Übrigens – die SonntagsBlick-Kolumne
Es fehlt Buffon!

Eine WM ist auch eine patriotische Nabelschau und eine ethnologische Feldstudie. Die Kolumne von Felix Bingesser.
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Foto: imago sportfotodienst

Eine Fussball-Weltmeisterschaft ist eine patriotische Nabelschau. Ein gewisser Nationalstolz darf ausgelebt werden, ohne dass man sich verdächtig macht. Man weiss ja, wie schmal der Grat zwischen Patriotismus und Nationalismus ist. Schon George Orwell hat gemahnt: «Patriotismus bedeutet, dass man sein Land liebt. Nationalismus bedeutet, dass man glaubt, sein Land sei besser als alle anderen.» 

Der Nationalstolz zeigt sich auch bei der Hymne. Diesbezüglich fehlt mir Italien am meisten. Vor allem Gianluigi Buffon, der sie in den Himmel schmettert. 

Buffons Erben

Man kann sich jetzt mit den Schotten trösten. Die offizielle Hymne als Mitglied des Vereinigten Königreiches wäre ja «God Save the King». Die Schotten singen aber das mit Dudelsackklängen unterlegte «Flower of Scotland». Es handelt nicht davon, wie man den König beschützt, sondern wie die aufmüpfigen Schotten die Truppen des englischen Königs besiegt haben. 

Aufgefallen ist auch der kanadische Trainer Jesse Marsch. Der Mann aus den USA singt die kanadische Hymne mit derartiger Inbrunst, als sei er als Sohn eines Holzfällers in British Columbia geboren. Vielleicht will er auch nur die verunglimpfenden und herablassenden Kommentare seines Präsidenten Trump über Kanada kompensieren. 

Eine Fussball-WM ist gleichzeitig auch eine ethnologische Feldstudie auf dem grünen Rasen. Nicht nur Frankreich und Spanien, sondern auch kleinere ehemalige Kolonialmächte wie das Königreich Holland, Portugal oder Belgien profitieren fussballerisch schon lange von ihrer Geschichte. Die Urgrossmutter von Cristiano Ronaldo stammt von den Kapverdischen Inseln. 

Auch die Geschichte von klassischen Einwanderungsländern wie den USA, Australien oder Kanada spiegelt sich in deren Mannschaftsaufstellung. Genauso wie bei den «neuen» Einwanderungsländern, zu denen auch die Schweiz gehört. Auch sie sind, zumindest fussballerisch, Profiteure. Die Schweizer haben bis jetzt sieben Tore geschossen, alle erzielt von Spielern mit Migrationshintergrund. 

Auf der anderen Seite der Skala stehen Länder wie Südkorea oder Usbekistan. Bei den Usbeken endet jeder Nachname mit «ov» oder «ev». Usbekistan war nie Kolonialmacht und scheint auch kein beliebtes Einwanderungsland zu sein. 

Die Vorstellung der Integrationsmaschine

Der Fussball, so wird gesagt, sei ein verbindendes Element, eine perfekte Integrationsmaschine. Es ist nach wie vor eine schöne, aber halt auch hehre Vorstellung, die immer wieder von der Realität eingeholt wird. 

Wie das Schicksal von Mesut Özil zeigt. Özil hat 2014 Deutschland zum WM-Titel geführt. Das Foto, wie Kanzlerin Angela Merkel Özil in der Umkleidekabine die Hand schüttelt, geht um die Welt. Özil wird als Musterbeispiel für gelungene Integration gefeiert und in Berlin ausgezeichnet.

Dann hat er sich mit dem umstrittenen türkischen Präsidenten Recep Erdogan ablichten lassen. Und plötzlich ist ihm in Deutschland eine Welle des Hasses entgegengeschlagen. 2018 tritt er aus der Nationalmannschaft zurück. «Wenn wir gewinnen, bin ich Deutscher, wenn wir verlieren, bin ich Türke», sagt er. Özil, in Deutschland geboren und aufgewachsen, lebt heute in der Türkei. 

Verletzt und ernüchtert hat er sich endgültig Erdogan an die Brust geworfen.

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