Herz-Experte schätzt ein
Muss Eriksen nach Zusammenbruch seine Karriere beenden?

Der dänische Fussballstar Christian Eriksen ist bei einem Länderspiel auf dem Platz erneut zusammengebrochen. Trotz Entwarnung vom Teamarzt stellen sich nun viele Fragen. Blick hat bei einem Herz-Experten des Unispitals Zürich nachgefragt.
Kommentieren
1/6
Ein Bild vom Länderspiel gegen die Ukraine: Christian Eriksen im Spiel des erneuten Zusammenbruchs.
Foto: IMAGO/Gonzales Photo

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Eriksen spielt mit Defibrillator – und brach erneut zusammen
  • So schätzt ein Experte vom Unispital Zürich die Situation ein
  • Kann der Defibrillator unter hoher Belastung fälschlicherweise Schocks auslösen?
RMS_Portrait_AUTOR_465.JPG
Simon StrimerReporter & Redaktor Sport

Grosse Sorge um Christian Eriksen (34). Wie gehts weiter mit dem dänischen Fussballstar, der seit dem Zusammenbruch an der EM 2021 mit implementiertem Defibrillator spielt? Am Sonntag ist er bei einem Testspiel zwischen Dänemark und der Ukraine erneut auf dem Platz zusammengebrochen. Das Spiel wurde nach dem Vorfall in der 65. Minute nicht mehr fortgesetzt.

Immerhin konnte Eriksen schon kurz danach in Begleitung der Spieler eigenständig zur Ambulanz gehen und dabei seine Angehörigen sehen. Nun die Entwarnung. Bald sollte Eriksen wieder zu Hause bei der Familie sein. Durchatmen in der Fussball-Welt. Doch der Schock bleibt – und damit viele Fragen.

«Verschiebung Richtung Rückzug vom Spitzensport»

Die drängendste: Muss Eriksen nun seine Karriere beenden, weil der erneute Zusammenbruch als deutliches Warnzeichen interpretiert werden sollte? Michael Stiefel ist Leiter der Sportkardiologie am Universitätsspital Zürich. Er schätzt für Blick den Fall ein.

Eine Kernaussage: «Das rasche Wiedererlangen des Bewusstseins ist beruhigend – das erneute Ereignis jedoch ein Warnsignal. Ein implantierter Defibrillator ist kein Freipass für uneingeschränkten Spitzensport; die Sportkardiologie-Leitlinien sehen Wettkampfsport mit dem ICD-Defibrillator nur nach individueller Abwägung vor, wobei die zugrundeliegende Herzerkrankung eine zentrale Rolle spielt. Das erneute, möglicherweise belastungsgetriggerte Ereignis verschiebt diese Abwägung in Richtung Rückzug vom Spitzensport.»

Doch war es wirklich eine erneute Herzrhythmusstörung? Vorkommen können auch Schockabgaben, die der Defibrillator nicht hätte auslösen sollen. «Eine Schockabgabe, insbesondere falls sie bei Bewusstsein erfolgt, traumatisiert viele Sportler so sehr, dass sie danach aufhören, regelmässig Sport zu treiben», sagt Stiefel. «Selbst adäquate Schocks haben eine psychische Wirkung auf die Betroffenen. Aus Register-Daten wissen wir, dass sich rund 30 bis 40 Prozent der Sportler nach einem erlebten Schock zumindest vorübergehend aus Angst vor erneuten Schocks vom Sport zurückziehen.»

Ein Bewusstseinsverlust spricht jedoch eher für eine nötige, sogenannte adäquate Auslösung. Endgültige Klarheit bringt die zeitnah durchgeführte Abfrage des Geräts, die aufzeichnet, ob tatsächlich eine lebensbedrohliche Rhythmusstörung vorlag. 

Stromschlag bei Bewusstsein? Für Betroffene sehr einschneidend

«Dieses Phänomen ist gut belegt und ernst zu nehmen», sagt Stiefel nun. «Selbst adäquate Schocks haben eine psychische Wirkung auf die Betroffenen. Aus Register-Daten wissen wir, dass sich rund 30 bis 40 Prozent der Sportler nach einem erlebten Schock zumindest vorübergehend aus Angst vor erneuten Schocks vom Sport zurückziehen.»

Die medizinischen Antworten zum von Experte Stiefel im Detail

Hat der Defibrillator Christian Eriksen das Leben gerettet und wie stark ist ein solcher Stromschlag?
Falls es ein adäquater Schock auf eine lebensbedrohliche Rhythmusstörung war, dann ja; der implantierte Defibrillator (ICD) hat automatisch das getan, wofür 2021 noch der externe Defibrillator nötig war. Ein interner ICD-Schock ist mit etwa 35 Joule deutlich energieärmer als eine externe Defibrillation (circa 200 Joule), weil er direkt über die Sonde ans Herz abgegeben wird.

Wie wahrscheinlich ist die Gefahr eines fälschlicherweise ausgelösten Schocks bei der hohen Belastung, die ein Profi-Fussballspiel mit sich bringt?
Das ist in der Tat vorhanden, aber durch eine optimale Geräteprogrammierung (und Implantation) gut beherrschbar. Die hohen Herzfrequenzen bei maximaler Belastung (oft bis 180-195/min), oder auch Rhythmusstörungen aus den Vorhöfen, können fälschlicherweise als Rhythmusstörung aus den Herzkammern (sogenannte Kammertachykardie/-flimmern) interpretiert werden. Durch die Wahl entsprechender Erkennungsschwellen und Unterscheidungskriterien lässt sich dieses Risiko jedoch stark senken.

Erhöht sich das Risiko bleibender Schäden oder die Lebensgefahr mit jedem Zusammenbruch?
Jede Episode mit einer Kammertachykardie oder -flimmern ist ein eigenes lebensbedrohliches Ereignis. Der Defibrillator reduziert die Gefahr des plötzlichen Herztodes deutlich, eliminiert sie aber nicht. Nicht jeder Schock beendet die Rhythmusstörung beim ersten Mal, und bei längerem Kreislaufstillstand droht eine Hirnschädigung. Häufigere Ereignisse bedeuten mehr Aussetzung gegenüber genau diesem Restrisiko. Ziel muss die Verhinderung von Ereignissen sein, und ein erneuter (womöglich sportgetriggerter) Vorfall ist ein klares Argument gegen die Fortsetzung des Spitzensports.

Dr. med. Michael Stiefel. Oberarzt, Klinik für Kardiologie, Universitätsspital Zürich.
NICO WICK, USZ

Hat der Defibrillator Christian Eriksen das Leben gerettet und wie stark ist ein solcher Stromschlag?
Falls es ein adäquater Schock auf eine lebensbedrohliche Rhythmusstörung war, dann ja; der implantierte Defibrillator (ICD) hat automatisch das getan, wofür 2021 noch der externe Defibrillator nötig war. Ein interner ICD-Schock ist mit etwa 35 Joule deutlich energieärmer als eine externe Defibrillation (circa 200 Joule), weil er direkt über die Sonde ans Herz abgegeben wird.

Wie wahrscheinlich ist die Gefahr eines fälschlicherweise ausgelösten Schocks bei der hohen Belastung, die ein Profi-Fussballspiel mit sich bringt?
Das ist in der Tat vorhanden, aber durch eine optimale Geräteprogrammierung (und Implantation) gut beherrschbar. Die hohen Herzfrequenzen bei maximaler Belastung (oft bis 180-195/min), oder auch Rhythmusstörungen aus den Vorhöfen, können fälschlicherweise als Rhythmusstörung aus den Herzkammern (sogenannte Kammertachykardie/-flimmern) interpretiert werden. Durch die Wahl entsprechender Erkennungsschwellen und Unterscheidungskriterien lässt sich dieses Risiko jedoch stark senken.

Erhöht sich das Risiko bleibender Schäden oder die Lebensgefahr mit jedem Zusammenbruch?
Jede Episode mit einer Kammertachykardie oder -flimmern ist ein eigenes lebensbedrohliches Ereignis. Der Defibrillator reduziert die Gefahr des plötzlichen Herztodes deutlich, eliminiert sie aber nicht. Nicht jeder Schock beendet die Rhythmusstörung beim ersten Mal, und bei längerem Kreislaufstillstand droht eine Hirnschädigung. Häufigere Ereignisse bedeuten mehr Aussetzung gegenüber genau diesem Restrisiko. Ziel muss die Verhinderung von Ereignissen sein, und ein erneuter (womöglich sportgetriggerter) Vorfall ist ein klares Argument gegen die Fortsetzung des Spitzensports.

Nach dem Einsetzen des Defibrillators 2021 durfte Eriksen in Italien nicht mehr Profi sein – in Ländern wie England und Deutschland hingegen schon. Aktuell steht er bei Bundesliga-Absteiger Wolfsburg unter Vertrag. Vor kurzem hat er einen Meilenstein erreicht und sein 150. Nati-Spiel für Dänemark absolviert. Im 151. Auftritt dann der Schock. Möglich, dass es sein letztes war.

Externe Inhalte
Möchtest du diesen und weitere externe Beiträge (z.B. Instagram, X und anderen Plattformen) sehen? Wenn du zustimmst, können Cookies gesetzt und Daten an externe Anbieter übermittelt werden. Dies ermöglicht die Anzeige externer Inhalte sowie von personalisierter Werbung. Deine Entscheidung gilt für die gesamte App und ist jederzeit in den Einstellungen widerrufbar.
In diesem Artikel erwähnt
Was sagst du dazu?
Heiss diskutiert
    Meistgelesen