Darum gehts
- Audrey Werro läuft mit 1:53,70 Minuten in Zürich historische Bestzeit
- Nur 42 Hundertstel trennen sie vom Weltrekord von 1983
- Letzte Saison-Highlights: Brüssel am 5. und Budapest am 12. September
Audrey Werro (22) macht im Bauch des Letzigrunds grosse Augen. Warum genau es während ihrer Vorbereitung auf den 800-m-Lauf so unglaublich laut wurde im Stadion, habe sie nicht mitbekommen. Zwei Weltrekorde! Und beinahe ein Dritter von Armand «Mondo» Duplantis. Die Arena wurde schon vor dem Auftritt des grossen Schweizer Stars zur Mega-Partylocation. Werro aber war vor ihrem eigenen Lauf derart im Fokus, dass sie das ganze Drumherum ausblendete, um schliesslich selbst eine historische Zeit auf die Bahn zu zaubern.
1:53,70 Minuten. Schneller lief in diesem Jahrhundert keine andere Frau – und bei Weltklasse Zürich überhaupt noch nie eine andere Athletin. Auf den Uralt-Weltrekord der Tschechin Jarmila Kratochvilova aus dem Jahr 1983 fehlen ihr jetzt nur noch 42 Hundertstel.
Werros Jahr ist unglaublich: Sie hat alles gewonnen, was es zu gewinnen gab. Es gibt auf sämtlichen Stufen nicht ein einziges Rennen, das sie nicht auf Rang eins abschloss. Nach EM-Gold sowie ihren Heimerfolgen in Lausanne und Zürich meint sie: «Ich habe nun alle meine Ziele für diese Saison erreicht – jetzt gehts nur noch um Spass für mich.» Die Weltrekord-Fragen, die auch immer mehr von internationalen Journalisten auf sie einprasseln, moderiert sie mit bemerkenswerter Lockerheit und gibt zu verstehen: Schauen wir einfach mal, was passiert.
Die letzten grossen Stationen dieser Saison sind Brüssel (5. September) und die Ultimate Championships in Budapest (12. September). Ist sie nicht langsam müde? «Es geht noch», meint sie lachend, natürlich hätten die vielen Einsätze in letzter Zeit Spuren hinterlassen, gleichwohl spüre sie, dass sie noch immer viel Energie in sich trage. Es sind Worte, die die Konkurrenz, die sich momentan die Zähne an der Westschweizerin ausbeisst, nicht gern hören wird.
Angriff souverän abgewehrt
Holland-Star Femke Broeders-Bol versuchte es in Zürich mal damit, direkt vorneweg zu laufen und so Werro, die eigentlich eine Frontrunnerin ist, zu düpieren. Der Plan geht allerdings nur bis zur letzten Kurve auf, ehe Werro auf den letzten Metern noch einmal brutal beschleunigt und mit grossen Schritten ihrem zweiten Weltklasse-Sieg entgegenläuft. «Ich war auf dieses Szenario vorbereitet», erklärt die Freiburgerin: «Ich sagte mir dann einfach: Okay, heute läuft es also so. Trotzdem hat es mir Spass gemacht, für einmal anders zu rennen.»
Dass es dabei während des Wettkampfs zum «Ellenbögeln» mit Broeders-Bol kam, gehöre dazu: «Es gab deutlich mehr Bewegung während des Laufs, es war nicht so ruhig wie zuletzt – aber auch das geht für mich absolut in Ordnung.» Auch diesen Angriff hat Werro pariert – und damit klargestellt, dass sie, wenn es in die alles entscheidende Phase geht, eben doch unantastbar ist.