Vier Sennen singen die Nationalhymne. Zweisprachig. Da kommen fast die Tränen, so schön ist das. Und das Älplerlied (Lioba, Lioooooba). Und Julien Sprunger. Und der Präsident. Und Reto Berra. Und der Elefant. Irgendwann während dieses epischen Finals sorgt diese Welle an Emotionen dafür, dass selbst Nichtbegeisterte ein Herz für Gottéron entdecken. Und dann kommt noch der Basler Gottéron-Anhänger Fabian Herzog um die Ecke, der im fernen Neuseeland eine Reise bucht, um rechtzeitig für das siebte Spiel in der Schweiz zu sein. Das schafft er nach einer Odyssee von mehr als 18’000 Kilometern und 40 Stunden, aber das erste Drittel verpasst er am Freitag in Davos trotzdem: Stau am Walensee. Man fühlt sich an die 80er-Jahre erinnert, als der Walensee als das Stau-Imperium der Schweiz notorische Bekanntheit erlangte.
Zenhäuserns Handschrift – ohne Schmerzen geht es nicht
Das Schlussbouquet dieser Saison hat Herzog aber nicht verpasst. Einer, der vor den Playoffs angekündigt hatte, Gottéron zu verlassen, erzielt in der Verlängerung das bedeutsamste Tor der Vereinsgeschichte. Ein Schuss, den die ganze Schweiz gehört hat. Lucas Wallmark (30) geht zurück nach Schweden, um für seinen Heimatklub Björklöven Umea zu spielen. Irgendwie hatte Wallmark keine Lust mehr auf den Landsmann hinter der Spielerbank, aber dieser Roger Rönnberg (54) hat Gottéron in letzter Konsequenz über die Ziellinie gebracht. Mit Emotionen allein geht es nicht, nicht mal mit Emotionen und zwei Russen, das weiss man in Fribourg, selbst wenn die von so herausragender Qualität sind, dass man sich noch Jahrzehnte später fragt, warum man mit Slawa Bykow und Andrei Chomutow nie Meister wurde.
Eine belastbare Antwort bekommt man von Sportchef Gerd Zenhäusern (54) und seinen Massnahmen. Dafür muss Zenhäusern nicht mal über die Vergangenheit des Klubs sprechen, man muss sich nur anschauen, wie der Walliser den Klub in den vergangenen Jahren verändert hat. Man erinnert sich vage an den Trainer Christian Dubé (49), der am Tag entlassen wurde, als die Schweizer Nati mit einer Silbermedaille aus Prag zurückkehrte. Dieser 27. Mai 2024 hat Gottéron erschüttert, weil Dubé erfolgreich war, obwohl auch er nichts gewinnen konnte.
Das reichte Zenhäusern aber nicht. Dubé war beliebt, er hatte die Mannschaft durch die Qualifikation sausen lassen und in den Halbfinal geführt, aber da scheiterte man an der Überlegenheit Lausannes, eine Niederlage der Strategie und der Taktik. Aber es funktionierte doch auch so? Ist Fribourg nicht ein Klub, den man auch ohne Titel lieben kann? Das schmucke Stadion, Tausende von Fondü-Mahlzeiten, der Treffpunkt im Kanton – das geht doch auch ohne Silberzeugs? Eben nicht. Ohne Titel schimmert alles, was als Ersatz für Silberzeugs herhalten kann, wie ungepflegtes Trompetenblech.
Das Duo «Streuler» singt keine Arien
In den 80er-Jahren, als am Walensee Stau war, hatte Fribourg mit einem Trikot nationale Berühmtheit erlangt: Das Jumbo-Trikot mit dem schnuckligen Elefanten mit dem roten Rüssel. Das konnte man jetzt auf der Tribüne wieder entdecken. Unten auf dem Eis hat Zenhäusern noch andere Spuren hinterlassen und die Mannschaft robust gemacht. Das Duo «Streuler» singt zwar keine Arien, verursacht aber blaue Flecken. Max Streule (22) und Simon Seiler (29) sind Verteidiger, aber angriffslustig wie Käfigkämpfer. Ein bisschen dreckig? Unbedingt. Ohne Schmutz kein Preis, sagt der Playoff-Fachmann. Zenhäusern hat dafür gesorgt, dass Fribourg das Muskelrennen zumindest nicht verliert.
Die Emotionen? Die müssen dafür nicht zurückstehen. Julien Sprunger (40) hat allein Kübelweise über dem Klub ausgeschüttet, das Schlussbouquet musste in Davos stattfinden, wo er 24 Jahre zuvor in der Liga debütierte. Sprunger galt lange Zeit als Vertreter einer Gottéron-Generation, die nie den Titel gewinnen wird. Dachte man. Er geht jetzt und nimmt den Titel mit, damit schreibt er eine der schönsten und zeitgleich erfolgreichsten Geschichten, die das Schweizer Eishockey zu bieten hat. Manchmal kommt es nicht darauf an, wie viele Titel es sind. Bei Sprunger reicht einer, weil er sämtliche Emotionen der Vergangenheit in ein Panoptikum verwandelt, wo man um sich herum alles sieht, was war.
Häpperastock mit Bratwurst, Erbsli und Rüebli
Auch der Präsident Hubert Waeber (64) geht mit diesem Titel in der Brusttasche, und dieser Präsident hat mit seinen Pausen-Interviews während der Finalserie schwer gepunktet. Ein erfrischender Typ, das Hemd nicht stramm in den Kragen gezogen, sondern leger getragen, dazu ein paar Sprüche mit dem Charme der Sensler. Die Sensler. Melanie, die Frau von Andrea Glauser (sie ist die Schwester von Christoph Bertschy), hat uns während Spiel sechs auch ein denkwürdiges Interview geschenkt, als sie von den Ernährungsgewohnheiten ihres Bruders erzählte und warum der seit seiner Rückkehr aus Nordamerika (2018) kein Spiel verpasst hat.
Man weiss jetzt, dass Bertschy jeden Donnerstag mit Kartoffelstock (Senslerisch: Häpperastock) und Bratwurst mit Erbsli und Rüebli und einer Extraportion Salatsauce bei der Grossmutter verpflegt wurde. Das ist Folklore, die unter die Haut geht. Und wem das nicht reicht, der bekommt als Pointe zum Schluss eben noch die Fribourger Sennen-Hymne (Lioba, Lioooooba) um die Ohren gehauen.
Moitié-Moitié und immer ausverkauft
Kein Wunder also, stehen mehr als 2000 zahlungsbereite Kunden auf der Warteliste für eine Dauerkarte. Mehr als tausend Fondues (die mögen da Moitié-Moitié) gehen bei jedem Spiel über den Tresen, die Heimspiele sind seit mehr als 100 Spielen ausverkauft, selbst wenn man die Kapazität der BCF-Arena mit baulichen Massnahmen immer weiter in die Höhe schraubt.
Ach, Gottéron. Man dachte eigentlich, es gehe auch ohne Titel. Ein Alleinstellungsmerkmal und eine These dafür, dass es im Profisport nicht nur um den sportlichen Erfolg geht. Aber während des siebten Spiels in Davos war die BCF eben wieder ausverkauft, und draussen vor den Toren hatte sich praktisch der ganze Kanton versammelt, 30’000 Verrückte, gekommen, um Gottéron gewinnen zu sehen. Dann haben sie fünf Stunden auf ihre Helden gewartet. Und der Elefant war auch dabei.
