Darum gehts
- Die Uefa will Infantino stürzen, findet aber keinen Gegner
- Asien stützt ihn nun, Afrika und Südamerika ebenfalls
- 42 Uefa-Fragen und der Rechtsweg dürften spät wirken
Mitte August deutete vieles darauf hin, dass die Tage von Gianni Infantino (56) als Fifa-Präsident bald gezählt sein dürften. Es schien, als hätte der Walliser nach zehn Jahren an der Macht mit seinem geplanten Alleingang, Teile der WM-Rechte via Tochterfirma Fifa Forward Enterprise (FFE) an Private zu verkaufen, eine rote Linie überschritten. Angeführt von der Uefa, die mit einem Boykott der Fifa-Turniere drohte, bildete sich eine Allianz aus Europa, Nord- und Mittelamerika und Asien gegen den amtierenden Präsidenten.
Doch diese bröckelt immer mehr. Die asiatische Konföderation (AFC) sicherte Ietzte Woche an ihrem ausserordentlichen Kongress in Tokio Infantino nun doch die Unterstützung bei der Wahl am 18. März in Rabat zu, auch wenn nicht alle Verbände den Walliser unterstützen werden, wie Jordaniens Verbandspräsident Ali Bin Al Hussein (50), ein bekennender Infantino-Gegner, sagte.
Die Kehrtwende hat laut einem Fifa-Insider auch politische Gründe. Denn sollte sich AFC-Präsident Salman bin Ibrahim Al Khalifa (60) gegen Infantino stellen, könnte dies für ihn bei der Wiederwahl als Präsident der eigenen Konföderation zum Bumerang werden, da der Fifa-Präsident noch immer grossen Support aus Katar geniesst. Kommt hinzu, dass Scheich Salman 2016 Infantino als Kandidat herausgefordert hatte, von der Uefa aber abgelehnt wurde, weil nach dem Rückzug des gesperrten Michel Platini ihr damaliger Generalsekretär Infantino ihr Kandidat war.
42 offene Fragen der Uefa
Für die Uefa ist es eine bittere Pille, die sie schlucken muss, auch wenn sie den Druck auf Infantino weiter hochhält. Uefa-Generalsekretär Theodoros Theodoridis (61) hat nach dem Treffen des Fifa-Councils in Zürich Mitte Oktober im Rahmen aller europäischen Council-Mitglieder einen Brief mit 42 Fragen verfasst.
Neben all den Fragen zur FFE, dem Fall Balogun oder der Nähe der Fifa-Führung zur US-Regierung und dem Trump-Clan geht es auch um profanere Dinge: Warum wurden die dreiminütigen Trink- bzw. Werbepausen ohne Rücksprache mit dem IFAB eingeführt? Warum dauerte die Pause des WM-Finals 27 Minuten? Und wer trug all die Kosten für die vielen Gäste und Legenden der Fifa während des Turniers?
Welche Rolle spielt Bruno Chiomento?
Interessant ist auch die Frage 33, wo es um die Rolle von Bruno Chiomento (63) geht, den ehemaligen CEO und VR-Präsidenten von Ernst & Young Schweiz. Der Basler ist seit 2021 bei der Fifa und seit 2025 Vorsitzender der Governance-, Audit- und Compliance-Kommission. Die nötige Unabhängigkeit zweifelt die Uefa an, soll Chiomento Infantino doch schon seit 20 Jahren kennen und immer wieder auf Kosten des Weltverbandes an Turniere gereist sein, so auch an die WM im Sommer. «Wir haben Bedenken hinsichtlich der Unabhängigkeit und Unparteilichkeit des Vorsitzenden des Fifa-Wahlausschusses, Herrn Chiomento, angesichts der entscheidenden Rolle, die der Ausschuss bei der Überwachung der Präsidentschaftswahl spielt», so die Uefa.
Bis am Montag fordert die Uefa Antworten, die Infantino auch liefern will, «soweit es der Ablauf zulässt und soweit es uns möglich ist», wie er gegenüber der BBC sagte. Seit Monaten befindet er sich im Wahlkampfmodus – auch wenn ihm dies in seiner Rolle nicht gestattet wäre. Dies nachzuweisen, sei aber enorm schwierig, sagt ein langjähriger Fifa-Mitarbeiter zu Blick. Infantino entschuldigte sich für seinen Alleingang bei der FFE – wenn auch nur halbherzig. Aber vor allem: Er verspricht mehr Geld. 25 Millionen Dollar will er den Verbänden bis 2030 auch aus den Reserven der Fifa ausschütten – und damit mehr, als er diesen durch die FFE versprochen hat. «Geld ist noch immer das Argument, das am meisten zählt», so ein Fifa-Insider.
Kein Kandidat in Sicht
Kommt hinzu: Seit Wochen sucht die Uefa krampfhaft einen Kandidaten. Aus der Deckung hat sich mit Ausnahme des chancenlosen Ramon Vega (55) noch keiner oder keine gewagt, denn niemand will sich die Blösse geben, am Ende als Verlierer dazustehen. Uefa-Präsident Aleksander Ceferin (59) nahm sich bereits Ende August aus dem Rennen. Es folgten Nasser Al-Khelaifi (52), der einflussreiche PSG-Präsident, und Concacaf-Präsident Victor Montagliani (61), der wie Ceferin und Scheich Salman in seiner Konföderation wiedergewählt werden will. Dem Kanadier hätten viele zugetraut, Infantino ernsthaft herausfordern zu können.
Namen, die noch immer kursieren, sind David Beckham (51) und Arsène Wenger (77). Doch warum sollten die beiden sich das antun? Beckham verdient als Geschäftsmann und Werbeträger Millionen, Wenger gilt zwar als Gentleman und hat sich im Zuge der FFE-Enthüllungen auch von Infantino distanziert, der Franzose steht aber seit 2019 als Direktor für Fussballentwicklung auf der Payroll der Fifa. Zudem spricht sein Alter gegen eine Kandidatur.
Die norwegische Präsidentin Lise Klaveness (45) wäre für progressiv Denkende die Wunschlösung, doch vielen ist sie ein Dorn im Auge – das weiss die Norwegerin. Mit ihrer kritischen Rede im März 2022 in Katar stiess sie nicht nur den WM-Gastgeber, sondern auch viele andere Verbände vor den Kopf. Michele Kang, die in Südkorea geborene amerikanische Milliardärin, hat zwar als Besitzerin von Lyon, London City Lionesses und Washington Spirit das nötige Know-how, ist aber in der von Männern dominierten Fifa zu wenig bekannt und vernetzt.
Infantino siegessicher
Noch bleiben der Uefa drei Wochen, um einen Kandidaten aus dem Hut zu zaubern. Schafft sie das nicht, bleibt ihr nur noch der juristische Weg, um Infantino zu stürzen. Dieser könnte aber beschwerlich sein, da ein Urteil erst lange nach der Wahl im März rechtsgültig werden dürfte, ausser die Uefa schafft es, dass die Ethikkommission der Fifa aktiv wird wie 2015 im Fall Blatter/Platini. Norwegen hat bei dieser Anfang Oktober wegen des Falls Balogun und der Vergabe des Friedenspreises an Trump zwei Beschwerden eingereicht.
Dass Infantino selbst zurücktritt, ist ausgeschlossen. Diese Frage einer BBC-Reporterin anlässlich der U15-WM in Aserbaidschan lächelte er siegessicher weg und sagte: «Wenn wir es ernst meinen mit der Demokratie, mit der Überzeugung, dass jeder weltweit die gleiche Stimme und das gleiche Mitspracherecht hat, dass der Fussball allen gehört, dann müssen wir auch die Ansichten der überwiegenden Mehrheit respektieren.» Auf die 55 Stimmen aus Europa (inkl. jener des SFV) kann Infantino getrost verzichten. Denn das Blatt hat sich dank des Supportes aus Afrika, Südamerika und nun auch Asien gewendet.