Darum gehts
«Es war ein richtiges Geknorze.» So beschrieb Angelica Moser (28) im Juni ihre Saisonvorbereitung. Fuss kaputt, Oberschenkel verletzt, Therapien und ständig die Frage: Was hält der Körper heute aus? Heute, knapp zwei Monate später, ist von diesem Geknorze wenig zu sehen. Die 28-Jährige ist Europameisterin – schon wieder.
Es ist fast schon ein Muster bei dieser Frau: Je grösser der Anlass, desto grösser scheint Moser aufzuspielen. Wenn es um Medaillen geht, ist sie da. Wenn der Druck steigt, liefert sie. Und wenn ihr Körper sie ausbremsen will, findet sie irgendwie trotzdem einen Weg zurück auf die grosse Bühne. Sie ist bei Grossanlässen inzwischen fast schon eine Garantie für grosse Momente.
Sechs Medaillen hat Moser mittlerweile bei internationalen Meisterschaften gewonnen. Die Frau aus Andelfingen ZH ist damit längst eine der erfolgreichsten Schweizer Leichtathletinnen ihrer Generation.
Bronze trotz Verletzung
Dabei hätte diese Saison ganz anders laufen können. Im März war die Zürcherin noch eine Athletin voller Fragezeichen. Eine hartnäckige Fussverletzung machte ihr das Leben schwer, kurz vor der Hallen-WM kam auch noch eine Oberschenkelzerrung dazu. Jeder Trainingstag wurde zum Balanceakt. Zu viel Belastung war gefährlich, zu wenig aber ebenfalls.
«Es war extrem anstrengend. Es macht dich mega müde», sagte Moser damals. Sie musste sich an jeden einzelnen Trainingstag herantasten: Was geht? Was geht noch nicht? Und trotzdem flog sie in Torun (Pol) zu Hallen-WM-Bronze.
Es ist dieses «Trotzdem», das sich wie ein roter Faden durch ihre Karriere zieht. Denn Moser kennt Rückschläge. Nach den Olympischen Spielen 2021 erlebt sie einen Horror-Unfall im Training. Der Stab bricht, sie kracht in den Einstichkasten. Pneumothorax, Muskelfaserrisse, der linke Arm zeitweise wie gelähmt. Die Reha ist lang. Und irgendwann muss sie wieder lernen, einem Stab zu vertrauen.
Essstörung raubte Energie
Auch mental musste sie in der Vergangenheit schwere Hürden überspringen. 2020 machte Moser öffentlich, dass sie an einer Essstörung gelitten hatte. Fressattacken, Belohnungsessen, ein völlig unregelmässiges Essverhalten. «Das Essen als fixes Thema raubte mir extrem viel Energie für den Sport», sagte sie damals. Mit Therapiegesprächen fand sie zurück zu einem gesunden Verhältnis zu ihrem Körper.
Und dann ist da noch Olympia. Paris 2024. Moser springt 4,80 Meter – so hoch wie nie zuvor an diesem Grossanlass. Es reicht für den bitteren vierten Platz. Aber gleichzeitig ist es das beste Olympia-Ergebnis einer Schweizer Leichtathletin. Eine olympische Medaille ist deshalb das grosse Puzzleteil, das ihr noch fehlt.
Sportlerfamilie im Rücken
Hinter all den Höhenflügen steht nicht nur ein aussergewöhnliches Talent, sondern auch ein aussergewöhnliches Umfeld. Ihre Mutter Monika war Mehrkämpferin und wurde ihre erste Trainerin. Vater Severin nahm 1988 in Seoul am olympischen Zehnkampf teil. Auch Schwester Jasmine sprang früher mit dem Stab und diente ihr als Vorbild.
Und auch privat ist der Sport allgegenwärtig. Moser ist seit Jahren mit dem französischen Eishockeyspieler Kévin Bozon (30) zusammen. Seine Eltern sind ebenfalls ehemalige Spitzensportler: Vater Philippe ist eine Hockey-Legende, Mutter Hélène war Weltklasse-Skifahrerin. Das Paar lebt derzeit im Jura, weil Bozon zuletzt beim HC Ajoie spielte. Wo seine nächste Station liegt, ist noch offen.
Angelica Moser kennt kaum ein Leben ohne Sport. Sie weiss, was es heisst, zu kämpfen. Sie weiss, wie sich Verletzungen anfühlen. Sie kennt Enttäuschungen. Und sie weiss, wie man zurückkommt. Vor allem aber weiss sie, wie man einen Grossanlass gewinnt.