Der Ball führt Regie, wunderbare Geschichten haben bei dieser WM die kritischen Schlagzeilen weitgehend abgelöst. Die USA werden zum Zentrum des Fussballs. Es ist ein weiterer Meilenstein in der nicht ganz einfachen Geschichte dieses Sports im Land der unbegrenzten Möglichkeiten.
Hat der Soccer in den USA keine Tradition? Mitnichten. Bereits 1907 gründeten Einwanderer aus Europa den ersten Ligabetrieb. Danach aber führte der Fussball jahrzehntelang ein Mauerblümchendasein. Fussball als Randsportart.
Erstmals verändern wollen das die Unterhaltungsprofis der Firma Warner Brothers. Sie lotsen in den 70er-Jahren Weltstars wie Pelé und Franz Beckenbauer zu Cosmos New York und in die neu gegründete North American Soccer League. Zum ersten Spiel von Pelé kommen 78'000 Zuschauer.
Es ist ein Strohfeuer von Marketingstrategen. Das Fundament fehlt. Die Liga geht pleite. Dann vergibt die Fifa die WM 1994 in die USA. Der Hintergrund damals wie heute: das Geld. Neue Märkte müssen erschlossen werden. Bis dahin fanden Weltmeisterschaften nur in Europa und in Lateinamerika statt.
Die WM 1994 ist ein Erfolg, es gibt einen neuen Zuschauerrekord. Aber nachhaltig ist auch diese Endrunde, in deren Sog die Major League Soccer gegründet wird, nicht.
Für den Durchbruch sorgt erst die Frauen-WM 1999. Der Frauenfussball wird in den USA zum Gamechanger. Mit Superstar Mia Hamm gewinnen die US-Amerikanerinnen den Titel. Mittlerweile ist der Fussball bei den Frauen in den USA zur Sportart Nummer eins geworden.
Der nächste Meilenstein folgt 2007. David Beckham, einer der schillerndsten Falter der Fussballgeschichte, wechselt mit seiner Entourage nach Los Angeles. Weil man aufgrund der Lohnbeschränkungen sein Salär nicht bezahlen kann, wird das System umgestellt. Die «Designated Player Rule», auch «Beckham-Regel» genannt, wird eingeführt. Drei Spieler pro Team sind vom Salary Cap ausgeschlossen.
Sein Management sichert sich bei den Vertragsverhandlungen 2007 auch das Recht, bei der Erweiterung der MLS für 25 Millionen Dollar das Recht, ein neues Team zu stellen. Später kosteten solche Franchisen 300 Millionen. Nach seinem Karriereende baut Beckham Inter Miami auf. Und lockt Lionel Messi nach Florida. Dank der 2007 eingeführten «Beckham-Regel» kann man ihn mit 30 Millionen jährlich entlöhnen.
Ja, der Fussball in den USA entwickelt sich. Nicht zuletzt dank den 65 Millionen Hispanics im Land. Ob diese WM den nächsten Schub gibt, bleibt abzuwarten. Immerhin ist der Soccer mittlerweile auf Augenhöhe mit dem Baseball.
Dass die Welt in diesen Tagen zu Gast bei Freunden ist, davon ist man auch nach der ersten Turnierphase weit entfernt. In Zusammenhang mit den schikanierten Iranern müsste man das Motto ändern.
Zu Gast bei Feinden.
