Darum gehts
- Fabio Hiltbrunner plant sein Comeback beim Emmentalischen Schwingfest Anfang Mai
- Seine Schultern setzten ihn lange ausser Gefecht – er war auf Hilfe angewiesen
- Seit seinem Sensationssieg am Jubiläumsschwingfest 2024 ist er im Schwingsport eine feste Grösse
Er war schon fast in Vergessenheit geraten. Dabei ist Fabio Hiltbrunner (20) für eine der grössten Sensationen der letzten Jahre verantwortlich. Der Berner gewann aus dem Nichts das Eidgenössische Jubiläumsschwingfest 2024 in Appenzell. Sein Sieg gegen Schwingerkönig Joel Wicki (29) machte ihn schweizweit bekannt.
Doch so schnell sein Aufstieg war, so rasant ging es dann auch wieder bergab. Die Phase danach bezeichnet Hiltbrunner rückblickend als «lehrreiche, aber auch richtig mühsame Zeit». Seit seinem Sensationssieg hat der achtfache Kranzgewinner nur noch ein Schwingfest absolviert.
Verschiedene Herausforderungen im Alltag
Zunächst bereitete ihm die linke Schulter Probleme, dann die rechte. Nach seinem gescheiterten Comebackversuch am Emmentalischen im letzten Sommer musste Hiltbrunner unters Messer.
Während der Operation entdeckten die Ärzte weitere Schäden. «Die Bizepssehne war fast vollständig abgerissen.» Nach dem Eingriff durfte er seinen rechten Arm sechs Wochen lang nicht bewegen. Der Arm hing in einer Spezialbandage an seinem Körper – auch beim Schlafen. «Mir wurde da erst so richtig bewusst, wie viel ich die Schulter und den Arm im Alltag brauche.»
Die Probleme begannen bereits am Morgen früh nach dem Aufstehen. «Ich brauchte Hilfe beim Anziehen der Socken.» Die nächste Herausforderung wartete am Esstisch. «Ich halte die Gabel immer rechts. Nun musste ich sie links halten. Etwas zerschneiden konnte ich so aber nicht.»
Selber Kochen war ebenfalls eine Zeit lang fast unmöglich. «Versuch mal, ein Rührei zu machen, wenn du die Pfanne nicht halten kannst», erzählt er. Auch das Händewaschen mit nur einer Hand gestaltete sich als schwierig. «Ich ziehe meinen Hut vor allen, die körperlich eingeschränkt sind. Es ist beeindruckend, wie sie ihr Leben meistern.»
Sein Vater sprang als Chauffeur ein
Mit der Zeit fand Hiltbrunner Lösungen, um gewisse Dinge selbstständig zu erledigen. Beim Anziehen des T-Shirts verwendete er dafür eigentlich nicht vorgesehene Körperteile. «Ich nahm das T-Shirt in den Mund und zog es dann irgendwie über mich.»
Das Gefühl, etwas selbst geschafft zu haben, tat ihm gut. Richtig viel Freude hatte Hiltbrunner, als er endlich wieder Auto fahren durfte. Dort war er zuvor auf Hilfe angewiesen, musste sich chauffieren lassen. «Das waren die einzigen Momente, in denen ich wirklich das Gefühl hatte, abhängig zu sein.» Für alles andere musste er sich nur mehr Zeit nehmen, dann klappte es meistens.
Sein Vater fuhr ihn ins Training oder zur Physiotherapie. «Er wurde zum Glück vor Kurzem pensioniert und nahm sich Zeit für mich. Meiner Familie und meiner Freundin bin ich für die Unterstützung in dieser Zeit unheimlich dankbar.»
Ein erschreckender Anblick
Sobald die Spezialbandage weg war, versuchte Hiltbrunner alles, um seinen Arm so schnell wie möglich wieder ganz nach oben strecken zu können. «Ich legte eine Schlaufe um die Hand, befestigte sie und zog sie mit der anderen Hand so weit hoch, bis es nicht mehr ging.»
Hiltbrunner machte schnell Fortschritte. Etwas länger dauerte es jedoch, bis er seine Muskelmasse wieder aufgebaut hatte. «Mein Arm war erschreckend dünn. Dieser Anblick war unschön.» Vor allem weil ihm bewusst wurde, wie viel Arbeit noch vor ihm lag.
Mittlerweile sind die Muskeln und sein Vertrauen in seinen Körper zurück. Seit knapp drei Wochen gibt Hiltbrunner im Sägemehl wieder Vollgas. Dazwischen stemmt er Gewichte im Campus der SCL Tigers. «Ich bin sehr glücklich und verspüre eine grosse Vorfreude.» Anfang Mai will er am Emmentalischen Schwingfest sein Comeback geben. Ob Hiltbrunner erneut überrascht?