Darum gehts
Die Geschichte von Julien Wanders (30) ist jene eines jungen Schweizers, der Kenianer werden wollte. Eines Maturanden, der schon im Gymnasium über das Geheimnis der Läufer aus dem ostafrikanischen Land schrieb. Und der direkt nach seinem Abschluss die Koffer packte, um über Nairobi ins Hochland nach Iten zu reisen, weil dort die Geburtsstätte eines so manchen Ausnahme-Ausdauersportlers ist.
«Home of Champions» nennt sich die Stadt nicht unbedingt bescheiden. Doch die Höhenlage von 2400 Metern über Meer und die Dichte an erstklassigen Athleten machen Iten zu einem weltweit anerkannten Leichtathletik-Hotspot.
Wanders etablierte sich als Schweizer Exot. Er erntete viel Respekt, baute sich eine eigene Trainingsgruppe auf, lernte seine Freundin Kolly kennen, eine Lehrerin und Restaurantbetreiberin, die sich daneben auch noch aktiv gegen geschlechtsspezifische Gewalt einsetzt, baute mit ihr ein Haus und heiratete sie. Doch so geradlinig sein privates Glück verlief, so gehört zu seiner Geschichte eben auch das Drama, das sein geliebter Laufsport für den Genfer bereithielt.
Er verlor sich in seinem Ehrgeiz
2019 lief er in den Vereinigten Arabischen Emiraten den damaligen Europarekord im Halbmarathon (59:13 Minuten), 2020 gelang ihm dasselbe Kunststück zum wiederholten Mal über 10 Kilometer auf der Strasse. Der hoch veranlagte, sich so geschmeidig bewegende Romand stellte Fabelzeiten auf und überflügelte sogar den grossen Mo Farah.
Man fragte sich: Wozu ist der Schweizer Wunderläufer noch fähig? Wanders selbst träumte schon immer gross. Er traute sich einst gar den Weltrekord im Marathon zu. Doch es kam anders.
2025 sagte er zu Blick: «Ich war fast an der Weltspitze, aber dann folgte der Absturz.» Das sei schwierig zu akzeptieren gewesen. Vor einem Jahr wagte er den Versuch, «endlich wieder anzugreifen». Es war nicht sein erster. Wanders blickt auf fünf Jahre zurück, in denen er immer wieder ausgebremst wurde. Von Verletzungen, seinem Körper und letztlich, nüchtern heruntergebrochen: von sich selbst.
Wanders hatte zwischenzeitlich von seinem Langzeit-Coach Marco Jäger zum Italiener Renato Canova, einem Startrainer im Marathon-Bereich, gewechselt. Nach seinen grossen Erfolgen galt der Fokus des Westschweizers dieser langen Distanz.
Doch unter Canovas bekanntermassen knallharten Führung übernahm sich Wanders gewaltig. 200 bis 220 Kilometer pro Woche waren zu viel für ihn. Er stand morgens schon müde auf und trieb sich dennoch regelmässig übers Limit. Ermüdungsbrüche waren die Folge. Krankheiten ebenso. Wanders verlor das Mass. Und das Gefühl für seinen Körper, der immer wieder streikte oder unerklärliche Probleme machte.
«Konnte nicht mal meine Symptome beschreiben»
Doch auch die Rückkehr zu Jäger, ein Wiederaufbau von Muskeln und Ernährungsumstellungen brachten auf längere Sicht keine Besserung. Wanders blieb in sportlicher Hinsicht hinter seinen Möglichkeiten. Insgesamt fünf Jahre lang sollte er im Dunkeln tappen. «Ich konnte lange Zeit nicht mal meine Symptome genau beschreiben», sagt er heute rückblickend.
Eines Tages aber fand er, bei einem weiteren Anflug von Verzweiflung, plötzlich die Lösung. Nicht indem er wieder mal einen Arzt konsultierte. Sondern indem er schlicht die richtigen Wörter für seine Symptome fand und sie in eine Suchmaschine eintippte. Mithilfe künstlicher Intelligenz spuckte diese dann die Diagnose Endofibrose aus. «Ein Begriff, den ich zuvor noch nie gehört hatte.»
Doch wie sich daraufhin medizinisch herausstellte, war es ein Volltreffer. Eine spezifische Form einer Durchblutungsstörung, die vor allem bei Ausdauersportlern auftritt und bei der sich die Beckenarterie durch chronische Überbelastung verengt und Beschwerden in den Beinen auslöst.
Im Fall von Wanders waren gleich beide Oberschenkel betroffen. Die darauffolgende, aufgrund des Mangels an Spezialisten schwierige Suche nach einem Arzt muss sich wie ein Kinderspiel angefühlt haben im Vergleich zur jahrelangen Leidenszeit zuvor. «Ich war einfach nur erleichtert, dass ich das Problem endlich gefunden hatte», so Wanders. Die offizielle Diagnose erhielt er von Roman Gähwiler in Basel, operiert wurde er dann im vergangenen Dezember in der Hirslanden-Klinik in Bern von Roman Bühlmann.
An die Öffentlichkeit ging der Genfer aber erst in diesem Frühjahr – dafür mit neuer Zuversicht. «Als ich wieder ins Training einstieg, habe ich sofort einen Unterschied gespürt», sagt er. Und einen vorsichtigen Plan hat Wanders ebenfalls bereits geschmiedet: Er will sich über die kürzeren Distanzen über 5000 Meter und 10 Kilometer an die Wettkämpfe herantasten, ehe nächstes Jahr möglicherweise die Rückkehr zum Marathon erfolgt.
Trotzdem ist er auch durch die Operation nicht gegen kleine Rückschläge gefeit. Diesen Samstag wollte der Stade-Genève-Athlet beim internationalen 10-Kilometer-Strassenlauf in Laredo (Sp) nach neunmonatiger Pause sein Comeback geben. Es wäre ein erster wettkampfmässiger Test gewesen, doch einer der Oberschenkel bereitet gerade leichte Probleme, weshalb er «kein Risiko» eingehen möchte. Und überhaupt: Nach seinem emotionalen Weg und letztlich viel verlorener Karrierezeit steht zunächst ohnehin etwas anderes im Vordergrund: «Ich will ganz einfach wieder Freude am Laufen haben.»