Darum gehts
- Ex-Fussballstar Vidic bedroht: Serbischer Verbandspräsident plante Morddrohungen 2020
- Chats enthüllen Pläne mit Peilsender und Hooligans gegen Vidic
- Vidic besorgt: «Vielleicht bin ich immer noch in Lebensgefahr»
Beben im serbischen Fussball: Enthüllungen der Investigativjournalisten von Krik (Netz für Nachforschung von Kriminalität und Korruption) werfen ein ganz schlechtes Licht auf den serbischen Fussballverband, aber auch auf den umstrittenen Staatspräsidenten Aleksandar Vucic (56). Im Zentrum der Aufmerksamkeit: Ex-Nationalspieler und ManUtd-Star Nemanja Vidic (44).
Im November 2020 verfasste Vidic einen öffentlichen Brief, in dem er seine Kritik am Verband nach der verpassten EM-Qualifikation zum Ausdruck brachte. Er sprach von einem «destruktiven und kurzfristig denkenden System», das nur für «die Interessen der Manager und Funktionäre und nicht für den Fussball» arbeite. «Es ermöglicht – gelinde gesagt – zweifelhaften Biografien, sehr viel Geld zu verdienen.»
Jahre später kommt nun ans Tageslicht, was für Folgen Vidics Kritik hinter den Kulissen hatte. Geleakte Chatverläufe aus dem verschlüsselten Nachrichtensystem Sky ECC zeigen, dass der damalige Präsident des Verbands, Slavisa Kokeza (48), dem ehemaligen Star-Verteidiger unter anderem mit dem Tod drohen wollte.
«Wenn du dich einmischst, landest du auf dem Friedhof»
Wie aus dem Investigativbericht hervorgeht, wandte sich Kokeza in der Angst, Vidic könnte ihm in seiner Rolle an der Verbandsspitze gefährlich werden, an «Hooligans von Roter Stern Belgrad, Leute, die mit Kriminellen aus Serbien und Italien verbandelt sind, sowie Personen, die aus dem Schatten Einfluss auf den einheimischen Fussball haben».
Verbandspräsident Kokeza beabsichtigte, Personen aus dem Untergrund auf Vidic anzusetzen. «Wir müssen ihnen Geld geben, dass sie ihm drohen, damit er Angst hat und sich nie mehr rund um den Verband einmischt.» Zudem wollte er über Vidics Trauzeugen Nenad Lalatovic (48) Druck auf diesen ausüben. Die klare Message: «Wenn er sich noch einmal kritisch äussert, wird er auf dem Friedhof enden.»
Laut den Textnachrichten wurde Vidic, der damals in Mailand wohnte, ausfindig gemacht und mit einem Peilsender am Auto versehen. Aber Kokeza setzte die skrupellosen Pläne schlussendlich nicht in die Tat um. In den Chats ist von einem Abbruch der Pläne zu lesen, die Gründe bleiben unbekannt.
Vidic zeigte sich nicht verwundert, als ihm die Journalisten ihre Recherche zeigten. «Wenn du einen Strassenkriminellen in diese Position berufst, ist das nicht überraschend», wird er zitiert. Was ihm aber grosse Sorgen mache, ist, dass ihn keine staatliche Institution gewarnt hat, dass solche Drohungen gegen ihn im Raum standen. «Wessen Verantwortung wäre es, wenn mir morgen was passiert? Vielleicht bin ich immer noch in Lebensgefahr. Das ist ein Polizeistaat und es wird nichts passieren, solange die Institutionen wegschauen.» Seine Meinung erklärte er nach den Enthüllungen auch in einem Video in den sozialen Medien (siehe oben).
Die Rolle von Präsident Vucic
Ebenfalls zum Kokeza-Plan gehörte übrigens, den Staatspräsidenten Vucic durch die Roter-Stern-Hooligans zu beeinflussen. Denn Kokeza war sich sicher, dass Andrej Vucic, der Bruder des Präsidenten, ihn als Verbandschef absetzen wolle. Die Idee dahinter, die Kokeza den Hooligans per Chat mitteilte: «Vucic will euch Fans nicht widersprechen, er hat Angst vor den Tribünen.» Fussball-Hooligans wird in Serbien grosse politische Macht nachgesagt.
Aus den Chatverläufen geht auch hervor, dass es zu einem Treffen zwischen Vucic und zwei Anführern der Hooligan-Szene gekommen ist. Dieses könnte auch entscheidend dazu beigetragen haben, dass Kokeza den Machtkampf am Ende verloren hat. Vucic zeigte den Fans polizeilich abgehörte Telefonate zwischen ihm (Vucic) und ebendiesen Fans. Er beschuldigte beim Treffen unter anderem Kokeza, diese Abhörungen veranlasst zu haben. Von diesen Anschuldigungen erfuhr Kokeza mutmasslich durch die Chats mit den Fans. Ob die Beschuldigungen wahr sind, konnte nie bewiesen werden. Das Thema gelangte an die Medien.
Als Folge von diversen Berichten in regimetreuen Boulevardmedien, in denen Kokeza später neben den Abhörungen gar noch die Planung eines Attentats auf den Präsidenten vorgeworfen wurde, flüchtete Kokeza aus Serbien. Vidic, der mittlerweile wieder in Serbien wohnt, wurde aber nicht sein Nachfolger an der Verbandsspitze.




