Darum gehts
Als Chiara Bättig (16) das erste Mal in einem echten Rennwagen sitzt, lernt sie den Unterschied vom gewohnten Kart zu einem Formel-4-Auto auf die harte Tour. Acht Mal würgt sie den 180-PS-Motor ab. Beim neunten Mal klappts – Bättig rückt in Estoril aus und überzeugt dann bei der Sichtungs-Testfahrt so sehr, dass die acht Fehlstarts vom Morgen rasch vergessen sind. Sie wird ins Junioren-Team von Red Bull aufgenommen. Ein Ritterschlag.
Deshalb erzählt Bättig an einem Sponsorenanlass in Urdorf ZH die Episode vom achtfachen Motorabwürgen mittlerweile mit Schmunzeln.
Der Teenager aus Wettswil am Albis ZH gehört jetzt als Red-Bull-Juniorin einem exklusiven Kreis an. Der Motorsport-Gigant mit zwei Formel-1-Teams fördert seit 25 Jahren die nächste Generation mit System, mit viel Geld und viel Druck – wer auf der Suche nach dem nächsten Max Verstappen und dem neuen Sebastian Vettel die hohen Erwartungen nicht erfüllt, fliegt wieder raus.
Bättig wollte nicht in die Frauen-Serie F1 Academy
Bättig ist aktuell die einzige Frau im neunköpfigen Akademie-Aufgebot, aber auch sie erhält natürlich keine Schonfrist. Auf Geheiss von Red Bull startet die Schweizerin an diesem Wochenende in Donington Park in die hochklassige britische Formel-4-Meisterschaft.
Die Ziele sind knallhart vorgegeben: Im gnadenlos umkämpften 30-Auto-Feld mit einigen der vielversprechendsten Talente der Welt muss Bättig bis Ende Saison mit ersten Podestplätzen aufzeigen, dass sie den Wechsel vom Kart ins Auto geschafft und das Potenzial hat, alles für die Karriere als siegreiche Profi-Rennfahrerin mitzubringen. In diesem Setting wird man schnell erwachsen. Oder ist bald Ex-Bulle.
Weil sie in diesem britischen Haifischbecken auch gegen Fahrer mit deutlich mehr Rennautoerfahrung bestehen muss, liess Red Bull Bättig im Spätherbst die saudische F4-Meisterschaft und nun zum Jahresbeginn die spanische F4-Winterserie bestreiten. Das Ziel: Die bisherige Kart-Fahrerin sollte vor dem Start in Donington möglichst viele Kilometer abspulen. Highlight: ein zweiter Platz im Regenrennen in Estoril.
Mehrere F1-Teams verhandelten mit der Schweizerin
Bättig tritt in gemischten Startfeldern an. «Red Bull will, dass ich gegen Männer fahre», sagt sie und betont, dass sie es genauso wünscht. Bättig will wie bisher im Kart den Jungs davonfahren. Ihr Manager und Berater Beat Imwinkelried schildert: «Letztes Jahr hatten wir viele Calls mit Formel-1-Rennställen. Ernsthafte Gespräche gab es mit drei Teams, Red Bull war zunächst nicht an erster Stelle.»
Doch dann stellt sich heraus, dass die anderen Teams vor allem Fahrerinnen suchen, die sie in die Frauen-Serie F1 Academy schicken können. Auch Red Bull hat wegen der Vorschriften zwei Frauen in der F1 Academy am Start. Aber nur pro forma: Dieses Duo ist nicht Teil der Riege, in denen Red Bull künftiges Formel-1-Potenzial sieht. Bei Bättig schon.
Für die Chance ihres Lebens stellt sie die Schule vorerst zurück. Wenn Red Bull anruft und sie für Simulatoren- und Testfahrten aufbietet, sitzt sie am nächsten Tag im Flieger. Oder sonst trainiert sie intensiv im Gym. «Ich habe gerade Muskelkater», sagt sie schmunzelnd beim Blick-Fotoshooting.
Auch ihr Umfeld wird professioneller. Rennfahrer Sébastien Buemi (37) – erster und einziger Schweizer, der es im Red-Bull-Programm bis zum F1-Stammpilot geschafft hat – ist neu ihr Mentor. Bättig: «Er kennt den ganzen Weg aus eigener Erfahrung. Er hilft mir nun mit Tipps jeglicher Art.» Bättig ist keine Lautsprecherin. Sie scheint sich ihre Momente bewusst zu nehmen, in denen sie ein ganz normaler Teenager sein kann. Zum Beispiel, wenn sie mit Bruder Giuliano herumalbert.
Aber spätestens mit Helm auf dem Kopf kommt ein unbändiger Biss zum Vorschein. Den wird sie im knallharten Business, wo Träume häufiger platzen als Reifen, auch täglich brauchen.