Marco Odermatt (28) reagiert nach seiner Zielankunft einigermassen erstaunt. Der Zeitenmonitor verrät ihm, dass er in diesem Hahnenkamm-Super-G drei Hundertstel schneller gefahren ist als sein glorreicher Teamkollege Franjo von Allmen (24). «Mir ist kein perfekter Lauf geglückt», gibt der Nidwaldner zu.
Odermatts Analyse ist klar: «Die Fahrt im Lärchenschuss ist mir nicht so geglückt, wie ich mir das vorgestellt habe. Auch am Hausberg und in der Traverse war ich nicht auf der optimalen Linie. Ich konnte dort nicht das tun, was ich eigentlich wollte.»
Trotzdem darf sich Odermatt am Ende dieses extrem schnellen Super-G über den 53. Triumph in seiner Weltcup-Laufbahn freuen. «Ausschlaggebend war, dass ich in der Traverse die Nerven nicht verloren habe.» So konnte er trotz allem genügend Tempo mit in den Zielschuss nehmen.
Die grosse Frage
Aber ist Odermatts zweiter Kitz-Super-G-Sieg in Folge auch ein gutes Omen für die Abfahrt vom Samstag auf der Streif?
Noch im Vorjahr hatte der vierfache Gesamtweltcupsieger Odermatt am Tag nach dem Sieg im Super-G den Triumph in der Abfahrt verpasst. Speed-Legende und Olympiasieger Beat Feuz (38) stellte darum die These auf, dass es genau der Sieg im Super-G war, der Odermatt am folgenden Tag den Sieg in der Abfahrt gekostet habe.
«Wenn du in Kitzbühel im Super-G gewinnst, kostet das im Hinblick auf die Abfahrt enorm viel Substanz. Marco ist am Freitag nach Siegerehrung und Dopingkontrolle erst um 15.30 Uhr ohne Mittagessen im Magen ins Hotel zurückgekehrt, um 18 Uhr musste er schon wieder zur Siegerehrung mit anschliessendem Besuch im TV-Studio des ORF», erklärt Feuz. «Es dauerte bis 19.30 Uhr, ehe er endlich im Teamhotel zu Abend essen konnte. Somit ist es verständlich, dass er die ultimative Spannung für die Abfahrt nicht mehr aufbringen konnte.»
Diesen Punkt kann auch Olympiasieger und Blick-Experte Bernhard Russi (77) nachvollziehen. Russi hätte es deshalb gerne gesehen, wenn Odermatt in Kitzbühel zugunsten der Abfahrt im Super-G pausiert hätte.
Cuche hat eine ganz andere Meinung
Streif-Rekordmann Didier Cuche (51, fünf Streif-Siege) hat im Januar 2010 als bislang Letzter das Kunststück geschafft, in Kitzbühel innerhalb von 24 Stunden den Super-G und die Abfahrt zu gewinnen. Und der Neuenburger fährt in dieser Angelegenheit Russi und Feuz in die Parade! «Ich kann diese Diskussion wirklich nicht verstehen», hält der 51-Jährige fest. «Für die Psyche eines Rennfahrer gibt es nichts Besseres, als wenn er nach einem Erfolg im Super-G an den Abfahrtsstart gehen kann.»
Er selbst habe damals enorm viel positive Energie herausgezogen, meint Cuche. «Zudem ist sich Marco ein derart dicht gedrängtes Wettkampf-Programm ja seit fünf Jahren gewohnt.»
«Das ist nötig, damit ich weniger Energie verliere»
Ähnlich wie Cuche sieht es Deutschlands Ski-Papst Felix Neureuther (41): «Ich bin mir sicher, dass Marco in diesem Jahr perfekt mit dieser besonders grossen Belastung umgehen kann. Er wird aus der Erfahrung bei den letztjährigen Hahnenkamm-Rennen die richtigen Schlüsse gezogen haben.»
Odermatts Aussagen nach dem Super-G deuten darauf hin, dass Neureuther recht hat. «Bezüglich des Rahmenprogramms wird sich zwar nichts verändern, aber nach meinem zweiten Hahnenkammsieg bin ich viel gefasster als nach meinem Premierensieg im Vorjahr. Ich lasse weniger Emotionen zu. Das ist auch nötig, damit ich diesmal weniger Energie verliere.»
Odermatt geht in die Details: «Vor zwölf Monaten war ich nach dem Super-G-Sieg in Kitzbühel völlig überwältigt, weil für mich damit ein Bubentraum in Erfüllung gegangen ist. Deshalb war ich damals schon vor dem Abfahrtstart mit dem Erreichten zufrieden.»
Didier Cuche macht zum Abschluss klar, «dass es nicht die Frage ist, ob Marco die Hahnenkamm-Abfahrt gewinnen wird. Es stellt sich einzig die Frage, wann Odermatt hier gewinnen wird. Ich kann mir gut vorstellen, dass es am 24. Januar 2026 so weit ist.»