Heute endet die Fussball-WM. Trotz weniger wirklich guter Spiele war sie grossartig. Das Turnier zeigte abermals seine unerreichte Kraft als globale Bühne.
Eine WM macht Rivalitäten und nationale Eigenarten sichtbar; weltweit reiben sich Menschen genüsslich aneinander. Das geschieht vereinfachend, erzählt aber viel Wahres. Mit erstmals 48 Teams bot das Turnier ein besonders vielfältiges Bild.
Über Deutschland liegt Lethargie. Die Autoindustrie schwächelt. Züge verspäten sich. Die Politik wirkt gelähmt. Verloren scheinen jene Tugenden, die den deutschen Fussball einst unwiderstehlich machten: Fleiss, Disziplin, Siegeswille. Lange galt: «Ein Fussballspiel dauert 90 Minuten, am Schluss gewinnt Deutschland.» Nun scheiterte Deutschland zum dritten Mal in Folge früh an einer WM, was seine Krise widerspiegelt.
Die Schweizer Nati steht für gesellschaftlichen Wandel. In meiner Jugend hiessen die Stars Burgener, Lüdi und Elsener; Barberis war die italienischstämmige Ausnahme. Später kamen Schweizer mit türkischen, kosovarischen, serbischen und afrikanischen Familiengeschichten. Dank Zuwanderung kann die Schweiz heute Fussball spielen. Nicht nur das. Italiener brachten gutes Essen, Briten den Maschinenbau, Hugenotten die Uhrmacherei. Die Nati verkörpert die schweizerische Integrationsleistung: Wer sich mit dem Ball behauptet, dessen Kinder arbeiten morgen im Büro. Italo-Schweizer spielen heute kaum noch Spitzenfussball; sie sitzen in Chefetagen.
Der ewige Glaube an die Wende
Kein Spiel zeigte die Strahlkraft dieser WM besser als der Halbfinal England – Argentinien. Der Falklandkrieg schwang mit; vor allem prallten Mentalitäten aufeinander, die den Zustand beider Länder abbildeten. Hier Argentinien. Das Land stand vor dem Kollaps. Heute sinkt die Inflation, der Staat schreibt Überschüsse, die Wirtschaft wächst. Das Team spielte im Glauben an die Wende.
Dort England. Seit dem Brexit-Referendum vor zehn Jahren steckt das Land trotz sechs Premierministern in der Abwärtsspirale. Politikern fehlt der Mut zu Reformen. Nach der 1:0-Führung fehlte den Spielern und dem deutschen Coach der Mut, weiter anzugreifen.
Die Engländer agierten zaghaft, die Argentinier kämpften. Argentinien musste gewinnen, England wollte nicht verlieren.
Über jedes Land liesse sich so etwas sagen. Frankreich hatte die besten Einzelspieler, doch ihr Arbeitseifer erinnerte an französische Gewerkschaften. Nach Ägyptens Aus kursierten in arabischen sozialen Medien abstruse Thesen über eine israelische Verschwörung.
Natürlich überhöht dieser Text den Fussball als Weltspiegel. Pässe und Dribblings erklären kein Volk. Doch eine WM zeigt, wie Länder mit Druck, Siegen und Niederlagen umgehen. Kurz: wie die Welt funktioniert.
Forza Italia 2!
Deshalb war die Ausweitung auf 48 Teams richtig. Schon der Streit darüber verriet einiges: Aufstrebende Nationen in Afrika, Asien und der arabischen Welt wollen dabei sein; die absteigenden Europäer verteidigen ihren Besitzstand.
Fussball gehört nicht mehr nur Europa und Amerika. Kap Verde, die Demokratische Republik Kongo und Marokko waren Entdeckungen. Die Niederlande, Brasilien und Portugal? Zum Vergessen.
Zuletzt findet jeder in einer WM seine Identität. Treffen im Final spanische Kolonialherren auf Kolonisierte, halte ich zu Argentinien: Trainer und mehrere Spieler haben italienische Wurzeln – wie ich.
Wenn schon nicht Italien, dann Italien 2.
Forza!












