«Wir haben eine Fanmeile erwartet»
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Nati-Fans sind enttäuscht:«Wir haben eine Fanmeile erwartet»

Stimmung? Fehlanzeige!
Olympia-Fans reisen enttäuscht ab – das IOC sucht Ausreden

Wo Olympia draufsteht ist nicht Olympia drin. Viele Fans reisen enttäuscht von den Winterspiele in Italien ab. Auch Athleten und Funktionäre äussern Kritik. Vor allem etwas sorgt für Kopfschütteln.
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An den Zuschauern liegt es nicht: Doch so richtig Olympia-Stimmung will nirgends aufkommen.
Foto: Claude Diderich/freshfocus

Darum gehts

  • Schweizer Fans sind von den Olympischen Spielen in Italien enttäuscht
  • Tickets ab 100 Euro und kaum Unterkünfte, Stimmung bleibt verhalten
  • Stark kritisiert wird vor allem die fehlende Medaillenübergabe am Abend
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.

Die Olympischen Spiele sind mehr als eine Woche alt. Dramen, Helden, Sensationen – alles dabei. Grosser Sport. So soll Olympia sein. Oder?

Nein. Für viele sind es Spiele der verpassten Chancen. «Als ich in Cortina eingefahren bin, habe ich nichts Olympisches gespürt», sagt Ski-Fürst Marco Büchel. Vielen ging es gleich – oder tut es immer noch. Besonders krass ist es in Bormio.

Mehr Polizei und leere Busse

Obwohl die Schweizer Fans unzählige Medaillen bejubeln konnten, reisten viele enttäuscht ab. «Ich habe mir das ganz anders vorgestellt. Im Dorf ist nichts von Olympia zu spüren», erklärt ein Luzerner.

Ski-Superstar Marco Odermatt pflichtet ihm bei: «In Bormio ist überhaupt kein olympischer Spirit vorhanden.» Doch noch etwas Positives findet Slalom-Ass Linus Strasser: «Das Beste an diesen Spielen ist, dass ich jetzt merke, dass die Spiele in Peking gar nicht so schlecht waren.»

Zur Erinnerung: Damals dominierte Covid die Schlagzeilen. Olympia in Italien wirkt wie eine grosse Ansammlung normaler Weltcups. So ergeht es den Fans nicht nur in Bormio, sondern auch in Antholz, Mailand, Livigno oder Val di Fiemme. Für zusätzlichen Ärger sorgt das Verbot der Kuhglocken. Vor allem, weil es nicht überall gleich streng durchgesetzt wird.

Ein Helfer im Langlaufstadion bringt es auf den Punkt: «Anders als im Weltcup ist eigentlich nur, dass es viel mehr Polizei hat und unzählige leere Busse durch die Gegend fahren.»

Wo bleibt die Party am Abend?

Immerhin: Auf dem Corso Italia von Cortina herrscht tagsüber reges Treiben. Amerikaner, Schweizer, Deutsche, Österreicher, Italiener. Die Bars sind voll, man plaudert, tauscht Pins, erzählt Geschichten. Vor der Basilica dei Santi Filippo e Giacomo brennt das olympische Feuer. Es brennt auch in den Herzen der Fans und Athleten. Aber brennt es bei den IOC-Verantwortlichen?

Diese Winterspiele sind kein Vor-Ort-Ereignis, sondern ein TV-Event. Wer im Stadion oder an der Piste steht, zählt wenig. Wer vor dem Bildschirm sitzt, zählt viel. Diesen Eindruck gewinnt man immer wieder. «Rund um das Wettkampfgelände werden viele Chancen verpasst», sagt Büchel.

Abends wird es besonders deutlich. Viele ziehen sich zurück. Was sollen sie draussen tun? Im Weltcup läuft es anders. Startnummernauslosung, Siegerehrung – Cortina bebt.

Ein DJ legt auf, die Fahrerinnen springen aufs Podest, die Menge jubelt. Chaotisch, herzlich, begeistert. Während Olympia fehlt das. Die Medaillen gibt es gleich nach dem Rennen. «Man stellt ein Podest hin, hängt Medaillen um, spielt die Hymne. Das wars», sagt Büchel.

Wenig Fanklubs, kaum Unterkünfte

Nie war das bedauerlicher als bei Federica Brignone. Zehn Monate nach ihrem schweren Sturz gewinnt sie den Super-G. Zu Hause. Mit 35 Jahren. Ein Märchen.

Brignone im Dorfzentrum, unter Flutlicht, am Abend – das hätte man nicht vergessen. «Die Athleten bekommen nicht die Wertschätzung, die sie verdienen. Das stört mich», sagt Swiss-Ski-Co-CEO Walter Reusser.

Im Zielraum der Tofana steht ein lächerlich kurzer Fahnenmast. Kaum Fanclubs sind da. Die Tickets waren teuer – ab 100 Euro. Unterkünfte rar. Dabei waren es die ersten Spiele im Herzen Europas seit 18 Jahren.

Auf den Tribünen blieb es stiller als im Weltcup. «Viele Zuschauer haben mit Skirennen wenig zu tun. Sie sind nett, aber nicht ski-affin», sagt Büchel.

IOC redet sich alles schön

Ralph Stöckli, Chef de Mission von Swiss Olympic, räumt ein: «Die Zeremonien am Abend fehlen. Das sind magische Momente. Das müssen wir ändern.» Athleten, Fans sowie Funktionäre sind sich diesbezüglich einig. Das IOC scheint dafür aber kein Gehör zu haben.

Der Veranstalter betonen gegenüber Blick nur die Vorteile des Konzepts. Der gewählte Ansatz ermögliche es den Athleten, «den aussergewöhnlichen Moment der Medaillenverleihung zu feiern, ohne zwischen den Clustern hin- und herreisen zu müssen». Selbstkritik? Fehlanzeige.

Viele kleine Weltmeisterschaften?

Warum können Odermatt und Co. nicht da feiern, wo sie sind? Klein, aber fein. Es müssen nicht immer Tausende Zuschauer sein, es muss nicht alles geregelt werden. Spontane Feste sind die Besten, wissen wir schon lange.

Statt das anzuerkennen, spricht das IOC lieber von «sehr erfolgreichen Spielen». Die 1,27 Millionen verkauften Tickets seien ein klares Zeichen für die Begeisterung, welche diese Veranstaltung auslöst. Dezentrale Spiele sind nicht grundsätzlich schlecht. In der Schweiz hätten wir sie 2038 auch. Aber das IOC muss die lokalen Organisationskomitees machen lassen.

Freiheit statt Vorschriften. Sie wissen aus Erfahrung, was es für Top-Wettkämpfe und gute Stimmung braucht. Am Ende wären es viele kleine Weltmeisterschaften unter einem Olympia-Deckel. Warum nicht?

Rätsel um Ski-Piste der Frauen

Im Allgemeinen zeigt sich Stöckli mit der Organisation in Italien aber zufrieden. Die Athleten meldeten gute Bedingungen. «Sie brauchen vor allem drei Dinge: gute Unterkünfte, gutes Essen, gute Infrastruktur.»

Gute Infrastruktur? Viele Athleten schimpften über die Tofana-Piste. Neue Wellen, unnötige Sprünge, schlecht präpariert. Camille Rast sagte nach der Team-Kombi: «Der Slalom ist flach und kurz. Der Schnee sehr weich.» Cheftrainer Beat Tschuor sprach von Bedingungen «wie bei einem Schülerrennen».

Dabei liegt wenige Meter daneben die steile Drusciè-Piste, bewährt bei der WM. Warum nutzt man sie nicht? Der Verdacht liegt nahe, dass das IOC mit Auflagen hineinregiert. Der neue Eiskanal, für 120 Millionen in Rekordzeit gebaut, erhält dagegen Lob von den Sportlern.

Bargeld nicht erwünscht

Doch die Zuschauer stehen im Schlamm. In den Unterführungen tropft Wasser von der Decke. Eine Lichterkette hängt provisorisch. Immerhin gibt es Bier. Nur Corona. 3,1 Deziliter kosten sieben Euro – nur Kartenzahlung. Das sorgt für rote Köpfe und leere Visa-Karten. Im Fernsehen sieht man das alles nicht. Also scheint es egal.

PS: Nicht egal sind die Helfer. Sie opfern ihre Ferien, stehen stundenlang im Schneeregen, frieren, helfen und lächeln. Grazie mille!

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