Darum gehts
- Skicrosserin Fanny Smith gewinnt Olympia-Silber im Skicross
- Servicemann Polesel präparierte Final-Ski auf den letzten Drücker
- Smith schaffte es trotz Nachteil auf flachem Kurs aufs Podest
Vieles sprach gegen Fanny Smith (33). Die Edeltechnikerin schimpfte im Vorfeld über die Skicross-Strecke: «Es ist traurig, dass für Olympia ein so einfacher Kurs gebaut wurde.» Aufgrund der langen Flachpassagen, sah sie sich gegenüber ihren schwereren Konkurrentinnen im Nachteil. Denn allem zum Trotz jubelte sie im Ziel über Silber. Es ist ihre dritte Olympia-Medaille – nach zweimal Bronze.
Wie war das möglich? «Ich profitierte im Final von einem sehr schnellen Ski», erklärt Smith. Zu verdanken hat sie das Robert Polesel (61). Der Ex-Servicemann von Wendy Holdener und Niels Hintermann ist seit neun Jahren an ihrer Seite. «Ich bin fast wie ihr Vater», erklärt Polesel.
Mit etwas Make-up zu Silber
An diesem Freitag waren seine Fähigkeiten besonders gefragt. «Die Bedingungen wechselten ständig.» Zur Sicherheit hatte er für einmal nicht nur vier, sondern gleich sechs Paar Ski auf den Berg genommen. Richtig hektisch wurde es kurz vor dem Final.
Wie nach jedem Lauf tauschten sich Smith und Polesel kurz aus. Die Schweizerin war so begeistert von dem Ski, dass sie denselben für die Medaillenentscheidung haben wollte. «Schaffst du das?», fragte Smith ihren Servicemann. Dieser nickte, schnappte sich die Ski und trug «etwas Make-up» auf.
Die Schweizerin stand bereits im Start-Gate, als Polesel mit den Skiern ankam. «So viel Stress hatte ich noch selten», meinte er lachend. Mit den perfekt präparierten Ski raste Smith zu Silber. «Robert hat es nicht einfach mit mir. Ich bin sehr streng», so Smith. Nach diesem Rennen ist sie für einmal vollends zufrieden mit ihm.
Ein Fanclub aus verschiedenen Ländern
Mehr als zufrieden sind im Ziel Smiths Eltern. Christophe und seine Frau Fiona gehören zu den ersten Gratulanten. «Ich bin megastolz auf Fanny», sagt ihre Mutter, die eine kurze Nacht hinter sich hat. «Ich konnte vor lauter Nervosität nur etwas mehr als zwei Stunden schlafen.»
Dann zieht die gebürtige Engländerin ein Bild aus ihrer Manteltasche. Darauf zu sehen: Ihre verstorbenen Vorfahren. «Sie haben Fanny heute Glück gebracht. Ich wollte, dass sie diesen besonderen Moment vor Ort miterleben können.» In Livigno wird Smith auch von ihrem Fanclub unterstützt.
Der unter anderem aus Engländer, Spanier und US-Amerikaner besteht. «Wir sind früher viel gereist, deshalb haben wir überall Freunde. Toll, dass einige heute gekommen sind», sagt Fiona. Vor dem Wettkampf hat sie ihrer Tochter via Whatsapp viel Glück gewünscht – mehr aber nicht «Ich lasse sie in Ruhe. Fanny muss sich ganz auf ihr Rennen fokussieren.»
Brisantes Final-Duell
In diesem wurde sie im Final an eine unschöne Geschichte von vor vier Jahren erinnert. An den Olympischen Spielen in Peking überquerte sie die Ziellinie als Dritte, wurde danach aber disqualifiziert. Das wegen eines angeblich absichtlichen Kontakts gegen die Deutsche Daniela Maier.
Smith verstand die Welt nicht mehr. Swiss Ski legte Rekurs ein. Es folgte ein Hin und Her. Nachdem die FIS die Jury-Wertung aufgehoben hatte, legte der deutsche Verband Einspruch ein. Erst zehn Monate später sprach der Internationale Sportgerichtshof (CAS) in Lausanne beiden Athletinnen die Bronzemedaille zu.
Vor den Spielen in Italien erklärte Smith, dass sie einen Psychologen brauchte, um all das zu verarbeiten. «Meine Werte, für die ich einstehe, wurden verletzt. Das beschäftigte mich noch sehr lange.» Nun kam es im Finale in Italien erneut zum Duell gegen Maier.
Diesmal gab es keine Diskussionen. Die Deutsche triumphierte vor Smith. Auf die spezielle Situation angesprochen, meinte die Schweizerin: «Das ist vorbei.» Alle sind froh, dass es diesmal keine monatelangen Streitereien gibt.