Darum gehts
Ein Mitarbeiter der Matterhorn-Gotthard-Bahn schüttelt ungläubig den Kopf, als die beiden Blick-Berichterstatter an diesem heissen Augusttag mit der Skiausrüstung durch den Zermatter Bahnhof marschieren. «Habt ihr denn nicht mitbekommen, dass der Sommerskibetrieb auf dem Theodulgletscher aufgrund der anhaltenden Hitze für Touristen eingestellt wurde?»
Doch, haben wir. Aber wir wissen eben auch, dass das Swiss-Ski-Team als einzige Equipe auf dem Gletscher in der Matterhornregion trainieren darf. Und dank der Erlaubnis von Cheftrainer Tom Stauffer dürfen wir Odermatt, von Allmen und Co. während einer Einheit begleiten.
Der Trainingstag beginnt für unsere Alpin-Helden um 6.30 Uhr bei der Talstation des Matterhorn-Express. Die Gondelfahrt dauert knapp 35 Minuten. Bei der Ankunft auf 3800 Meter über Meer wird klar, dass auch dieser Skitag wieder richtig heiss wird – das Thermometer zeigt bereits um sieben Uhr fünf Grad an.
Klare Ansage von Odermatt
Lassen diese ungewöhnlichen Bedingungen ein gewinnbringendes Training zu? Der fünffache Gesamtweltcupsieger Marco Odermatt beantwortet diese Frage mit einem kräftigen «Ja!» Der 28-jährige Ausnahmeathlet geht ins Detail: «Dass die Bedingungen aufgrund der aussergewöhnlich hohen Temperaturen nicht top sind, ist klar. Aber wir befinden uns hier ja auch nicht in der unmittelbaren Vorbereitung auf ein Weltcuprennen. Aktuell geht es darum, die Skischuhe anzupassen, das Gefühl für die Ski und den Schnee zu entwickeln. Und dafür sind die Verhältnisse hier oben super.»
Von Allmens Riesen-Kampf
Während Odermatt mit seinen Riesenslalom-Kumpels Thomas Tumler (36), Gino Caviezel (34) und Lenz Hächler (23) im oberen Abschnitt Gleitkurven trainiert, feilen die Abfahrer um den dreifachen Olympiasieger Franjo von Allmen weiter unten an ihrer Riesenslalomtechnik. Bevor der 25-jährige Berner Oberländer im Rekordtempo auf den Speed-Strecken durchgestartet ist, hat er 2021 auch einen FIS-Riesenslalom gewonnen. Werden wir von Allmen im kommenden Weltcupwinter auch am Riesen-Start sehen? «Sag niemals nie», grinst er.
Der gelernte Zimmermann macht aber klar: «Mein Fokus ist weiterhin auf die Abfahrt und den Super-G gerichtet. Über einen Start im Riesenslalom werde ich erst dann nachdenken, wenn er gut in mein Speed-Programm passen würde. Zudem muss das Niveau stimmen. Es macht keinen Sinn, wenn ich für den Riesenslalom enorm viel Energie verpuffe, um Dreissigster zu werden.»
Und dass sich von Allmen im Riesen noch steigern muss, wird an diesem Morgen nach dem ersten Trainingslauf deutlich. «Die ersten vier Tore bist du viel zu rund gefahren», bemängelt Co-Trainer Stefan Brügger in einer ersten Analyse.
Neuanfang für Beaver-Creek-Champion
Obwohl der Schlepplift auf dem Klein Matterhorn seit Wochen ausser Betrieb ist, geht es dank dem Schneetöfftransport von Trainerlegende Jogi Kunz sehr schnell, bis die Swiss-Ski-Stars nach einem Trainingslauf zurück am Start sind. «Auf diese Weise absolvieren wir mehr Fahrten, als wenn wir mit dem herkömmlichen Bügellift vom Ziel an den Start fahren würden», erzählt von Allmen. Das bestätigt auch Gino Caviezel: «Mit dem Schlepplift habe ich in Zermatt selten mehr als 8 Läufe pro Einheit geschafft, mit dem Skidoo habe ich schon 14 Läufe am selben Morgen geschafft.»
Caviezel ist für jede zusätzliche Trainingsfahrt dankbar. Nachdem der Bündner in der Altjahrswoche 2024 bei einem grausamen Super-G-Crash in Bormio Totalschaden im rechten Knie erlitten hat, ist er für die Rückkehr an die Weltspitze auf besonders viele Schneetage angewiesen. Die Trainer bezeichnen Caviezels Entwicklung als «höchst erfreulich».
Für Ginos Jahrgänger Justin Murisier ist das sommerliche Schneecamp am Fusse des Matterhorns gleichbedeutend mit einem Neuanfang. Der Walliser wurde nach der Olympiasaison von der Riesenslalom-Gruppe in das Speed-Team von Reto Nydegger transferiert. Gleichzeitig hat der Triumphator der Beaver-Creek-Abfahrt 2024 von Head- auf Kästle-Ski gewechselt. «In den steilen Streckenabschnitten kommt Justin mit dem neuen Material schon sehr gut zurecht», analysiert Nydegger.
Millionendeal macht sich bezahlt
Kanpp nach zehn Uhr strahlt die Sonne derart heftig auf den Gletscher, dass sich die Piste in eine sulzige Pampe verwandelt. Somit ist das Skitraining für diesen Tag vorzeitig beendet. Der Zuger Lenz Hächler (hat nach seinem Europacup-Gesamtsieg einen Weltcup-Fixplatz) ist dennoch sehr zufrieden mit dieser Einheit. «Die Piste hat sich bis kurz vor zehn Uhr in einem richtig geilen Zustand präsentiert.»
Auch Coach Nydegger ist überaus positiv gestimmt: «Für uns ist es ein riesiges Privileg, hier trainieren zu können. Weil wir als einzige Nation auf diesem Gletscher arbeiten dürfen, haben wir im Vergleich zu den ausländischen Teams einen grossen Vorteil.»
Dass die Schweizer im Oberwallis exklusiv behandelt werden, ist das Verdienst von Walter Reusser, Diego Züger und Franz Julen. Die beiden Ersteren haben als Co-CEOs von Swiss-Ski 2025 mit Julen, dem VR-Präsidenten der Zermatter Bergbahnen, einen Megadeal ausgehandelt. Mit einem zweistelligen Millionenbetrag haben die beiden für Swiss-Ski die Verwaltungsrechte auf dem Theodulgletscher gesichert. «Ich bin den Zermattern und Swiss-Ski für die Weitsicht und die Sicherung der Verwaltungsrechte enorm dankbar. Die Tage auf diesem Gletscher sind für uns brutal wichtig», hält Marco Odermatt fest.
Abfahrer mutiert zum Coiffeur
Die Zürcher Abfahrts-Hoffnung Alessio Miggiano (24) fällt in Zermatt nicht ausschliesslich mit guten Trainingsleistungen auf. Der Speed-Aufsteiger (zwei Top-acht-Klassierungen im letzten Weltcupwinter) avanciert nach der Gletschersession zum Teamfigaro. «Ich habe vor Jahren an der Sportschule in Engelberg aus Jux einem Teamkollegen die Haare geschnitten. Weil das Endergebnis erstaunlicherweise gar nicht so schlecht ausgefallen ist, habe ich immer mehr Freude am ‹Coiffeurlä› bekommen. Mittlerweile lassen sich einige Teamkollegen von mir die Haare schneiden.»
An diesem Nachmittag nimmt Gino Caviezel auf Miggianos Coiffeurstuhl Platz. Im Verlauf der Woche will auch Marco Odermatt bei Miggiano Haare lassen. «Ich bin sehr wahrscheinlich der treuste Kunde von Alessio, seit einem Jahr lasse ich mir die Haare ausschliesslich von ihm schneiden. Das letzte Mal hat er mich Ende Februar in Courchevel frisiert. Darum habe ich einen neuen Schnitt bitter nötig. Und vielleicht gibt mir Alessio ja diesmal einen Treuerabatt», meint Odermatt augenzwinkernd.