Genau zehn Jahre ist es her, seit Gianni Infantino (55) sich am 26. Februar 2016 bei einem ausserordentlichen Fifa-Kongress in Zürich gegen vier Kandidaten durchgesetzt hat und im zweiten Wahlgang zum neuen Präsidenten des Weltfussballverbands gewählt wurde. Sein Versprechen damals: «Wir werden das Image der Fifa und den Respekt vor dieser Organisation weltweit wieder herstellen.» Er wolle eine neue Ära starten. «In der wir den Fussball wieder in den Mittelpunkt rücken und uns voll und ganz auf diesen wunderbaren Sport konzentrieren können», so Infantino bei der Wahl. Wie sieht das zehn Jahre später aus? Viel Politik, viel Geld und viel Entwicklung im Fussball.
Fifa und die Politik
Sport und Politik sollte man trennen, ist die Lieblingsbegründung von Athletinnen und Athleten, wenn sie sich nicht zu politischen Themen äussern möchten. Bei der Fifa geht das inzwischen Hand in Hand. Gianni Infantino ist so etwas wie US-Präsident Trumps engster Vertrauter geworden. Ob beim Friedensgipfel in Ägypten, bei einer Nahost-Reise Trumps oder zuletzt beim neu geschaffenen Friedensrat. Infantino ist jetzt Weltpolitiker und hat auch keine Scham dabei, ein USA-Cap zu tragen oder einen Friedenspreis zu erfinden, um seinen Freund Donald Trump damit auszuzeichnen, womit Infantino weltweit für Irritation gesorgt hat.
Entwicklungsarbeit
Sind die WM-Neulinge in diesem Sommer wie Kap Verde, Curaçao, Jordanien und Usbekistan bereits das erste Resultat einer grossen Investitionsoffensive? Ja, sagt die Fifa. Mit ihrem Forward-Programm hat sie seit 2016 über fünf Milliarden US-Dollar in die Fussballentwicklung investiert. Das ist siebenmal mehr als vor Infantino, obwohl die Einnahmen verhältnismässig nicht gestiegen seien. Vor allem bedürftige Verbände in Afrika, Asien oder Mittel- sowie Südamerika profitieren von Geldern für die Fussballinfrastruktur. Zudem gibt es weltweit 75 eigene Talentakademien für die Förderung und faire Chancen für junge Fussballerinnen und Fussballer.
Neuer Klub-Wettbewerb
Einzelne Spieler beklagten sich über die zusätzliche Belastung, doch die Klubs waren begeistert über die neu eingeführte Klub-WM. Die Fifa und Gianni Infantino haben das neue Turnier in den Kalender integriert, betiteln es als Mega-Erfolg – und das Turnier ist hier, um zu bleiben. Und wie: 2029 sollen noch mehr Klubs teilnehmen und gar über einen künftigen Zweijahresrhythmus wird spekuliert. Künftig sollen noch mehr europäische Top-Klubs teilnehmen können und die Klubs aus Südamerika, Asien oder Afrika können nicht nur von einer neuen weltweiten Plattform profitieren, sondern auch von zusätzlichem Kapital für Investitionen.
Viel mehr WM-Fussball
Nicht nur die Klub-WM wurde eingeführt und soll erhöht werden, auch die WM in den USA, Mexiko und Kanada wird mit 48 Nationalmannschaften und insgesamt 104 Spielen die grösste und längste Weltmeisterschaft der Geschichte. Gleiches soll bei den Frauen passieren. Ab 2031 werden ebenfalls 48 Nationen teilnehmen und 104 statt bisher 64 Spiele absolviert. Wie bei der Klub-WM sollen auch hier mehr Nationen die Chancen bekommen, sich auf höchster Stufe und in vollem Rampenlicht messen zu können. Für die Verbände bedeutet das auch mehr Geld: Bei der Männer-WM im Sommer 2026 wird beispielsweise ein Rekordbetrag von 727 Millionen US-Dollar an Prämien ausgeschüttet.
Katar-Kritik
Obwohl die WM-Vergabe nach Katar unter Regie von Vorgänger Sepp Blatter passierte, geriet Gianni Infantino rund um die WM 2022 in den Mittelpunkt. Kritik an Menschenrechten, heftige Diskussionen um die Regenbogenbinde oder den kurzfristig abgesagten Alkoholausschank liess der Fifa-Präsident stets abblitzen. Die Kataris wurden von Infantino um jeden Preis verteidigt. Aus Europa gab es dafür massive Kritik, die bis heute zu Beziehungsproblemen zwischen Infantino und westeuropäischen Fans, Verbänden und Medien geführt hat. Die Winter-WM im Emirat war auch der Startschuss zu einer neuen Art der Selbstinszenierung von Infantino. Der Start eines eigenen Instagram-Accounts, neuer Auftritt mit Anzug und weissen Fifa-Sneakers und zum Start der Weltmeisterschaft scheiterte er mit einem Versuch einer epischen Rede für die Geschichtsbücher: «Heute fühle ich mich katarisch. Heute fühle ich mich arabisch. Heute fühle ich mich afrikanisch. Heute fühle ich mich schwul. Heute fühle ich mich behindert. Heute fühle ich mich wie ein Gastarbeiter.»
Eine erste umstrittene Vergabe
Nicht nur mit Donald Trump oder dem Emir von Katar zelebriert Gianni Infantino eine enge Verbundenheit. Auch mit Saudi-Kronprinz Mohammed bin Salman ist der Walliser Fifa-Präsident befreundet. 2034 findet nun auch die Weltmeisterschaft dort statt. Möglich macht das ein Buebetrickli: Um im Rhythmus zu bleiben, wäre nach Katar und Nordamerika jeweils ein Turnier in Südamerika, Afrika und Europa an der Reihe gewesen. Mit der WM 2030 in Marokko, Portugal und Spanien sowie je einem Eröffnungsspiel in Uruguay, Argentinien und Paraguay wird das Ganze innerhalb eines Turniers abgefrühstückt. Der Express-Weg zur nächsten Wüsten-WM und der ersten umstrittenen Vergabe unter Infantino als Präsident.
Frauenfussball im Aufwind
In diesem Punkt gibt es eigentlich keine Zweifel: Im ersten Jahrzehnt Infantino hat die Fifa massiv in die Förderung des Frauenfussballs investiert und diesen auf globaler Ebene gefördert. Die WM in Neuseeland und Australien im Jahr 2023 war ein voller Erfolg für den Sport und die Fifa hat 152 Millionen US-Dollar Preisgeld ausgeschüttet. Das ist zehnmal so viel wie noch 2015. Zudem wurden laut der Fifa seit September 2020 1757 Projekte in 204 Verbänden umgesetzt – von Basisarbeit über Trainerinnen-Ausbildung bis zu Eliteförderung. Abseits des Platzes wurden neue Regulierungen zum Schutz von Spielerinnen bei Schwangerschaft, Adoption und Familienurlaub verabschiedet.
Fortschritt mit Technologie
In der Ära Infantino wurde die grösste und meistdiskutierte technische Neuerung in der Geschichte des Fussballs eingeführt: der Video Assistant Referee (VAR). Inzwischen wird der Videoschiedsrichter in 200 Wettbewerben und 70 Ländern eingesetzt. Die Innovationen basieren auf neuster Technologie und werden laufend geprüft und analysiert. Aktuell wird so die halbautomatische Abseitstechnologie vorangetrieben, zuletzt wurde bei der U17-WM eine Video-Challenge getestet.
Strafverfahren in der Schweiz
Die bisherige Ära Infantino wurde auch von einem der aufsehenerregendsten Strafverfahren der Schweizer Geschichte überschattet. Die Justiz ermittelte wegen der Verletzung des Amtsgeheimnisses, Amtsmissbrauchs und Begünstigung beziehungsweise Anstiftung hierzu. Im Fokus standen drei Treffen zwischen dem damaligen Bundesanwalt Michael Lauber und dem Fifa-Präsidenten sowie weiteren Teilnehmern, während die Bundesanwaltschaft Verfahren gegen Fussballfunktionäre führte. Keiner der Beteiligten erinnerte sich an die Treffen, Lauber trat zurück und Sonderermittler entkräfteten im Anschluss den Tatverdacht. «Das ist ein vollumfänglicher, deutlicher und klarer Sieg für mich, für die neue Fifa und für die Gerechtigkeit», sagte Infantino nach der Einstellung des Verfahrens.
Wegzug aus der Schweiz?
Ausgerechnet unter der Regie des Wallisers Infantino steht die Fifa im Verdacht, sich schrittweise von der Schweiz zu distanzieren, wo der 1904 in Paris gegründete Verband seit 1932 beheimatet ist. Büros wurden ins Ausland, etwa nach Paris, New York oder Miami, verlegt. Auch der Präsident selber hat seinen Lebensmittelpunkt mit seiner Familie ins katarische Doha verlegt, seit Kurzem hat Infantino zudem den libanesischen Pass erhalten. Ein Wegzug der Fifa aus Zürich wäre nach einer Statutenänderung 2024 möglich, der Verband dementiert solche Überlegungen allerdings stets vehement. Bundespräsident Guy Parmelin hält es für «extrem wichtig», dass die Fifa ihren Sitz in der Schweiz hat. «Sie ist eine der grössten Sportorganisationen der Welt, daher bedeutet sie für unser Land mehr Arbeitsplätze, mehr Löhne, und sie ist grossartig für unseren gesamten Ruf», sagt der SVP-Politiker in einem Video der Fifa.
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