Darum gehts
- Joel Wicki beendete am Sonntagabend seine grandiose Karriere
- Sein Ehrgeiz zeigte sich bereits mit sechs Jahren im Sägemehlring
- Während den Trainingslagern im Ausland passte ihm etwas überhaupt nicht
Obwohl die Geschichte bereits über 20 Jahre zurückliegt, kann sich Hans «Hausi» Stucki noch ganz genau daran erinnern. Der heutige Pensionär führte damals das Bergrestaurant Rossweid in Sörenberg BE. Neben dem Spielplatz gab es einen Sägemehlring.
Eines Tages tauchte der sechsjährige Joel Wicki mit seinem Vater auf. «Den ersten Kampf hat Joel gegen einen Älteren verloren», erinnert sich Stucki. «Danach brach er in Tränen aus – so wütend war er.»
Als Stucki das beobachtete, ging er zu Wickis Vater und sagte: «Aus diesem Jungen wird mal was. So viel Ehrgeiz in dem Alter ist selten.» Knapp zwei Jahrzehnte später krönte sich Wicki 2022 in Pratteln BL zum König. Nun ist Schluss mit dem Schwingen. Der 28-jährige Luzerner verkündete am Sonntagabend seinen Rücktritt.
Mühsame Trainings im Ausland
Damit vollzieht er diesen Schritt rund ein halbes Jahr nach seinem guten Freund Remo Käser (29). Der Berner Eidgenosse begleitet Wicki durch seine Karriere. An Jungschwingertagen kämpften sie bereits gegeneinander.
Während der 18-wöchigen Spitzensport-Rekrutenschule lernten sie sich dann richtig gut kennen und schätzen. Später gingen sie jeweils im Frühling gemeinsam ins Trainingslager nach Sölden oder Teneriffa.
Nebst harten Einheiten im Kraftraum gehörte auch immer eine strenge Velotour zum Wochenprogramm. «Das hat Joel jeweils richtig angeschissen», erzählt Käser. «Ich bin überzeugt, dass einmal nicht viel fehlte und das Velo wäre weit über den Hang geflogen.»
Kaffeepause? Arbeit!
Eine Umkehr kurz vor dem Gipfel kam für Wicki aber nie infrage. Das liess sein riesiger Ehrgeiz nicht zu. «Er pushte uns alle immer brutal nach vorne.» Das bestätigt auch der Kollege und Betreuer des Luzerner Verbandes Christian Wyss – egal ob im Sägemehl oder auf der Baustelle.
Dazu kommt Wyss eine Story in den Sinn, die er nie mehr vergessen wird. Die beiden waren mit Baggerarbeiten rund um Wickis neue Scheune beschäftigt. Um 12.50 Uhr ging Wyss zur Kaffeemaschine, da rief der König: «So, los auf den Bagger! Pause können wir machen, wenn wir fertig sind.»
Wicki hatte sein Ziel stets vor Augen – auch im Schwingkeller. Egal wie streng der Tag gewesen sei, erzählt Wyss, Wicki habe immer alles gegeben. «Wenn er zu Beginn einer Einheit sagte, er sei heute etwas müde, konntest du sicher sein: Joel war am Ende der Letzte im Sägemehl.»
Und mit einer Niederlage habe er das Training ohnehin nie verlassen. Dieser unbedingte Siegeswille zeichnete den König bis zuletzt aus.