turnier ein Fotoshooting gemacht, bei dem wir Lottie Dod nachstellten, die mit 15 Jahren und 285 Tagen jüngste Wimbledonsiegerin aller Zeiten (1887, d. Red.).

Sie schrieben im Alter von 16 Jahren und 117 Tagen ebenfalls Geschichte und durften zum Champions Dinner.
Ja, ich freute mich so sehr auf den Tanz, musste dann aber feststellen, dass es ihn damals nicht mehr gab. Das fand ich unglaublich schade. Mittlerweile haben sie ihn zum Glück wieder eingeführt.

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Vorbei am Henman Hill, …
Foto: Sven Thomann

1997 war Ihr Jahr. Sie siegten bei allen Grand Slams, nur nicht an den French Open. Es hiess, nur ein Reitunfall während der Vorbereitung habe Sie daran gehindert, in jenem Jahr den Grand Slam zu schaffen.
Ach, das ist doch rein hypothetisch. Keine Ahnung, ob das so war. Das mit dem Reitunfall lief einfach blöd. Ich war quasi in Zeitlupe vom Pferd gefallen, und am nächsten Tag tat dann mein Knie weh. Später verlor ich im Paris-Final. Dafür war ich mit Sicherheit genug hungrig für Wimbledon danach.

Ihre damalige Gegnerin in London, Jana Novotna, erlitt später ein trauriges Schicksal, als sie im Alter von nur 49 Jahren an Eierstockkrebs verstarb.
Das war schlimm. Ich wollte sie 2017 an meinen Karriereabschied im Dolder einladen. Aber sie hat es leider nicht mehr geschafft. Sie ging viel zu früh.

Nun gehts schnell. Raus aus der Anlage, das Mittagessen ein paar Strassen weiter im Haus ihrer Agentur Octagon steht an. Hingis wird warm empfangen, isst einen Salat und wird danach – wie übrigens auch der Blick-Fotograf – von Tochter Lia zum Tschau-Sepp-Spielen aufgefordert. Melanie Molitor erzählt derweil am Tisch von ihrer ersten Begegnung mit Roger Federer beim Hopman Cup im Jahr 2001: «Ich kannte ihn zuvor nicht, war aber sehr beeindruckt, mit welcher Hingabe er schon als Teenie im Training bei der Sache war. Er hörte zu, war voll präsent.» 

Wimbledon ohne Erdbeeren? Das geht auch für Martina Hingis gar nicht.
Foto: Sven Thomann

Nach dem Essen gehts zum kurzen Fotoshooting auf die Dachterrasse des Broadcast Centre auf der Anlage, mit ein paar Erdbeeren als Dessert, später zum Training mit Tommy Haas. Erst spielt Hingis ein paar Bälle mit Lia, unter genauer Beobachtung von Oma Melanie. Daneben trainieren zwei Doppelspezialisten. Als einer der beiden aus Versehen einen Ball auf Hingis’ Platz schlägt, ruft diese im Scherz zurück: «Hey, das hier ist grade eine ernste Sache. Das Spiel des Jahres!» Gelächter auf beiden Seiten. 

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Hingis vor den Trainingsplätzen in Wimbledon.
Foto: Sven Thomann

Es ist mittlerweile früher Abend. Die Rundtour mit Hingis endet dort, wo sie angefangen hat. Im kleinen Backsteinhaus. Frisch geduscht, nimmt Hingis draussen im Garten auf einem Bänkchen Platz. 

Wem schauen Sie vom Tennis heutzutage gerne zu?
Carlos Alcaraz und Jannik Sinner gehören mit Sicherheit dazu. Auch Aryna Sabalenka beobachte ich genau, weil ich sie schon kannte, als sie noch 17 war. Sie ist vom Stil her das Gegenteil von mir, was ich spannend finde. Auch Mirra Andrejewa gefiel mir, als sie auf die Tour kam.

Folgt der nächste Wimbledon-Titel für Hingis?

Martina Hingis hat in Wimbledon schon alles gewonnen, was bislang möglich war. In diesem Jahr nimmt sie erstmals im Mixed-Bewerb des Legendenturniers teil – und hat nun auch hier die Gelegenheit, wieder den Sieg abzuräumen. An der Seite ihres Doppelpartners Tommy Haas trifft sie am Sonntag im Final auf das Duo Mark Philippoussis (Aus)/Cara Black (Zim).

Martina Hingis und Tommy Haas gemeinsam in Aktion.
Sven Thomann

Martina Hingis hat in Wimbledon schon alles gewonnen, was bislang möglich war. In diesem Jahr nimmt sie erstmals im Mixed-Bewerb des Legendenturniers teil – und hat nun auch hier die Gelegenheit, wieder den Sieg abzuräumen. An der Seite ihres Doppelpartners Tommy Haas trifft sie am Sonntag im Final auf das Duo Mark Philippoussis (Aus)/Cara Black (Zim).

Letztere wollte Sie vor zwei Jahren als Coach engagieren. Schliessen Sie einen Job als Trainerin auf der Tour weiterhin aus?
Ja, aktuell möchte ich das wegen Lia nicht machen. Denn das hiesse, dass ich viele Wochen im Jahr weg wäre. Ich hätte mir eine Zusammenarbeit mit Swiss Tennis vorstellen können, doch das kam leider nicht zustande. Dass wir gute Arbeit leisten, hat man schon bei Belinda Bencic und Sabine Lisicki gesehen – und jetzt gerade bei Wimbledonfinalistin Linda Noskova.

Gab es weitere Anfragen?
Hätte ich entsprechende Signale ausgesendet, wäre dem wohl so gewesen. Ich hätte aber in beratender Funktion zu den Verbänden in Italien, Frankreich und der Türkei gehen können.

Hingis im Garten ihres kleinen, gemieteten Wimbledonhäuschens.
Foto: Sven Thomann

Wie darf man sich heute Ihr Leben vorstellen?
Ich stehe einige Male pro Woche auf dem Tennisplatz und coache beispielsweise zwei 18-jährige Mädchen. Daneben bin ich Mutter und habe auch sonst noch einige Sponsorentermine. Und ich habe mehr Zeit, wenn Anfragen reinflattern. Wie heute. 

Sie waren der erste richtige Weltstar der Schweiz – und der Rummel dementsprechend gigantisch. Sie hatten sich phasenweise abgeschottet.
Wir waren ja unter ständiger Beobachtung. Alle wollten etwas von uns – und wir konnten schlicht nicht allen gerecht werden. Wir wollten auch genug Zeit für uns und fürs Tennis haben. Ich weiss: Das hat teilweise in der Öffentlichkeit zu Missverständnissen geführt. Aber wir mussten eine Balance finden.

Hingis sagt: «Ich geniesse die Atmosphäre an diesem magischen Tennisort heute mehr denn je.»
Foto: Sven Thomann

Sie standen schon als Teenie im Rampenlicht, Sie dominierten in der ersten Phase Ihrer Karriere im Einzel, später dann im Doppel. In welchem Lebensabschnitt befinden Sie sich jetzt?
In der Mami-Phase (schmunzelt). Ich finde es schön, Lia meine Welt zeigen zu können. Und ich bin dankbar für alles, was wir erleben dürfen.

Persönlich

Martina Hingis wurde 1980 in der damaligen Tschechoslowakei geboren und kam acht Jahre später zusammen mit ihrer Mutter Melanie Molitor, die auch stets ihr Tenniscoach war, in die Ostschweiz. Das Mädchen aus Trübbach SG stellte auf Anhieb alles in den Schatten und einen Altersrekord am anderen auf. Mit 12 gewann sie als Juniorin die French Open, mit 15 triumphierte sie im Doppel in Wimbledon und mit 16 im Einzel. 1997 wurde sie die jüngste Weltnummer eins. 2002 trat sie als fünffache Grand-Slam-Siegerin im Einzel wegen Fussproblemen zurück. 2006 gab sie ihr Comeback, kehrte in die Top 10 zurück, gab aber 2007 in Folge einer positiven Dopingprobe (wegen Spuren eines Abbauprodukts von Kokain) erneut den Rücktritt. Hingis beteuerte ihre Unschuld, wurde damals jedoch für zwei Jahre gesperrt. 2013 kehrte sie noch einmal als Doppelspielerin zurück – und gewann zahlreiche Grand Slams. Insgesamt schraubte sie ihr Konto im Doppel auf 13 Titel hoch und im Mixed auf sieben. Mit Ex-Mann Harald Leemann hat sie eine Tochter, Lia (7).

Martina Hingis wurde 1980 in der damaligen Tschechoslowakei geboren und kam acht Jahre später zusammen mit ihrer Mutter Melanie Molitor, die auch stets ihr Tenniscoach war, in die Ostschweiz. Das Mädchen aus Trübbach SG stellte auf Anhieb alles in den Schatten und einen Altersrekord am anderen auf. Mit 12 gewann sie als Juniorin die French Open, mit 15 triumphierte sie im Doppel in Wimbledon und mit 16 im Einzel. 1997 wurde sie die jüngste Weltnummer eins. 2002 trat sie als fünffache Grand-Slam-Siegerin im Einzel wegen Fussproblemen zurück. 2006 gab sie ihr Comeback, kehrte in die Top 10 zurück, gab aber 2007 in Folge einer positiven Dopingprobe (wegen Spuren eines Abbauprodukts von Kokain) erneut den Rücktritt. Hingis beteuerte ihre Unschuld, wurde damals jedoch für zwei Jahre gesperrt. 2013 kehrte sie noch einmal als Doppelspielerin zurück – und gewann zahlreiche Grand Slams. Insgesamt schraubte sie ihr Konto im Doppel auf 13 Titel hoch und im Mixed auf sieben. Mit Ex-Mann Harald Leemann hat sie eine Tochter, Lia (7).

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