«Bin nicht mehr bereit, mein Leben zu riskieren»
0:54
Hintermann verkündet Rücktritt:«Bin nicht mehr bereit, mein Leben zu riskieren»

Der Zürcher-Abfahrtsheld schockiert seine Teamkollegen mit dem Rücktritt
Auch Hintermanns Bruder wurde erst spät informiert

2022 ist Österreichs Dreifacholympiasieger Matthias Mayer vor der Abfahrt in Bormio völlig überraschend zurückgetreteten. Nun wartet Niels Hintermann mit einem vergleichbaren Abgang auf.
Kommentieren
1/5
Bei der Streckenbesichtigung haben weder Murisier (l.) noch Odermatt (r.) gewusst, was Niels Hintermann (M.) plant.
Foto: BENJAMIN SOLAND
RMS_Portrait_AUTOR_1182 (1).JPG
Marcel W. PerrenSki-Reporter

Für einen Moment herrscht bei der Abfahrt in Courchevel kollektive Ratlosigkeit. Grund: Der Zürcher Niels Hintermann, welcher am Vorabend die Nummer 20 gezogen hat, steht nicht am Start. «Was ist denn jetzt los?», fragt der ehemalige Kitzbühel-Sieger und jetzige ORF-Experte Hans Knauss.

«Bei der Pistenbesichtigung haben wir den Niels noch bestens gelaunt angetroffen. Er hat mit keiner Silbe erwähnt, dass es ihm nicht gut geht», ergänzt Knauss. Kurz nach dem Rennen lässt Hintermann jedoch die Bombe platzen: «Ich bin fertig mit Skifahren, die Abfahrt in Crans-Montana war mein letztes Rennen!» Warum? «Ich bin nicht mehr bereit, als Skifahrer mein Leben zu riskieren», gibt der 30-Jährige zu Protokoll.

Nach seiner Lymphdrüsenkrebserkrankung im Vorjahr habe er dank der erfolgreichen Therapien ein zweites Leben geschenkt bekommen, «und mit diesem will ich nicht leichtfertig umgehen.» Hintermann macht auch deutlich, dass er in den letzten Wochen gespürt habe, dass er sich auf der Abfahrtspiste nicht mehr dazu überwinden könne, Vollgas zu geben. «Und wenn man nicht Vollgas gibt, wird es gefährlich. Ich will nicht aufhören, weil ich irgendwo in einem Sicherheitsnetz zappeln muss.» Hintermann verrät zudem, «dass ich zuletzt in Garmisch bemerkte, dass eine Panikattacke um die andere kommt, wenn ich an den Start gehe.»

Der letzte Abend

Justin Murisier (34) gehört seit ein paar Jahren zu Hintermanns wichtigsten Ansprechpartnern im Swiss-Ski-Team. Doch auch der Walliser hat nichts von den Rücktrittsplänen des Atomic-Piloten gewusst. «Und deshalb war ich richtig schockiert, als ich nach dem Rennen davon erfahren habe.» Murisier, der auf der selektiven Abfahrt in Courchevel den zehnten Rang erkämpft, erinnert sich an den Vorabend mit Hintermann: «Da hat Niels noch von den geplanten Ski-Tests gesprochen und hat sehr engagiert über neue, schnittfeste Rennanzüge diskutiert. Ich wäre deshalb niemals auf die Idee gekommen, dass Niels kurz vor dem Rücktritt steht.» 

Erstaunliche Worte von Hintermanns Bruder

Als Hintermanns drei Jahre älterer Bruder Sven am Freitag um 11 Uhr den Fernseher für die Abfahrtsübertragung aus Frankreich einschaltet, weiss auch er nicht, dass Niels nie mehr ein Weltcuprennen bestreiten wird. «Er hat mich erst kurz vor seinem Interview im SRF über seinen Rücktritt informiert», erzählt Sven Hintermann, der als Rechtsanwalt tätig ist.

Im Gegensatz zu Murisier ist diese Nachricht für den «Big Brother» aber nicht ganz unerwartet gekommen: «Obwohl er mit mir nicht darüber gesprochen hat, habe ich nach seinem Rennstartverzicht in Garmisch gespürt, dass er die letzte Überzeugung für den Abfahrtssport verloren hat.» Sven glaubt deshalb auch nicht, dass dieser Rücktritt einer Kurzschlusshandlung gleichkommt: «Niels ist zwar ein Bauchmensch, aber die wirklich wichtigen Entscheidungen hat er noch nie überstürzt getroffen.»

Der glanzvollste sechste Rang in der Weltcup-Historie

Somit wird Hintermann als schnellster Zürcher seit dem legendären Peter Müller (68, Abfahrts-Weltmeister 1987) in die Alpin-Geschichte eingehen. Vor der Krebs-Diagnose hat der in Bülach grossgewordene Speed-Spezialist die Lauberhorn-Kombi und zwei Weltcup-Abfahrten in Kvitfjell (No) gewonnen. Nach der Chemo- und Bestrahlungstherapie hat Hintermann in diesem Winter mit dem sechsten Rang auf der berüchtigten Hahnenkamm-Abfahrt in Kitzbühel ein Ergebnis abgeliefert, welches unter diesen Umständen ähnlich wertvoll wie ein Sieg ist.

Was sagst du dazu?
Heiss diskutiert
    Meistgelesen