Darum gehts
Seit über drei Jahrzehnten schaut Andi Egli auf allerhöchster Tennisebene zum Rechten. Erst als Stuhlschiedsrichter und seit 2007 als Supervisor. In Wimbledon nimmt sich der praktisch durchgehend beschäftigte Luzerner Zeit für ein Gespräch unweit des Centre Courts, wo auch sein Büro liegt – und gewährt Einblick in den Alltag eines der heissesten Jobs der Tenniswelt.
Blick: Andi Egli, kennen Sie eigentlich den anderen berühmten Andy Egli aus der Schweizer Sportwelt?
Andi Egli: Den früheren Fussballer? Ja, den habe ich einst getroffen. Das dürfte 1984 gewesen sein, als er für Dortmund spielte und damals in Weggis im Trainingslager war. Man hatte ihm gesagt, dass da noch ein anderer sei, der gleich heisse wie er – so kam es zum Treffen. Wir sind aber weder verwandt noch verschwägert. Allerdings …
Ja?
Als meine Frau und ich in Zürich wohnten, bekam sie oft Anrufe von Journalisten, die ein Interview mit Andy Egli, dem Fussballer, abmachen wollten. Solche Missverständnisse sind immer wieder passiert.
Im Gegensatz zu Ihrem Fussball-Namensvetter haben Sie eine steile Tennis-Karriere hingelegt. Bei wie vielen Grand Slams stehen Sie aktuell?
(Rechnet nach.) Es müssten 134 sein. Das jetzt ist mein 34. Mal in Wimbledon.
Ist es bislang ein gutes Turnier für Sie?
Ja, das Wetter ist ideal. Und ich sage immer zu meinen Freunden, die mich im Fernsehen auf den Platz laufen sehen wollen: Ein guter Tag ist es für mich, wenn man mich nicht sieht.
Weil dann nichts Brenzliges passiert ist. Wie beispielsweise 2020 an den US Open, als Novak Djokovic wegen Ballwegschlagens disqualifiziert wurde. Sie waren mittendrin. Wie schauen Sie heute darauf zurück?
Ich musste auch auf den Court. Im Gegensatz zu heute hatten wir damals noch nicht die Möglichkeit, strittige Szenen anzuschauen, bevor wir auftauchen. Allerdings hatte ich da das Glück, dass ich bereits im Stadion sass und alles mitbekam. Ich war derselben Meinung wie die Schiedsrichterin. Ihn zu disqualifizieren, war rückblickend ganz bestimmt richtig.
Sie waren auch bei allen Schweizer Sternstunden der letzten Jahrzehnte dabei.
Ja, von Marc Rosset über Jakob Hlasek, die Grand-Slam-Titel von Martina Hingis, Roger Federer und Stan Wawrinka bis zum Olympiasieg von Belinda Bencic in Tokio. Allerdings stand ich aufgrund meiner Nationalität in ihren wichtigen Partien weniger im Fokus.
Dafür bei anderen Superstars. Wie würden Sie Ihr Verhältnis zu den Spielern beschreiben?
Ich bin sehr zufrieden, wie ich mit den Allergrössten auskomme. Viele Spieler reissen mal einen Spruch in meine Richtung (schmunzelt). Meistens ist es aber als Kompliment gemeint. Ich habe nie Freundschaften mit ihnen gesucht. Für mich war und ist einfach wichtig, dass ich respektiert werde. Und ich war schon als Schiri bekannt dafür, dass ich es die Spieler merken liess, wenn ich hässig war. Gleichzeitig wussten sie auch, dass ich grundsätzlich ein gelassener Typ bin. Und ich hatte schon immer einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn.
Wie war es konkret mit den Big 3?
Mit Federer haben sich meine Wege tatsächlich wenig gekreuzt. Als Stuhlschiedsrichter habe ich genau zwei Partien von ihm geleitet. Rafael Nadal habe ich schon gesehen, als er noch zwölf war. Von ihm habe ich unzählige Partien geleitet und miterlebt. Mit ihm hatte ich ein gutes Verhältnis.
Und mit Djokovic?
Nun, er ist eventuell nicht mein grösster Fan. Aber wir haben ein respektvolles und professionelles Verhältnis und kommen gut miteinander aus.
Wie wird man Chef der Supervisor auf den grössten Tennisbühnen der Welt?
Ich gehörte dem Tennisclub Weggis an, der übrigens gerade sein 80-Jahr-Jubiläum feiert. Damals gab es ein internationales Turnier bei uns, bei dem ich der «Running Boy» war – ich machte irgendwie alles. Und irgendwann hat im Final halt der Schiedsrichter gefehlt. Später durfte ich zum ATP-Turnier in Gstaad und habe Kurse besucht. Es war damals mehr noch ein Hobby.
Ab 1991 stiegen Sie aber fix im Tenniszirkus ein.
Genau, da habe ich mich nach meinem Wirtschaftsstudium drei Jahre lang selber um Jobs an Turnieren gekümmert. Ich musste Briefe schreiben und ein Passfoto beilegen, um mich zu bewerben. 1994 bekam ich dann Verträge mit Grand Slams und mit dem Internationalen Tennisverband (ITF, heute World Tennis, d. Red.).
Sie stehen an allen Grand Slams im Jahr im Einsatz. Wie darf man sich Ihren Alltag vorstellen?
Zusammen mit Wayne McKewen leite ich die Supervisor-Gruppe. Hier in Wimbledon waren wir während der Quali zu fünft, dann zu Beginn des Hauptturniers zu siebt oder zu acht – und gegen Ende des Turniers werden es wieder weniger. Wir müssen auf den Platz, wenn es eine Regelfrage gibt. Daneben haben wir auch administrative Aufgaben. In Wimbledon überwache ich die Schiedsrichter-Einteilung, in Paris und Melbourne bin ich für den Spielplan zuständig, andere kümmern sich um Themen wie Bussen oder sind Antidoping-Kontaktperson.
Bekommen Spieler wie Alexander Bublik oder Nick Kyrgios, die – gelinde gesagt – etwas impulsiver sind als andere, eher einen erfahrenen Referee zugeteilt?
Absolut, darauf achten wir. Ein Kyrgios wird nicht jemanden bekommen, der erst am Anfang seiner Karriere steht. Meine Aufgabe ist es, die Schiedsrichter gut und fair nach ihren Qualitäten und Erfahrungen einzuteilen.
Die Erstellung der Spielpläne kann auch brisant sein. In Paris gab es immer wieder Diskussionen um die Night Session – und dass dort zu wenig Frauenspiele zum Zug kämen. Wie stehen Sie dazu?
Die Spielpläne sind ein Puzzlespiel aus Forderungen verschiedener Parteien. Spieler, Turnier und TV-Stationen stellen ihre Ansprüche. Hinzu kommen die zahlenden Fans, die in Paris womöglich 300 Euro für eine Night Session liegen lassen. Ihnen muss ein möglichst gutes Paket geliefert werden. Auch ein attraktives Frauenspiel kann unter Umständen schon nach einer Stunde vorbei sein. Das hat auch Einfluss darauf. TV-Stationen haben ebenfalls ein starkes Gewicht bei den Veranstaltungen, weil sie enorm viel bezahlen. Es ist unglaublich schwierig, es allen recht zu machen.
Wer darf Wünsche bei Ihnen platzieren?
Grundsätzlich alle (lacht). Wenn aber die Nummer 100 der Welt kommt und auf dem Centre Court in Wimbledon spielen will und kein Brite ist, wird es vermutlich schwierig. Aber wenn jemand nicht als Erster oder Letzter spielen möchte, versuchen wir das zu berücksichtigen. Genauso wie medizinische Gründe.
Bei so vielen Einflüssen hört sich Ihre Arbeit wie Tetris und Sudoku zusammen an.
Genau so ist es! Ich vergleiche es immer wieder mit Tetris. Ich habe sogar schon mal die berühmte Tetris-Musik im Hintergrund abspielen lassen, als ich vor der Wand mit allen möglichen Szenarien stand (lacht).
Wie gehen Sie mit Kritik um?
Solange sie ehrlich gemeint ist und nicht hinter dem Rücken passiert, ist das okay und gehört dazu. Wir machen auch nicht alles richtig.
Alexander Zverev äusserte Anfang Jahr den Vorwurf Ihnen gegenüber, dass Sie – stellvertretend für die Supervisor – Carlos Alcaraz und Jannik Sinner auf der Tour schützen würden. Auslöser war ein Medical Timeout für Alcaraz nach Krämpfen, was eigentlich nicht im Regelbuch steht.
Es ist sicher nicht so, dass wir sie schützen. Man muss in jenen Fällen auch die Physiotherapeuten verstehen: Wenn ihnen gesagt wird, dass es sich um eine Verletzung handeln könnte, müssen sie reagieren. Auf dem Platz ist eine Diagnose schwierig. Krampf oder Zerrung? Das kannst du kaum feststellen. Allerdings wäre ich persönlich auch dafür, dass man die Regeln betreffend die Verletzungspausen ändert.
Zum Schluss: Ihr Highlight der Karriere?
Ganz schwierig. Ich habe als Schiedsrichter wenig Finals geleitet. Früher war es noch so, dass bei Grand Slams oft Einheimische zum Zug kamen. Als sie es dann änderten, stand Federer praktisch in jedem Endspiel – und ich durfte nicht mehr, weil ich Schweizer bin (schmunzelt). Aber das war okay für mich. Ich erinnere mich gerne an einen Halbfinal zwischen Andre Agassi und Marat Safin zurück. Und den Olympiafinal in Athen. Oder zahlreiche Davis-Cup-Finals.
Haben Sie einen Traumjob?
Nicht immer, aber oft. Ich habe das Glück, dass es vereinbar ist mit meinem Privatleben. Meine spanische Frau kennt nichts anderes, sie kann zudem ebenfalls flexibel arbeiten. Und unser Sohn ist auch damit aufgewachsen, mittlerweile studiert er aber im Ausland.
Andreas «Andi» Egli stammt aus Weggis LU. Nach einem Studium in Betriebswirtschaftslehre stieg er als Stuhlschiedsrichter in den Tenniszirkus ein. Seit 1994 steht er bei Grand Slams unter Vertrag, seit 2007 hat er dabei die Supervisor-Rolle inne. Er ist verheiratet und hat einen Sohn.
Andreas «Andi» Egli stammt aus Weggis LU. Nach einem Studium in Betriebswirtschaftslehre stieg er als Stuhlschiedsrichter in den Tenniszirkus ein. Seit 1994 steht er bei Grand Slams unter Vertrag, seit 2007 hat er dabei die Supervisor-Rolle inne. Er ist verheiratet und hat einen Sohn.