Jahrzehntealtes Rennverbot fällt am 1. Juli
So realistisch sind F1 oder DTM in der Schweiz wirklich

Nach 71 Jahren Verbot sind ab 1. Juli in der Schweiz wieder motorsportliche Rundstreckenrennen erlaubt. Doch die Hürden für moderne Rennstrecken oder grosse Events wie ein DTM-Rennen bleiben hoch. Aber was ist mit einem Circuit als Wirtschaftsfaktor?
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Vier Boliden der deutschen DTM: Rast die deutsche Topklasse bald in der Schweiz?
Foto: DTM

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Ab 1. Juli sind Rundstreckenrennen in der Schweiz wieder erlaubt
  • Schweizer Motorsport-Community hofft auf neue Rennen trotz grosser Hürden
  • 2025: 25’000 Schweizer Fans beim DTM-Final in Hockenheim gezählt
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Matthias DubachLeiter Reporter-Pool Blick Sport

Dass es so kommt, war schon länger klar. Doch mit der formalen Offizialisierung vom Bundesrat hat die Aufhebung des berühmt-berüchtigten Rundstreckenverbots ein konkretes Datum bekommen: Ab 1. Juli sind in der Schweiz unter bestimmten Auflagen wieder motorsportliche Circuit-Rennen auf Asphalt zugelassen. Der Jubel in der Schweizer Szene über das Ende des 71-jährigen Banns ist gross. Die Tonalität: «Endlich!» 

Natürlich wird jetzt vor allem auf Social Media von der Formel 1 geträumt. Doch das ist komplett realitätsfremd. Der Schweizer Markt hat im globalen F1-Business keine Bedeutung, selbst Länder wie Frankreich und Deutschland haben keine Grands Prix mehr. Neue Rennen in Europa gibts nur noch, wer wie die Türkei viele Millionen bezahlt oder wie aktuell Madrid einen halben Stadtteil plattmacht und neu als Strecke baut. Undenkbar bei uns.

Le-Mans-Sieger betont die grosse Schweizer Community

Doch wie siehts mit kleineren Rennserien aus? Langstrecken-Pilot Fabio Scherer (26) hofft und sagt: «Die Schweiz hat in letzter Zeit viele grosse Events durchgeführt. Da wäre es doch nun mit dem Wegfallen des Verbots an der Zeit, dass auch im Motorsport einer dazu kommt.»

Was der Le-Mans-Sieger aus Engelberg OW meint: Nach Frauen-Fussball-EM, Rad-WM, Mountainbike-WM, bald wieder Ski-WM, 2030 vielleicht die European Championships und den Olympia-Träumen für 2038 sollte doch auch ein Autorennen drinliegen. Oder?

Auch Scherer ist bewusst, dass der Weg weit ist. Er führt aber an: «Die Schweiz hat eine grosse Motorsport-Community. Letztes Jahr waren rund 25’000 Schweizer Fans am DTM-Final in Hockenheim.»

Der Bau einer grossen GP-Piste ist utopisch, aber …

Ein DTM-Gastspiel bei uns? Die deutsche Topserie äussert sich gegenüber Blick so: «Einem DTM-Rennen in der Schweiz stehen wir grundsätzlich positiv gegenüber. Wir sind offen für Ideen und Gespräche, wie ein solches Projekt umsetzbar sein könnte. Voraussetzung dafür sind neben einer geeigneten Infrastruktur und starken lokalen Partnern auch ein wirtschaftlich tragfähiges Gesamtkonzept.» Im Klartext: Die Hürden sind enorm. Es braucht unermüdliche Enthusiasten wie Willy Läderach (85), der seit Jahren gegen sämtliche Widerstände in Frauenfeld TG die Motocross-WM starten lässt.

Bei Asphaltrennen aber das erste Problem: In der Schweiz existiert ausser dem Minicircuit in Lignières NE keine permanente Strecke. Geschweige denn eine moderne. Ein Bau kam wegen des seit 1955 bestehenden Rundstreckenverbots nie infrage. Auch jetzt wäre es ein Wunder, wenn irgendwo in der Schweiz eine Rennstrecke nach internationalem Format entstünde. Die hohen Kosten. Die Bewilligungen. Die Umwelt- und Lärmfrage. Geeignetes Gelände. Zubringerverkehr. Politischer Widerstand. Und, und, und. 

Doch wie stehts um ein Gelände für Fahrsicherheitstrainings, Trackdays und Testfahrten auch von Strassenfahrzeugen? Ein Beispiel ist der französische Circuit Anneau du Rhin nördlich von Basel. Seit 30 Jahren ein beliebter Ort, auch für viele Schweizer mit Benzin im Blut. Der Seeländer Rennfahrer und Le-Mans-Sieger Neel Jani (42) sagt: «Eine Rennstrecke im Stil von Anneau du Rhin ist ein nicht zu unterschätzender Wirtschaftszweig.»

Formel E in Bern ist für Schweizer Stadtkurse eine Warnung

Doch ob sich eine Schweizer Region ausgerechnet mit einer lärmigen Piste die Staatskasse aufmöbeln will? Eine passende politische Konstellation ist schwer vorstellbar. Am ehesten noch in der Romandie. 

Ab 1. Juli sind theoretisch aber auch temporäre Stadt-, Militärgelände- oder Flugplatzrennen denkbar. Die Formel E startete 2018 in Zürich und 2019 in Bern (damals mit Rundstreckenausnahmebewilligung für Elektrorennen) auf Stadtkursen. Doch vor allem Bern ist eher Warnung als Werbung für künftige Pläne: Renngegner begingen massive Sachbeschädigungen an den temporären Bauten, dazu hinterliessen die Organisatoren unbezahlte Rechnungen. 

Und eine Serie wie die DTM auf einem Flugplatz wie zum Beispiel in Sitten VS – dagegen spricht, dass es in ganz Europa eigentlich keine Flugplatzrennen mehr gibt, das Konzept wirkt aus der Zeit gefallen. 

Doch was ist mit kleinen Serien wie der Schweizer Meisterschaft? Im Autosport gibts gar keine Rundstrecken-SM mehr. Andere Formate wie der Porsche Cup Schweiz haben sich längst mit Rennen im Ausland etabliert und benötigen absurderweise gar kein Rennen mehr in der Schweiz. Ob sich das in Zukunft gross ändern wird? Es bleiben Zweifel. 

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