Darum gehts
Als Audrey Werro (22) bei der Athletissima in Lausanne und bei Weltklasse Zürich ihren Sieg mit den Fans feierte, hätte sie wohl Stunden damit verbringen können, Selfies zu schiessen, Autogramme zu schreiben und Hände zu schütteln. Der Rummel um die Freiburgerin, die in diesem Jahr zum grossen Star im 800-m-Lauf aufstieg, kennt keine Grenzen. Werro hat 2026 die abgelaufene Freiluft-Saison von A bis Z dominiert: Sie ist Europameisterin, Diamond-League-Siegerin, Ultimate Champion und die schnellste Frau dieses Jahrhunderts in ihrer Disziplin. Wo sie läuft, wird sie mittlerweile zur Primetime der Leichtathletik-Abende angesetzt. Alle Augen sind auf die Frau aus Courtepin FR gerichtet.
Nicht nur auf der Bahn, wie es aus ihrem Umfeld zu vernehmen ist. «Sie spürt die erhöhte Aufmerksamkeit sehr. Sie kann nicht mehr so ruhig in die Stadt oder zum Einkaufen gehen wie früher», berichtet Manager Julien Nuoffer. Und dessen Frau, Christiane Berset Nuoffer, die Werro schon seit gut zehn Jahren trainiert, ergänzt: «Audrey ist ein solch freundlicher Mensch, dass es ihr schwerfällt, Nein zu sagen. Sie muss nun lernen, mit ihrem neuen Status umzugehen.»
«Mussten den Riegel schieben»
Nein sagen – es ist im Werro-Universum in diesem Jahr zwangsläufig ein grosses Thema geworden. Manager Nuoffer versucht, als eine Art Filter zu fungieren und nicht alles an die Ausnahmeathletin heranzulassen: «95 Prozent müssen wir derzeit leider ablehnen. Mit all den Anfragen wären wir sonst bis nächsten Sommer beschäftigt.» Mittlerweile würden auch viele Vereine und Vorstände auf Werro aufmerksam werden. Und den Wunsch äussern, sie für Empfänge, Preisverleihungen oder Medaillenübergaben an Bord zu holen. «Hinzu kommt das grosse Medieninteresse. Vor der EM in Birmingham etwa mussten wir den Riegel schieben», erklärt Nuoffer: «Wir sagten: Wer mit Audrey sprechen möchte, muss das bei den Schweizer Meisterschaften in Zürich machen. Ich bin dann gegen aussen hin vielleicht der Böse, aber das gehört in unserer neuen Realität jetzt dazu.» Früher habe er solch harte Entscheidungen nicht treffen müssen. Werros Marktwertanstieg erfordere auch von ihm persönlich mehr Mut ab.
Der Blick auf andere Stars der Szene – insbesondere die grosse Rivalin Keely Hodgkinson (24), die international eine Sport- und Style-Ikone darstellt und eine eigene Nike-Kollektion hat – zeigt, wie viel Potenzial in diesem Geschäft schlummert. Nicht so viel, wie im Millionen-Business Tennis. Und schon gar nicht wie im Fussball. Aber dennoch.
Nicht nur kleine, regionale Brands haben realisiert, dass sie mit Werro eine enorme Visibilität an Grossanlässen erreichen können. Ausserdem ist ihre sympathische, authentische Art, gepaart mit ihrem eleganten Laufstil und dem Löwenjubel als «Signature Move» ein Trumpf auf dem Werbemarkt, wie Insider gegenüber Blick bekräftigen.
Klopfen bald Megamarken an?
Ihr Manager bestätigt das grosse Interesse, sagt aber auch, dass man Offerten ganz genau abwäge: «Ein neuer Partner soll ein Mehrwert für unser Projekt bringen. Wir fragen uns: Was wollen wir? Was hilft uns tatsächlich weiter? Das Wichtigste ist, dass sich Audrey weiterhin voll auf ihre Leistung konzentrieren kann.» Mitunter könne das auch heissen, dass eher ein Brand aus der Schweiz infrage komme – weil internationale Sponsoren auch mit deutlich mehr Zeit- und Reiseaufwand verbunden seien.
Er und die Familie Werro müssen nun einen schwierigen Spagat schaffen. Zwischen dem möglichst maximalen Ausschöpfen des (Markt-)Potenzials und einem nach wie vor gesunden Fokus auf den Sport.
Auf Partner-Ebene mit grosser internationaler Strahlkraft weist Werro bislang Ausrüster Puma, Uhrenmarke Omega und die UBS auf. Nach diesem Jahr würde es aber nicht überraschen, wenn im Kanton Freiburg bald Marken aus anderen Segmenten vorstellig würden. Mode? Schmuck? Will sich gar Dosengigant Red Bull ihre Dienste leisten? Oder andere Ausrüster, die probieren werden, Puma in Bedrängnis zu bringen?
Stockholm als Initialzündung
Selbst wenn Werro keiner Versuchung nachgibt, wird sich ihre finanzielle Ausgangslage durch das Sensationsjahr deutlich verbessert haben. Alleine bei Puma dürfte es 2027 durch sogenannte Roll-over-Deals ein höheres Fixum geben. Oder aber der Ausrüster sieht sich gezwungen, die Basis-Rahmenbedingungen infolge starker Konkurrenz von sich aus drastisch anzuheben – wenn er das 800-m-Juwel langfristig halten will.
Der endgültige Durchbruch beim Diamond-League-Meeting in Stockholm Anfang Juni, als sie erstmals Hodgkinson schlug und eine Fabelzeit unter 1:54 Minuten hinlegte, hat Werros Argumente massiv verbessert. Genauso wie später ihre noch einmal schnelleren Zeiten in Paris und Zürich, die sie nun nur noch 42 Hundertstel vom Weltrekord entfernt dastehen lassen.
Das bestätigt auch Weltklasse-Zürich-Co-Meeting-Direktor Andreas Hediger, der fürs Team Werro als «Athlete Representative» die internationalen Starts abwickelt. «Wir hatten schon zu Beginn der Saison – da hatte sie bereits den Diamond-League-Sieg 2025 und ihren sechsten Platz an der WM in Tokio vorzuweisen – keine Probleme, sie bei den Rennen unterzubringen. Stockholm hat ihren Marktwert aber klar verändert.» Das heisst: Auch, was ihre Verhandlungsposition bezüglich Startgagen anbelangt.
Über diese herrscht in der Szene absolute Verschwiegenheit. In ihrem Fall dürften sie sich gemäss Blick-Informationen in der Diamond League aber schnell einmal im Bereich zwischen 20’000 und 30’000 Dollar bewegt haben. Klar ist: Vom Level eines Superstars wie Stabhochspringer Armand «Mondo» Duplantis (26) ist sie noch weit entfernt. Der Schwede kassiert dem Vernehmen nach rund 100’000 Dollar. Vermutlich unerreicht bleibt derweil der Preis von 100- und 200-m-Weltrekordhalter Usain Bolt (40), bei dem gemunkelt wurde, dass er satte 300’000 Dollar pro Start absahnte.
Auch im Falle von Werro hätte ein Weltrekord das Startgeld noch einmal gewaltig hinaufgeschraubt. Gleiches gilt ganz grundsätzlich für WM- oder vor allem für Olympia-Gold. Es sind diese grossen Titel, die Werro auf dem Weg nach ganz oben noch fehlen. Der EM-Triumph wiegt hierbei im Vergleich deutlich geringer.
«Enorm viel finanzieller Aufwand»
Was das offizielle Preisgeld angeht, ist Werro 2026 dafür nahe ans Maximum herangekommen: Mit Hallen-WM (Zweite), Diamond League, EM und Ultimate Championship erreicht die Athletin des CA Belfaux eine Gesamtsumme von 378’000 Dollar (rund 312’000 Franken). Vor Steuern, die mitunter einen beträchtlichen Anteil ausmachen.
Werros Manager Nuoffer sagt hierzu: «Das klingt nach viel Geld und ist auch viel Geld. Gleichzeitig steckt hinter Audreys Programm auch enorm viel finanzieller Aufwand. Die Kosten für eine Saison belaufen sich bei ihr im sechsstelligen Bereich.»
Der Prämiensegen würde direkt wieder in den Unterhalt des Projekts Werro gesteckt. Und der Romand, der als Ingenieur in der Software-Industrie arbeitet und die Managerrolle im Nebenjob innehat, sagt auch: «Audrey wäre aktuell nicht in der Lage, auch noch ihre Trainerin voll zu finanzieren.» Christiane Berset Nuoffer ist derzeit zu 20 Prozent von Swiss Athletics als Nationaltrainerin angestellt, den Rest ihres Teilzeitpensums wird vom Verbandsprojekt «NextLevel» getragen.
Breit aufgestelltes Team im Hintergrund
Berset Nuoffer kümmert sich nach wie vor auch um die 20- bis 30-köpfige Trainingsgruppe, der auch Werro weiterhin angehört. Dieses Team wiederum kann bei Bedarf regelmässig auf Fachkräfte in den Bereichen Physiotherapie und Osteopathie sowie Mentaltraining zurückgreifen. Ausserdem würde Werro schon seit zwei Jahren eng mit einer Sportpsychologin zusammenarbeiten, so Berset Nuoffer: «Und genau das ist in diesem Jahr besonders herauszustreichen.»
Es sei nicht nur ein Aufstiegsjahr in sportlicher Hinsicht und bezüglich Marktwert: «Besonders beeindruckend fand ich, dass Audrey trotz immer wachsenden Drucks stets den Fokus behielt. Es war eine unglaubliche mentale Leistung von ihr.»