Lucien Favre über den dramatischen 13. Mai 2006
«Die Bilder sind zu Hause archiviert auf DVD»

«Ein wunderbares Spiel. Es kam alles so unerwartet, Wahnsinn!» Zürichs Ex-Coach Lucien Favre (68) spricht mit Blick über den Meister-Coup in der legendären Finalissima vom 13. Mai 2006 in Basel.
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Lucien Favre und der junge Gökhan Inler zelebrieren am 13. Mai 2006 den FCZ-Titelgewinn in Basel.
Foto: Blicksport

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Zürich erringt 2006 Meisterschaft mit Last-minute-Tor gegen Basel
  • Favre erinnert sich an unvergessliche Euphorie und Gewalttumulte
  • Über 20'000 Menschen empfingen siegreichen FCZ-Bus nach Finalissima
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Sven SchochReporter Sport

Der Klassiker für die Ewigkeit, 13. Mai 2006. Drama pur, die Liga-Wende des Jahrzehnts. Zürich drängt den damaligen Branchenprimus Basel in der 93. Minute vom Titelkurs ab und gewinnt nach zweieinhalb Dekaden erstmals wieder eine Meister-Trophäe. Der St. Jakob-Park steht kopf, Coach Lucien Favre saust die Linie entlang. Sekunden zuvor hat der stämmige rumänische Verteidiger Iulian Filipescu einen Querpass von Abwehrkollege Florian Stahel über die Linie geschoben. Fast exakt 20 Jahre später erreicht Blick Favre am Telefon: «Ich habe alles noch bei mir. Die Bilder sind in meinem Kopf und zu Hause archiviert auf DVD», meldet der frühere Trainer-Maestro aus seinem Waadtländer Ruhestand. «Es sind unvergessliche Momente.»

Der späte 2:1-Schock löste einen Platzsturm der Entrüstung aus. Über den beispiellosen Gewaltexzess von mehreren Hundert frustrierten Bebbi-Anhängern würde Gentleman Favre am liebsten den Mantel des Schweigens hüllen: «Die Rivalität der Fans war gross, sie reagierten enttäuscht. Die Tumulte führten zu einer aussergewöhnlichen Situation, die man lieber nicht gesehen hätte. Zum Glück hat die Polizei dann rasch einmal für Ruhe gesorgt.» Er selber sei auf dem Platz geblieben, «ein Teil meiner Spieler hingegen stürmte sofort in die Garderobe. Es war surreal.» Christian Gross hätten die Bilder zu schaffen gemacht, «die Mäzenin Gigi Oeri reagierte enttäuscht». 

«Aber ganz ehrlich, für mich bleibt vor allem die grenzenlose Euphorie der FCZ-Supporter haften. Der 13. Mai war am Ende ein Festtag in der Nacht!» Noch heute bewegen Favre die Souvenirs an jene rauschende Party. «Über 20’000 Menschen haben unseren Bus empfangen. Es war der Beginn einer langen Feier. Schön, einfach nur schön.» Für den Westschweizer war die Euphorie erklärbar und verdient: «Wir haben dank harter Arbeit aus einer jungen Auswahl mit Mentalität das Maximum herausgeholt. Unser Spielstil hat dem Publikum gefallen, wir hatten eine Menge Spass am Spiel und deswegen auch Erfolg.»

Tiefe Spuren hinterlassen

Favre spricht auch mit grossem zeitlichem Abstand mit Hingabe von seiner früheren Equipe: «Es war für mich ein Glück, eine so talentierte und charakterstarke Gruppe dirigieren zu dürfen. Blerim Dzemaili war mit seinen 20 Jahren fantastisch, Raffael spielte mit 21 top, Gökhan Inler stand als 21-Jähriger vor dem Sprung zur internationalen Laufbahn. Im Schnitt standen knapp 23-jährige Akteure auf dem Rasen und besiegten den grossen, stabilen und international erfolgreichen FC Basel!» Und dann schiebt der 68-jährige Romand eine Bemerkung nach, die ihm viel bedeutet: «Das Umfeld passte, der wunderbare Präsident Sven Hotz schenkte mir das Vertrauen, der Chef-Diplomat René Strittmatter und Hugo Hollenstein (alle sind inzwischen verstorben – die Red.) bildeten eine Basis, die man für einen solchen Effort braucht.»

Der womöglich spektakulärste und emotionalste Klassiker der Geschichte hat tiefe Spuren hinterlassen. Der FCZ bestätigte seine Hochform mit dem Titel-Double, der FCB brauchte Jahre, um sich vom Finalissima-Trauma zu erholen. «Diese Partie hat in vielen Köpfen vieles verändert. Meine Spieler und auch ich sind mit einer beträchtlichen Prise Selbstbewusstsein in die Zukunft gegangen. Dieser Sieg hat unsere persönliche DNA geprägt», blickt Favre auf das denkwürdigste Super-League-Endspiel zurück. 

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