Triefender Hass gegen Ex-DFB-Coach
Ein Mann wird an die Wand genagelt

Der Name Nagelsmann bekommt eine neue Bedeutung. Im Sinne des Wortes wird ein Mann an die Wand genagelt. Die Kolumne von Felix Bingesser.
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Ist nicht mehr DFB-Coach: Julian Nagelsmann.
Foto: AFP
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Felix BingesserReporter Sport

Fussball beginnt als Spiel, wird zum Geschäft und endet als Glaubensfrage. 

Zu beobachten in Deutschland, dessen Ausscheiden bei der WM eine monumentale Staatsaffäre ausgelöst hat. Ein unglücklich verlorenes Fussballspiel mit einem aberkannten regulären Tor wird zum Seismografen für den Zustand eines ganzen Landes. Und ein junger Mann wird an die Wand genagelt. 

Es beginnt kurz nach Spielschluss. Mit der dümmsten aller Fragen beginnt die übereifrige Jungreporterin des ZDF das Interview mit dem Trainer Julian Nagelsmann, der Minuten zuvor die grösste Enttäuschung seiner Karriere erlebt hat. «Wie ist die Stimmung in der Kabine?», fragt sie. «Es wird getanzt und gesungen», hätte Nagelsmann antworten sollen.

Dann folgt die Kardinalfrage: «Wie sieht Ihre Zukunft aus?» Nagelsmann sagt in der Bitterkeit der Stunde entwaffnend ehrlich: «Ich habe noch zwei Jahre Vertrag und bin keiner, der davonläuft. Wenn das der Verband anders sieht, sollen sie es mir sagen.» 

Das genügt der hyperventilierenden Reporterin nicht. «Sie müssen sich Gedanken machen», fordert sie. «Habe ich mir ja gemacht und ihre Frage beantwortet», sagt Nagelsmann kopfschüttelnd.

Der Prozess der Selbstzerfleischung

Der Prozess der Selbstzerfleischung, der Deutschen liebstes Hobby, treibt in den Tagen danach skurrile Blüten. Im Netz tobt der Hass. Medial wird das ganz grosse Bild gezeichnet. «Unsere Kinder kennen Deutschland nur noch als Verlierer», poltert die Chefin der «Bild-Zeitung». «Friedrich Merz lebt, wie Julian Nagelsmann, der noch nicht einmal den Anstand hat, jetzt zurückzutreten, offenbar in einer Parallelwelt. Beide sind unfähig, ihre Fehler zu sehen und Verantwortung zu übernehmen.»

Nicht nur der Trainer, sondern auch der Kanzler soll also nach dieser Mutter aller Niederlagen das Spielfeld subito verlassen. Die grossen Fragen und Probleme der grössten Wirtschaftsmacht Europas werden auf eine Stufe gestellt mit einem unglücklich verlorenen Fussballspiel. Grotesk. 

Auch die Experten haben Hochkonjunktur und übertrumpfen sich mit dem verbalen Zweihänder. Es ist die Zeit der Hyänen. Das Opfer ist erledigt und liegt am Boden. Jetzt können sich Matthäus und Babbel und Basler, die nach ihrer Karriere weitgehend erfolglos blieben und jetzt von TV-Sessel zu TV-Sessel stolpern, mit Messer und Gabel am Leichenmahl gütlich tun. 

Vor der WM haben sie willfährig in den Chor der Euphoriker eingestimmt und auch vom Titelgewinn schwadroniert. Ein kompetenter Experte hätte da warnen müssen, dass ein Weltmeistertitel mit dieser Rumpeltruppe utopisch ist. Aber vor dem Turnier hat man lieber den erwartungsfrohen Fans nach dem Mund geredet.

Nagelsmann ist an die Wand genagelt worden. Er ist der Blitzableiter, die Nation hat jetzt eine Projektionsfläche für den ganzen Frust, der sich angestaut hat. Da sind die mehrheitlich schadenfreudigen Gemütszustände im Land des Achtelfinalisten Schweiz nur eine Randerscheinung. 

Jungtrainer Nagelsmann wird seine Millionenabfindung erhalten und ist mittlerweile zum Rücktritt gedrängt worden. Das ist in Ordnung, das sind die Gesetze der Branche, dafür erhält er Schmerzensgeld. Mitleid muss man nicht haben. Aber der triefende Hass, der ätzende Frust und all die Attacken weit unter der Gürtellinie, braucht es nicht.

Je grösser der Fussball wird, desto kleiner wird das Spiel. 

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